Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 3 (11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 90 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 90 geschrieben hat, führt Briefe des großen Erzählers an, in denen er jeden Gedanken von Rassenhaß weit von sich weist. Einer alten jüdischen Dame, die dem Dichter ihren Schmerz darüber mitteilte, daß er neben den egoistischen und zynischen Moses Freudenstein keinen anständigen Menschen ihrer .Abstammung und ihres Bekenntnisses gestellt habe, antwortete Raabe: „Ich muß sagen, daß Sie mir unrecht tun. Behandele ach nicht im Hungerpastor den wirklichen Juden mit allem Respekt? Ist es meine Schuld, wenn Sie den Renegaten noch zu den Ihrigen rechnen?____ Ich erlaube mir, Sie auf die Frau Salome aufmerksam zu machen. Vielleicht entschädigt die jüdische Dame dort Sie für Ihr Mißfallen an Herrn Moses 'Freudenstein, alias Dr. Theophile Stein. Auch aus „Höxter" und „Corvey" können Sie wohl ent-, nehmen, daß ich nicht zu den Antisemiten zu zählen bin, sondern nur wie unser Herrgott in seiner Welt mein-Licht in meiner Kunst leuchten lasse über — Gerechte und Ungerechte." Einem anderen jüdischen Leser hat Raabe ebenfalls geschrieben, für ihn habe der Renegat nichts mit dem rechten Israel zu tun. „Mir steht das Motto aus dem Sophokles *) über meinem ganzen Lebenswerk, und die Juden sind dabei nicht am schlimmsten gefahren." Als einen Zug, der den seiner Gemeinschaft Abtrünnigen kennzeichnet, hebt Raabe hervor, daß Moses Freudenstein niemals seiner Toten gedenkt. Der Dichter weiß, wie heilig der jüdischen Gemeinschaft ihre Gräber sind. So dst es kein Zufall, daß er fast zur gleichen Zeit wie den Hungerpastor die kleine Erzählung Holunderblüte schuf, das wehmütige Liebesidyll von dem berühmten jüdischen Friedhof zu Prag. In der Erinnerung eines, alten christlichen Arztes steigt der „gute Ort" auf, wo er als junger Student die Neigung und den Zauber eines armen, kranken jüdischen Mädchens empfinden durfte. Wenn der greise Pförtner, des Mädchens Verwandter, eingeschlafen oder in den Talmud vertieft war, dann sind die beiden jungen Menschenkinder Hand in Hand in das Beth-Chaim geschlüpft, und die unzähligen Steintafeln unter den Holunderblüten, die tausendjährigen Gräber haben für den deutschen Studenten bald nicht mehr den Schauer des Todes gehabt. „Ja, Beth-Ohaim! Wohl wurde mir dieser Kirchhof zu einem Haus des Lebens. Wenn mir dieses junge Mädchen die wunderlichen Hieroglyphen der hebräischen Grabtafeln deutete, so beschwor es dadurch ein Leben herauf, von welchem ich bis dahin keinen Begriff gehabt hatte. Weise, tugendhafte, fromme Männer und Frauen, edle Dulder und Dulderinnen, schöne Männer und Jünglinge erwachten aus einem Schlummer, der Jahrhunderte hindurch gewährt hatte, und ihre Schatten gewannen lebendigstes Leben. Ergreifend enden die Erinnerungen des Arztes: ein' Jahr nach der von dem alten Pförtner erzwungenen Trennung zieht es den jungen Studenten aus Berlin unwiderstehlich zurück nach Prag. Tag und Nacht reist er durch, aber er findet die, deren liebliches Bild ihn gerufen und begleitet hat, nicht mehr unter den Lebenden. Der fast hundertjährige Pförtner, der unter den Steinen in der Luft des „guten Ortes" ein mildes Auge für das Tun und Lassen seiner Mitmenschen gewonnen hat, empfängt den erschütterten Studenten ohne Groll und sagt ihm, daß die Dahingegangene mit tausend Segenswünschen für ihn auf den Lippen eingeschlafen ist. „Der Gott aller Völker — so schließt der Greis seinen Bericht — weiß die beste Art, wie er seine Kinder aus jeder Dunkelheit, aus allen Kerkermauern in das Licht und die Freiheit führen kann. — Gott hat sie mir genommen, um sie in das wahre Haus des Lebens zu führen — sein Name sei gepriesen." —---- _ Die Gestaltung jüdischer Menschen und jüdischer Schicksale ist nur ein kleiner Teil von Wilhelm Raabes reichem Schaffen. Aber wer von dieser Seite her den nicht immer leichten-Weg-zum Verständnis für Raabes Art und Kunstsucht, der wir die Ge-: rechtigkeit und Weite seines geschichtlichen Blickes, seine Liebe zu den unentwegten Bekennern reiner Menschlichkeit, seinen Sirnr für die Unterdrückten und Duldenden kennen lernen und eine gütige; Vorstellung der dichterischen und menschlichen Größe Wilhelm Raabes gewinnen. *) „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin idi da" steht als Motto über dem Hungerpastou Rabbi Jacob Josua Falk Wie wir bereits kurz berichteten, wurde auf. dem Friedhof am Börneplatz am 17. September ein neuer Grabsteiu für den im Jahre 1756 hier bestatteten berühmten Gelehrten Rabbi Jakob Josua ben Zwi Hirsch (Falk) enthüllt. Herr Gemeinderabbiner Dr. Jakob Hoff mann hielt dabei eine Gedenkrede, in der er den Werdegang und die große Bedeutung des Gelehrten und seines Werkes darstellte. Der Grabstein, der von Bildhauer Leo Horovitz nach dem Vorbild des verwitterten alten Steins geschaffen wurde, stellt die Stiftung eines Gemeindemitglieds dar und bedeutet ein nachahmenswertes Beispiel pietätvoller Opferfreudigkeit. Aus der berühmten Schrift von Rabbiner Dr. Markus Horovitz s. A. „Frankfurter Rabbinen" bringen wir einen Aus- 1 zug der Besprechung des Pene Jehoschua, des Hauptwerkes des Rabbi Falk, nach dem er zumeist kurz genannt wird. In den Kreisen der Halachakenner ist das Werk „Pene Jehoschua", dieses Lieblingswerk aller Freunde einer klaren Auffassung, bekannter als* der Name seines Verfassers.*) Es ist, als ob man den Eindruck der Ruhe, den man aus seinen so spiegelglatt dahinfließenden Ausführungen gewinnt, nicht hätte trüben wollen durch die Erinnerungen an die Leiden und Kämpfe, denen er persönlich ausgesetzt war. Und auch viele seiner Zeitgenossen, die Gegner des R. Jakob. Josua waren, verneigten sich ehrerbietig vor der Bedeutung des „Pene Jehoschua". — Ein neuer Kommentar zu einigen wichtigen Traktaten des Talmuds war damals nichts Seltenes. Aber der Kommentar „Pene Jehoschua" war eben nicht im gewöhnlichen Stil der anderen abgefaßt. Mit einer fließenden, leichtfaßlichen Darstellung, mit einer bis auf den Grund durchsichtigen Klarheit, verbindet er eine wahrheitliebende Auffassung, wie sie bei den ältesten Erklärern des talmudischen Schrifttums gebräuchlich war. Er deutet nicht an, er sagt alles heraus, er gibt keine Wdnke, sondern einen vollen klaren Einblick, und wird dennoch schneller fertig mit dem, was er will, als Andere mit ihren gedankenschweren Worten. Er will aber auch nicht das, was manche Andere wollten. Er will die Stelle verstehen da, wo viele in ihr finden wollten, was sie suchten: Er beschreibt selbst seine Methode: Ich habe den Vorsatz gefaßt „nichts niederzuschreiben, was von der Erforschung der Wahrheit irgendwie sich entfernt," nur „wenn mir ein neuer Gedanke über eine Stelle kommt, der mir auf der Stufe jener Methode zu stehen scheint, die unsere „Ersten" befolgten, erwähle ich ihn und schreibe ihn nieder." — Zu dieser Vorsicht gelangt er besonders durch den Ton und die Methode so vieler in jener Zeit erschienener Schriften, in Bezug auf welche die heilige Lehre zum Schöpfer rufen könnte: „Deine Söhne haben mich zu einem Instrumente gemacht, das sie in zur Unterhaltung errichteten Räumen spielen." Wie der scharfsinnige Jurist oft aus kleinen Nebenumständen "die Wahrheit ermittelt, so läßt sich oft in der Exegese des Talmud durch 'kleine geringfügigscheinende Wendungen, durch nebenher gemachte Aeußerungen und durch die verschiedenen Ausdrücke, mit denen derselbe Gedanke an verschiedenen Stellen vorgetragen wird, der wahre Sinn herausfinden. Das ist die Methode, die im Buche „Pene Jehoschua" die größten Erfolge erzielte. Wir sehen da den Verfasser zuächst in die vorliegende Stelle sich vertiefen, auf alles achten, alles Auffällige ins Auge *) Es ist auch sonst in der halachischen Wissenschaft Sitte, die Verfasser bedeutender Werke nach dem Namen ihrer Schriften zu nennen. — Man wollte bei der Strenge, der Lebhaftigkeit und Schärfe der Diskussion, die diese Literatur so eigenartig auszeichnet, immer in erster Linie den Gegenstand und nicht die Persönlichkeit dessen im Auge haben, mit dessen Ansicht man sich beschäftigte. Bankhaus S. MERZBACH gegründet 1832 Offenbach am Main und Frankfurt am Main Die Geschäftsräume der Frankfurter Niederlassung befinden sich jetzt Kirchnerstrasse 2, Ecke Kaiserstraße <Hapaghaus> ^__