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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-10-01 · 2 (10.1934) · p. Seite 46

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
2 (10.1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 46 (sequence 4)
Language
German
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Seite 46 Das Schriftwort Abrahams und Saras Weg nach Aegypten . Von Max Dienemann Jedermann kennt die biblische Erzählung von Abrahams Wanderung nach Aegypten, als die Hungersnot groß war in Kanaan. ,.Und es war, als er nah an Aegypten war, da sprach er zu Sarai seinem Weib: ich weiß ja wohl, daß du ein Weib schön von Ansehen bist. Wenn dich nun die Aegypter sehen und sagen, sein Weib ist die, werden sie mich erschlagen und dich leben lassen. Sprich doch, du seist meine Schwester, daß mir um deinetwillen Gutes geschehe und ich selber deinethalber lebe. Als Abrain nach Aegypten kam, sahen die Aegypter das Weib, daß es sehr schön war. Die Fürsten an Pharaos Hof sahen sie und priesen sie dem Pharao, und das Weib wurde in Pharaos Hof geholt. Dem Abram tat er Gutes um ihretwillen, er bekam Schafe und Rinder und Esel, Knechte und Mägde, Eselinnen und Kamele. Gott aber schlug den Pharao mit großen Schlägen, und auch sein Haus, wegen Sarais, des Weibes Abrains." So die biblische Erzählung. An sie lehnt sich eine Erzählung des Midrasch an, die diesen Bericht teils weiterführt, teils aber umbiegt. Der Midrasch lautet: „Ehe sie nach Aegypten kamen, sagte Abram zu Sarai: die Aegypter sind ausschweifend, ich will dich darum in eine Kiste verschließen. Als sie die Grenze überschreiten wollten, kamen die Zollwächter und fragten: Was hast du in der Kiste? Er antwortete: Gerste. Darauf die Zollwächter: Laß sehen, vielleicht ist's Weizen? Abram: Dann erhebet Zoll, als wäre, es Weizen. Die Zollwächter: Ist's vielleicht Pfeffer? Abram: Dann berechnet Zoll von Pfeffer. Die Zollwäehter: Vielleicht ist's Seide? Abram: Verzollet denn, wie Seide zu verzollen ist. Die Zollwächter: Vielleicht hast du gar ~ Gold in der Kiste. Und sie bestanden darauf, daß er die Kiste öffnete. Da sehen sie die Frau, und sie strahlte von Schönheit gleich der Sonne. Die Zöllner sagten zueinander: Solch einer Frau ist nur der König w,ürdig. Als Abram das sah, fing er an zu weinen und betete vor dem Heiligen gelobt sei er: „Herr der Welt, auf Dich habe ich all meine Zuversicht gesetzt, und nun laß' mich nicht zuschauden werden in meiner Hoffnung, tue es um Deiner Barmherzigkeit und Gnade willen." Und auch Sara schrie auf und sprach: „Herr der Welt, ich wußte noch von nichts und als er zu mir sprach, Du habest zu ihm gesprochen: „Geh', zieh' aus aus deinem Lande," habe ich auf Dein Wort vertraut, jetzt nun bin ich allein, verlassen von Vater und Mutter und Gatten, soll jener .böse König seinen Spott an mir haben? Tue es um Deines großen Namens willen und um meines Vertrauens auf Dein Wort." Sprach zu ihr der Heilige gelobt sei er: bei deinem Leben, nichts Böses-wird an dich und deinen Mann rühren. Das ist's, was geschrieben steht (Spr. Salom. 12, 21) „nichts Unrechtes wird zustoßen dem Frommen, doch die Frevler sind voll des Bösen." An Pharao und seinem Hause will ich ein Beispiel verüben. In dieser Stunde stieg ein Engel vom Himmel hernieder und in seiner Hand war ein Stab. Wollte Pharao ihr den Schuh ausziehen, schon schlug er ihn auf die Hand. Wollte er ihr Kleid berühren, schlug -er ihn. Bei jedem Schlag verständigte sich der Engel mit Sara. Darum heißt es al dewär sara, wörtlich: „Auf das Wort Saras", es heißt nicht: „wegen" Sara oder „zur Vergeltung" für Sara, sondern: auf das Wort. Wann immer Sara gebot, er solle geschlagen werden, schlug man ihn, und sagte sie, er solle ein wenig innehalten, tat er also." So der Midrasch (Tanchuma zur Stelle, Midrasch rabbah zum 1. B. M. 40, 5). Was ist sein Sinn? Denn was erzählt wird, wird ja nicht aus Lust am Fabulieren erzählt, sondern hat eine bestimmte Absicht, ist Weiterführung der biblischen Erzählung in bewußter Tendenz. Zunächst ein Wort über die Verlebendigung des Bibelwortes. Die ganze Erzählung ist hier in eine dramatische Lebendigkeit hineingestellt, und man hat seine Freude an der Anschaulichkeit der ganzen Schilderung. Ein Wort ferner über das kulturhistorische Interesse an diesem Midrasch. Man kann an ihm die einzelnen Positionen des ägyptischen Zolltarifs aus der Zeit, in der der Midrasch entstand, ablesen. Vielleicht nicht gerade des .ägyptischen, aber der Autor muß über Zolltarife Bescheid gewußt haben. Was aber ist der innere Sinn des Ganzen? In gewissem Sinne eine Ehrenrettung Abrahams. Beim Lesen des biblischen Textes könnte einem die Frage aufsteigen: Was hat denn nun eigentlich Abraham damit erreicht, wenn Sara sich als seine Schwester ausgibt? Ist ihre Ehre nicht jetzt erst recht gefährdet? Ist das die Hauptsache, daß Abrahams Leben nicht in Gefahr kommt oder ist die Hauptsache nicht ebenso, daß Sara jeder Gefährdung entgeht? Ist es nicht unritterlich, daß Abraham mehr an sich denkt als an Sara, die, wenn sie seine Schwester nur ist, jedem Zugriff Brst recht ausgesetzt ist? Und sollte man dem entgegenhalten, daß er eben felsenfest auf Gott vertraute, so könnte man erwidern: Dann hätte es der Verabredung nicht bedurft und in gewissem Sinne grenzt ein solches Spiel mit dem Vertrauen schon an ein Versuchen Gottes. Hier setzt nun Midrasch ein und biegt mit der Erzählung, die er erfindet, den ganzen Bericht um. Jetzt steht Abraham als der da, der alles aufbietet, um Sara jedem unbefugten Blick zu entziehen. Das ist wohl die Absicht des Erzählers, und so ist der Midrasch Vertiefung und Erweiterung der Bibel. . Wir aber lernen dabei, mit welcher Aufmerksamkeit, mit welcher liebevollen Sorgfalt die Alten den Bibeltext lasen.' wie sie in ihn sich vertieften, ihn psychologisch durchdrangen, und wie ihnen jede einzelne Gestalt so lieb und teuer war, daß sie in noch hellerem Glanz erstrahlen mußte, als sie von der biblischen Erzählung schon empfing. Sie lasen nicht über den Text hinweg und nahmen ihn hier in seinem einfachen Wortsinn, ohne viel Nachdenken, sie handhabten ihn mit einer Souveränität, die geradezu kühn war. Aber zu solcher Kühnheit hat nur ein Geschlecht ein Recht, das so innig mit der Bibel und in ihr lebt, daß es seine Lebensform und seine innere Seelenhaltung in ihr beschlossen findet und von ihr allein das Gesetz jeglichen Handelns abgeleitet wissen will. Werden wir auch solch ein Geschlecht? Zum neuen Arbeitsplan des Lehrhauses Von Professor^Dr. Ernst Kantorowicz Der Arbeitsplan für den Herbstlehrgang des Jüdischen Lehrhauses ist soeben erschienen. Der Lehrgang wird am Sonntag, den 14. Oktober, nachmittags 5% Uhr, im großen Saal des Vereinshauses, Eschersheimer Landstraße 27, mit Psalmen, vorgetragen vom Jüdischen Kammerchor unter Leitung von Dr. Nathan Ehrenreich, und mit einer Rede von Professor Dr. Buber über „Die Mächtigkeit des Geistes" eröffnet. Ein Jüdisches Lehrhaus im Sinne einer Volkshochschule für jüdische Menschen muß bemüht sein, im Dienst seiner Bildungsaufgabe Allen etwas zu bieten, und zwar Jedem das Seine. Die Mannigfaltigkeit, die dabei zu berücksichtigen ist, besteht in der Verschiedenheit der Bildungsrichtungen und in der Verschiedenheit der stofflichen Interessengebiete. Die einen suchen, eine Lebensorientierung dadurch zu gewinnen, daß sie sich über die Lebenszusammenhänge unterrichten, in denen wir stehen; ihr Interesse richtet sich auf naturwissenschaftliche, insbesondere biologische Fragen, auf soziale, weltwirtschaftliche und weltpolitische Zusammenhänge oder auf Geschichte und Kulturwissen. Andere suchen Hilfe in den Weltanschauungsfragen, die sie bewegen: Fragen der persönlichen oder sozialen Lebensgestaltung oder religiöse Glaubensfragen. Andere wiederum suchen nach einer Sammlung und Entspannung im Kunsterlebnis oder nach einer Lösung und Entfaltung eigener Kräfte, wie es in Werkarbeit, in musikalischem Tun und in Bewegungsspielen, Gymnastik und Laienspiel, geschieht. Alle diese Bildungs-

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