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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-11-01 · 3 (11.1934) · p. Seite 89

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
3 (11.1934)
Date
1934-11-01
Page
Seite 89 (sequence 11)
Language
German
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Seite 89 ist das Stübchen gekehrt, der dreibeinige Tisch festgestellt, ein Bund Stroh in die gesäuberte Bettstelle geschleppt. Nun kann die Kleine, trotz der Scheußlichkeit, die sie rings umgibt, doch zu Hause der Heimkunft der Großmutter entgegenschlafen. Als die alte Leah am Abend des nächsten. Tages über die zertrümmerte Schwelle durch die türlose Pforte in ihr Haus heimkehrt, läuft ihr die Enkelin aufschreiend entgegen. Die Greisin senkt das Haupt und sagt einen Spruch in der Weise ihrer Väter. Dann tröstet sie das Kind; wer so weit her kommt aus der Zeit wie sie, wer so viele Heeresführer vorüberreiten oder über sich wegtreten ließ, der schickt sich in die Zeit und nimmt das Schlimmste als das Gewöhnlichste hin. Wie aber dann das Gesindel, geführt von dem beutegierigen Fährmann, gegen die Juden geht, das Nachbarhaus plündert und anzündet, wie die Mordbrenner bei Leah einbrechen und ihr wüster Anführer der Greisin die Gurgel zusammendrückt, wie der ehrwürdige Corveyer Bruder Henricus und ein wackerer lutherischer Student rechtzeitig Hilfe bringen —, das muß man in Raabes lebendiger Darstellung lesen. Und auch den Abschluß der Erzählung: wie die Greisin sich erst wieder erholt, dann aber zur ewigen Ruhe eingeht und so den zweiten Angriff auf die Juden, aber, auch die Hilfe für die Enkelin und für ihre Glaubensgenossen nicht mehr miterlebt. „Es ist nur eine gewesen, die» den Hafen in dieser Nacht in Höxter oder in Corvey erreicht hat", sagt der alte Mönch, als er im Morgengrauen wieder vor der- Türe seiner Klosterzelle steht. — Prau Salome! Eine Erzählung aus Raabes eigener Zeit. Im Mittelpunkt eine jüdische Bankierswitwe aus Berlin, Frau Baronin Salome von Veitor. „Eine stattliche Figur — Kraft und Schönheit — schwarze Haare und schwarze Augen und in den Äugen jenes seltsame Suchen der im Gewühl Einsamen." Also auch, sie eine Persönlichkeit! Wie Armut und Druck der Kröppel- LeaK nichts von ihrer Würde genommen haben, so hat der Reichtum bei Frau Salome der Vornehmheit des Herzens und der schlichten Menschlichkeit nicht geschadet. Bei keinem findet der grobe Justizrat Schölten so viel natürliches Empfinden, niemand steht ihm durch die gleiche Abkehr von Aeußerlichkeit und Eitelkeit so nahe, wie seine „kluge hebräische Freundin Frau Salome". In einem schwierigen Fall, der Schölten sehr am Herzen liegt, für die traurige Lage eines jugendgenossen, weiß sie Rat und will gleich helfen. „Ich will diesen Mann kennen lernen", sagt sie von dem närrischen Bildhauer Querian, „wenn er Geld haben will, soll er es haben. Er soll mir heraus! Wenn er ein Künstler ist, soll er weg von hier — einerlei wohin — nach Italien, nach Rom, und mir soll er sein Kind lassen." Dieses Kind ist das verwahrloste hungernde Töchterchen Querians, das vor dem tollen Vater geflüchtet ist. Aber ein schauriges Erlebnis vereitelt den Hilfsplan für den Unglücklichen: Querian vernichtet sein Kunstwerk und legt Feuer an sein Haus; die Flammen, von einem Gewittersturm ■ weitergetragen, zerstören zwei Drittel des.»Dorfes. Frau Salome bewährt sich als eine mutige, selbstlose Helferin: sie .trägt kleine Kinder aus den brennenden Häusern, sie bringt die Habseligkeiten der Armen dn Sicherheit. Ihre Hände bluten, ihre Kleider sind zerrissen, ihre Körperkräfte gehen zu Ende, aber ihre geistigen Fähigkeiten hat sie klar beisammen. Zu den Füßen der Baronin liegt das von ihr aus dem Tumult gerettete Töchterchen Querians. Am Abend erscheint Justizrat Schölten, er rät, bald das Kind wegzuschaffen. Denn das Dorfvolk sucht nach jemand, gegen den es seiner Verzweiflung und Wut Luft machen kann. Man hört schon drohende Worte, die erregte Menge steht mit schlimmen Blicken um die drei herum. Frau Salome kennt keine Furcht. Es geht ihr nur ans Herz, wie vergeblich all unser Streben nach Freiheit und Erkenntnis ist. „Wir können nicht heraus, wir stecken in uns, wir stecken in der Menschheit, wir sind, gefangen in dem harten Gefängnis der Welt." Und. sie sagt ihrem Freund, wonach sie sich sehnt: „nach der dunklen Ecke auf der Weiberseite der Synagoge, wo sie mit ihrer Mutter saß und die Thora ablesen hörte." Aber die jüdische Frau rafft sich auf: auf einem Leiterwagen, auf einer Kiste sitzend, bringt Frau Salome, trotz Belästigungen und Drohungen, das verwaiste Kind, das bei : ihr eine Heimat finden soll, in Sicherheit. Zwölf Jahre vor dem Abschluß der beiden Novellen hatte Wilhelm Raabe zwei Werke geschaffen, die, zugleich entstanden, auch Hans Marcus Treuhänder und Fachberater fUr Steuer- und Devisenrecht Frankfurt a. M., Goethestr. 5 Telefon 28561 beide die Anteilnahme des Dichters an jüdischem Wesen und jüdischem Leben bekunden. Es sind der große Roman D e r Hungerpastor und die kleine Erzählung Holunderblüte. Aus dem Hungerpastor hat man falsche Schlüsse über Raabes Stellung zu den Juden gezogen. Wohl verkörpern Wesen und Lebensbahn des christlichen Schustersohnes Hans Unwirrsch die innere Reinheit und das sehnsuchtsvolle Streben nach Erkenntnis, Moses Freudenstein dagegen, der Sprößling des jüdischen Trödlers, ist der selbstsüchtige, rücksichtslose Verstandesmensch mit der Gier nach Wissen, das ihm Ehre, Macht und Genuß bringen soll. Aber wenn der Literarhistoriker der deutschen Stämme und Landschaften, Josef Nadler, hier als Idee des Buches den Rassengegensatz zwischen, dem Germanen und dem Semiten sieht, so ist das nicht im Sinne des Erzählers. Zu deutlich zeigt Raabe, wie es zu der unseligen Entwicklung von Moses gekommen ist. Dem Vater Freudenstein hat. das Leben arg mitgespielt. Als er 1806 zu Neustadt eingezogen ist, wurde er als Jude gleich dem Schlachtvieh verzollt. Er ist reich geworden, er hat geheiratet, aber seine liebe, hübsche Frau, das Blümchen, ist im Wochenbett gestorben. Den mutterlosen Knaben hat Freudenstein nach seiner Weise erzogen: im Wissen und im Geld hat er Schild und Waffe gesehen gegen alle Zurücksetzung. Diese falsche Lehre hat. er seinem Moses eingeimpft, ohne zu ahnen, daß die Seele des Knaben dabei verkümmern mußte. Auch die Umwelt hat das Kind verhärtet, denn „in jenen vergangenen Tagen hatten die Alten wie die Jungen des Volkes Gottes viel zu dulden von ihren christlichen Nachbarn; unendlich langsam ist das alte schauerliche Hepp-hepp, welches so unsägliches Unheil anrichtete, verklungen in der Welt." Und da zumal die Kinder unter den Kindern elend dran waren, führte der kleine Moses kein angenehmes Dasein. „Wenn er sich blicken ließ, fiel das junge nichtsnutzige Volk auf ihn —, gestoßen, an den Haaren gezerrt, geschimpft und geschlagen bei jeder Gelegenheit ließ er sich auch so wenig wie möglich draußen blicken und führte eine dunkle, klägliche Existenz in der halbunterirdischen Wohnung seines Vaters." Auch der Einfluß des jungen Hans Unwirrsch, der Moses gegen die Niedertracht und Feigheit seiner Peiniger hilft, der ihm ein treuer Freund wird, kann nicht ändern, was die bösen Geister, die an der Wiege des Knaben standen, aus ihm machen. Der Dr. Theophile Stein, der seinen Namen und seinen Glauben aufgibt, der jedes Band zerreißt, das ihn mit den Seinen verknüpft, wird ein vollendeter Schurke. Als rassenmäßig bestimmt aber sieht Wilhelm Raabe diese Entwicklung nicht an. Wenn den alten Freudenstein der Schlag trifft, als ihm plötzlich klar Svird, weich ein Mensch sein Sohn geworden ist, wenn Moses beim Tod des Vaters kalt und hart bleibt, wenn er nur Verachtung gegen, die alten Judenfrauen zeigt, die ihm beim Abschied aus der Heimat ihre Segenswünsche mit auf den Weg geben wollen, dann spüren wir: für den Dichter ist Moses schon kein rechter Jude mehr. Josef Baß, der über die jüdischen Gestalten bei Wilhelm Raabe bringt fabelhafte Wollkleider, aparte Tee - Kleider fesche Nachmittagskleider und die bekannte Auswahl eleganter Winter-Mantel

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