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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-11-01 · 3 (11.1934) · p. Seite 91

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
3 (11.1934)
Date
1934-11-01
Page
Seite 91 (sequence 13)
Language
German
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Seite 91 fassen, und während wir glauben, noch den Kritiker zu hören, baait sich schon fast unbemerkt der positive Gedanke auf, der dann immer klarer hervortritt, bis durch ihn nacheinander die Schwierigkeiten schwinden und alle Einwendungen früherer Erklärer wie von selbst hinfälligwerden. — Man hatte seit langer Zeit die Literatur der Talmud-Kommentare ferngehalten fast von jeder Berührung1 mit den praktischen religionsgesetzlichen Entscheidungen, die in besonderen Werken und Gutachtensammlungen ihre Pflege fanden. Das hatte seinen guten Grand. Einerseits wollten die Kommentare für ihre Erklärungsweise mehr Freiheit haben, als ihnen der Ernst der praktischen Konsequenz gestatten konnte, und andererseits mußte die Entscheidung an bestimmten von anerkannten Auslegern gegebenen Auffassungen im allgemeinen festhalten, wenn anders die religiöse Praxis nicht jeden Augenblick nach den Ansichten der einzelnen Erklärer sich ändern sollte. — Und seitdem diese Scheidung vollzogen war, war das Buch „Pene Jehoseb.ua" nach langer Zeit der erste Talmud- Kommentar, der jedes Wort im vollen - Gefühle der Verantwortlichkeit für die Anwendung seiner Ausführung auf das religiöse Leben schrieb und daher bei Erledigung wichtiger Fragen auch gehört wurde. Jüdische Musik auf der Schallplatte Eine sehr interessante Veranstaltung der „Gesellschaft für jüdische Volksbildung" machte zum Simchas Thora- Abend einen — leider nur kleineren — Kreis mit seltenen Schall platten jüdischer Kunst und jüdischer Künstler bekannt. In vier Gruppen (Synagogales, Instrumentalvorträge, Jargohlieder und bunter Teil) rollte ein sorgfältig zusammengestelltes, abwechslungsreiches Programm aus den reichen Beständen Siegbert Eicks ab, das in Professor Dr. Moritz Werner einen überaus kundigen und gewandten Erklärer („Ansager") fand. Zumal der erste und zweite Teil brachten zahlreiche folkloristische und musikalische Leckerbissen. IL a. hörte man eine Scene der berühmten Tragödin Rovina an der Klagemauer zu Jerusalem, eine der hervorragendsten Schauspielplatten überhaupt; und eine ganze Reihe von Festgesängen in internationaler Besetzung. Die prachtvollen Stimmen der Lodzer Chorsinger mochten so manchen an die Don-Kosaken erinnern. Horowitz spielte geradezu zwingend überaus schwierige Paganini-Variatiouen, und auch von Simon Goldberg, der bis vor zwei Monaten als Konzertmeister des. Berliner Philharmonischen Orchesters unter Furtwängler wirkte, wurde eine neue englische Aufnahme geboten. — Siegbert Eick, der kunstsinnig und kenntnisreich seine Sammlung von Grammophonplatten <uis allen Gebieten der Musik angelegt hat, wird in Kürze Frankfurt und Deutschland verlassen; er hat mit diesem Abschieds-Abend und vielen anderen, die er in kleinerem Kreis veranstaltet hat, vielen Hörern Freude und vielseitige Anregung vermittelt. g. sch. Das jüdische Volkslied Ueber dieses Thema sprach Artur Holde in der „Gesellschaft für jüdische Volksbildung". Der Redner ging davon aus, daß sich der weltliche Gesang im Judentum durch das Vorherrschen des Kultischen und durch das Musikverbot der mittelalterlichen Rabbiner (Maimonides) erst spät entwickelte. In Deutschland liegen aus älterer Zeit nur wenige Zeugnisse einer profanen Musik vor. Immerhin gab es um 1360 in Frankfurt ein jüdisches Tanzhaus, in dem jüdische Spielleute ihre der deutschen und italienischen Musik entliehenen Weisen erklingen ließen. Im 17. und 18. Jahrhundert entstanden Ansätze zu häuslichen Gesängen, die aber mit der Emanzipation wieder verschwanden. Die neuen zionistischen Lieder, die in Palästina gesungen werden, sind meist europäischen Ursprungs. Dagegen besitzen die Juden des übrigen Orients (Arabien, Buchara etc.) eine eigene Prägung außersynagogaler Musik. Auch für sie ist, wie die reichen Sammlungen Idelsohns bezeugen, die Anlehnung an die Melodien des Kults und der nichtjüdischen Umwelt charakteristisch. Den fruchtbarsten Boden für das jüdische Volkslied gab Osteuropa ab, das den Typ des Jargon-Liedes zur Entfaltung brachte. Holde .ging näher auf die Entstehung, auf die textliche und musikalische Struktur des östlichen Vblksgesanges ein. Der Stoffkreis umfaßt, der Eigenart östlichen Lebens entsprechend, im Gegensatz zum deutschen Volkslied keine Jagd- und Wanderlieder; ebenso sind Liebeslieder gegenüber Hochzeits- und Ehegesängen in der Minderzahl. Besondere Beachtung verdienen die Lieder philosophischen Inhalts. Holde streifte noch kurz den an die Ohoralmelodik angelehnten jüdischen Volksgesang in Deutschland und schloß mit einem Ausblick auf die neue Blüte eines bodenständischen Liedes in Palästina. Die fesselnden, gemeinverständlichen Ausführungen fanden lebhaften Anklang. Um die Ausführung der zahlreich eingefügten, treffenden Beispiele machte sich Oberkantor Naumow-FIeischmann in guter stimmlicher Disposition und mit besonderer innerer Bereitschaft verdient. Dr. E. „100 Minuten jüdische Kunst" Viele wenden sich mit Entrüstung dagegen, daß in der heutigen Notzeit deutsche Juden Geselligkeit und gar Tanz pflegen. Andere suchen das zu erklären und zu verteidigen: gerade der schwere seelische Druck, unter dem wir alle leben, lasse ein gewisses Bedürfnis nach Entspannung, nach Freude und völliger Abkehr vom Alltag begreiflich erscheinen, begreiflich zumal bei der Jugend. Beide Anschauungen sind zu verstehen — aber auch wer nicht jedem geselligen Zusammensein, ob es sich in privatem Kreis oder in größerer Oeffentliehkeit abspielt, das Daseinsrecht abspricht, erwartet und fordert, daß überall die größte Selbstdisziplin und aller Takt gewahrt werden. Ein einfaches Tanzvergnügen mag hingehen — alles geräuschvolle Festefeiern ist von Uebel. Aeußeren Anlaß zu diesen prinzipiellen Bemerkungen bildet ein Abend „100 Minuten jüdische Kunst", bei dem ein geselliger Teil dem eigentlichen Programm folgte. Die von Hans Assenh e i m geleitete Veranstaltung war außerordentlich stark besucht, auch bei den künstlerischen Vorträgen, über die allein hier zu berichten ist. Leider hatten viele keinen Sitzplatz, und so herrschte im großen Saal des Vereinshauses durchaus nicht immer die erwünschte Ruhe. Was an instrumentaler und vokaler Musik, an Rezitation und Vorlesung geboten wurde, vermittelte einen guten Einblick in mancherlei Gebiete jüdischer künstlerischer Gestaltung. Alfred Auerbach las mit scharfer Profilierung zwei Abschnitte seines neuen, den Lebensweg eines deutschen Juden der Gegenwart darstellenden Romans „Wanderer Wohin?". Abschnitte, die auf das Ganze gespannt machten. Einfach und klar und mit starker Eindringlichkeit sprach Sofie Seligmann die ungemein packende Novelle von Karl Emil Franzos „Der Shylock von Barnow". Jüdische Weisen von Kirman und Brown wurden von Theo Ratner (Geige) in schöner Tongebung vorgetragen, und ein paar — nicht gerade bedeutende — jüdische Lieder von Low sang Heinrich Bornstein mit bewußter starker Pointierung. Siegfried Würzburger eröffnete den Abend mit seiner, an klassischen Meistern geschulten wirkungsvollen „Passacaglia" und Fuge über „Kol nidrei". Max Firnberg und Dr. Willy Salomon (von dem auch die Bearbeitung der Lieder stammte), begleiteten kundig und geschmackvoll. Das Programm trug allen Mitwirkenden sehr freundlichen Beifall ein. — Durchaus unnötig aber war die Heranziehung eines jüdischen Symbols als Bühnendekoration (es gibt auch jüdischen Kitsch!) und — wann endlich werden solche Veranstaltungen einigermaßen pünktlich beginnen? g. sch. AUSLAND-, spez. PALÄSTINATRANSPORTE /ALBERT HERZ SAMMELLADUNGEN EIGENE LAGERHÄUSER EIGENER FUHRPARK Möbel - Koffer (Lift-Vans) VERPACKUNG VERSICHERUNG Schnellverkehr mit Trajektwagen nach England ohne Umladung INTERNATIONALE SPEDITION FRANKFURT-M. Tel. 30576 Gutleutstrasse 31-

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