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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-10-01 · 2 (10.1934) · p. Seite 47

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
2 (10.1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 47 (sequence 5)
Language
German
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Seite 47 Dichtungen -der Lebensorientierung und der Lebensentfaltung sind nicht nur berechtigt, sondern sie sind auch in ihrer Gesamtheit wichtig für die Bildung des Einzelnen. Nicht im Sinne einer snobistischen „allgemeinen Bildung", sondern im Sinne der Lebensnotwendigkeit machen erst das Wissen um die Lebens- . zusammenhänge und der Wille zur persönlichen und sozialen .Lebensgestaltung und die Entfaltung der schöpferischen Kraft« den gebildeten Menschen aus, der seine Sinneinheit im Religiösen findet. Soweit Schule und Berufsausbildung die Aufgaben einer persönlichen und sozialen Lebensorientierung, einer geistigen Vertiefung der Berufsarbeit und einer Erziehung zum Mitträger der Kultur nicht erfüllen, müssen die besonderen Maßnahmen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung eintreten und die berechtigten Bildungsbedürfnisse befriedigen, ja, soweit sie nicht lebendig sind, sogar wecken. Die verschiedenen Bildungsbedürfnisse liegen nicht zu gleicher Zeit und in gleicher Weise nebeneinander. Nicht nur hat beispielsweise der kaufmännische Angestellte andere Interessengebiete als die Hausfrau, sondern vor allem wirkt sich auch die Verschiedenheit der Lebensalter in einer Verschiedenheit der Bildungsrichtungen aus. Der Fünfzigjährige hat andere Bildungsbedürfnisse als der Fünfunddreißigjährige oder der Fünfundzwangzigjährige oder als der Jugendliche von 18 Jahren. Junge Menschen haben oft eine Scheu, an Kursen teilzunehmen, deren Thema sie an sich interessiert, wenn an diesen Kursen auch Aeltere teilnehmen; sie fürchten — nicht immer mit Uhrecht —, daß sie neben der älteren Generation nicht, mit den Fragen durchdringen können, die ihnen am Herzen liegen, und fürchten, daß der Dozent die Arbeit nicht genügend auf ihre Interessenlage einstellen kann, wenn er gleichzeitig auf die ganz andere Bildungs- und Interessenlage von Angehörigen der älteren Generation Rücksicht nehmen muß. Es handelt sich dabei nicht immer um den Unterschied zwischen „Anfängern" und „Vorgeschrittenen", sondern auch um Unterschiede in der Haltung der älteren und jüngeren 'Generation. Der neue Arbeitsplan des Lehrhauses trägt dieser Lage dadurch Rechnung, daß er eine Reihe von Jugend arbeitsgemeinschaften vorsieht, die ausschließlich jungen Menschen zugänglich sein sollen. Eine Altersgrenze ist dabei nicht festgesetzt, im allgemeinen wird die obere Grenze bei einem Lebensalter von 20—22 Jahren liegen. Zugehörigkeit zu einer Jugendorganisation ist nicht Bedingung für die Teilnahme, die Jugendarbeitsgemeinschaften stehen vielmehr allen jungen Menschen offen. Selbstverständlich stehen jungen Menschen nach wie vor auch die allgemeinen Vorlesungen und Arbeitsgemeinschaften offen. Einen breiten Raum nehmen in der Arbeit des Lehrhauses natürlich die judaistischen Vorlesungen und Arbeitsgemeinschaften ein. Der allgemeinen Einführung in die Judentumskunde dient eine Vorlesung über das jüdische Jahr. „Jüdischer und christlicher Messianismus" ist der Gegenstand der Hauptvorlesung von Professor Dr. Buber. Der Bibelkurs von Dr. Eduard Strauß wird die Heilige Schrift („Könige") in der Uebertragung von Buber-Rosehzweig lesen und erklären. In mehreren Arbeitsgemeinschaften werden die Urtexte gelesen. Eine Einführung in die rabbinische Schrifterklärung ist vorgesehen sowie — für Teilnehmer mit hebräischen Sprachkenntnissen — eine Einleitung in die talmudische Literatur. Aus der jüdischen Geschichte wird die Makkabäerzeit behandelt. Der jüdischen Gegenwartskunde dient eine Vorlesung über „Gesellschaft und Kultur im heutigen Palästina". Mit jüdischem Kunstschaffen beschäftigen sich Vorlesungen über den Dichter Chaim N. Bialik (mit Lektüre) und über „jüdische Musik" (mit Beispielen), wobei insbesondere die Frage zur Erörterung steht, in welchem Sinne man überhaupt von einer eigenartigen jüdischen Musik sprechen kann. — Praktischen Zwecken dient eine Einführung in das Arabische. Für Jugendliche sieht der Arbeitsplan eine besondere Einführung in das Judentum vor. Es ist ferner geplant, im Laufe der nächsten drei Lehrabschnitte einen Abriß der jüdischen Geschichte zu geben, von dem der erste Teil für den Herbstlehrgang vorgesehen ist. Weitere Jugendarbeitsgemeinschaften dienen der hebräischen Lektüre von Bibel- und Mischnaabschnitten und der Erörterung von Palästinafragen. Die Gesamtbildung von Menschen, die sich zum Judentum bekennen, ist etwas anderes als nur das, was man „jüdische Bildung" zu nennen pflegt. Daher kann sich die Volksbildungsarbeit für diese Menschen auch nicht auf jüdische Bildungsstoffe beschränken. Diese Gesamtaufgabe der Erwachsenenbildung ist früher wohl auch von keiner Seite bestritten worden. Unter dem Eindruck der Ereignisse, die über die deutschen Juden hereingebrochen sind, hat jedoch nicht nur der Ruf nach Besinnung auf das Judentum an neuer Kraft gewonnen, sondern es ist gelegentlich damit auch die Forderung einer Abschließung von allen Bildungsgütern verbunden worden, die nicht (in einem historischstofflichen Sinn) „jüdisch" seien. So wird etwa die Beschäftigung mit allgemeinen Fragen, mit deutscher Geschichte, mit deutscher Kunst bewußt mit der Begründung abgelehnt, dies alles ginge uns jetzt nichts mehr an, wir müßten uns auf Bibel, hebräische Sprache, jüdische Geschichte, jüdische Volks- und Kulturkunde und jüdische Sonderfragen beschränken. Und doch: Wo immer die einzelnen Juden leben werden, ob in Deutschland oder in Palästina oder anderswo, sie werden nicht außerhalb der Zusammenhänge der gegenwärtigen Welt leben können. Dieses Leben müssen sie leben, und in diesem Leben müssen sie sich halten. Dafür aber bedürfen sie noch anderer Bildungsgüter als der judaistischen Bildungsstoffe. Und was die Juden anlangt, die in Deutschland leben, mit deutscher Muttersprache, in deutscher Landschaft, mit deutschen Lebenssitten, Glieder der deutschen Wirtschaft, so leben sie — sie mögen es wollen oder nicht, und sie mögen es sollen oder nicht — deutsches Schicksal und deutsche Geschichte. Eine Bildungsarbeit, die das Gesamtbild dieses konkreten Lebens nicht in Betracht zieht, würde ihre Aufgabe verfehlen. Die Frage könnte nur sein, ob die jüdischen Bildungseinrichtungen sich in ihrer Arbeit auf judaistische Stoffe beschränken dürfen, wenn für die anderen Aufgaben andere geeignete Einrichtungen zur Verfügung stehen. Wenn aber den jüdischen Menschen solche andere Einrichtungen nicht zur Verfügung stehen, dann müssen die jüdischen Bildungseinrichtungen über den Rahmen einer jüdisch-stofflichen Bildung hinaus die Aufgabe einer Gesamtbildung der jüdischen Menschen übernehmen. So hat auch das Frankfurter Jüdische Lehrhaus — übrigens von je — in seinen Arbeitsplan allgemeine Bildungsgüter und die Beschäftigung mit allgemeinen Fragen aufgenommen, die den deutsch-jüdischen Menschen als solchen angehen. Dabei hat man sich für den Herbstlehrgang auf einige wenige Vorlesungen und Arbeitsgemeinschaften beschränkt, um zu vermeiden, daß das Publikum vor lauter Bäumen nicht den Wald und nicht den Eingang in den Wald sieht. Neben einer „Pädagogischen Arbeitsgemeinschaft mit Jugendführern" und neben Ausspracheabenden über Frauenfragen sind eine Reihe von „Einführungen" in die verschiedenen Bildungsrichtungen und Interessengebiete vorgesehen: Einführungen in Fragen der Biologie, in das Verständnis weltwirtschaftlicher Vorgänge, in die Betrachtung von Werken der Malerei und in das Hören musikalischer Kunstwerke. Solche Einführungen sollen zunächst der Anregung und Sammlung der verschiedenen Interessenten dienen, und auf ihrer Grundlage sollen sich dann gegebenenfalls in den späteren Lehrabschnitten weiterführende Arbeitsgemeinschaften bilden. — Die Anregung und Hilfe zu gestaltender Tätigkeit beschränkt sich im Herbstlehrgang auf das Gebiet des Zeichnens und der Farbengestaltung. Es sei darauf hingewiesen, daß diese Uebungen („Farbenbetrachtung und Farbengestaltung" und „Künstlerische Gestaltung in der Malerei") keinerlei künstlerische Fähigkeiten voraussetzen und auch nicht zur Heranbildung von Künstlern bestimmt sind, sondern gerade auch denen dienen wollen, die wohl eine geheime Erhaltet die Notstandsküche! Postscheckkonto Jfld. Wohlfahrtspflege Konto N Nr. 86776

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