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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-09-01 · 1 (9.1934) · p. Seite 4

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
1 (9.1934)
Date
1934-09-01
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 Das Schrift wort Selichot Von Max Dienemann Es könnte sofort die Frage sich erheben: Was haben die Selichot, die Bußgebete Israels, mit dem Schriftwort, der Bibel und ihrer Auslegung zu tun? Sind sie nicht erst ein spätes Produkt mittelalterlicher hebräischer Dichtkunst? Die ersten Bußgebete, die Muster und Vorbild für diese ganze Gattung von Gebeten wurden. Gebeten, die für Israels Empfinden so charakteristisch sind wie kaum eine andere Gebetsform, finden sich in der Bibel. Einfach und schlicht ausgesprochenes Bekenntnis der Sündhaftigkeit, schlichte ungekünstelte Bitte um Gottes Verzeihung. Ein solches Bußgebet findet, sich z. B. im Buche Nechemja (1,5—u): ,Ach Gott. Gott des Himmels, großer und erhabener Gott, der bewahrt den Bund und die Gnade denen, die ihn lieben und seine Gebote halten. Möchte doch Dein Ohr horchen und Deine Augen offen sein, zu gewahren das Gebet Deines Dieners, das ich heute vor Dir bete Tag und Nacht um der Kinder Israel Deiner Knechte willen, und wie ich bekenne die Sünden der Kinder Israel, die wir vor Dir gesündigt haben, auch ich und meines Vaters Haus wir haben gesündigt. Schändlich, ja schändlich haben wir gegen Dich gehandelt, und nicht haben wir gewahrt die Gebote und die Gesetze und die Satzungen, die Du Mosche Deinem Diener geboten hattest. Gedenke doch des Wortes, das Du entboten Mosche Deinem Diener, indem Du sprachst: wenn ihr untreu werdet, werde ich euch unter die Völker verstreuen. Doch wenn ihr dann umkehrt zu mir und meine Gebote wahret und sie haltet, mögen dann eure Verstoßenen sein am Rande des Himmels, auch von dort her sammele ich sie, und ich bringe sie hin zu dem Ort, den ich erwählt, dort meinen Namen gegenwärtig sein zu lassen. Sie sind ja Deine Diener und Dein Volk, das Du erlöst einst hast mit Deiner großen Kraft und Deiner starken Hand. Ach Gott! Möchte doch Dein Ohr horchen auf das Gebet Deines Dieners und auf das Gebet derer Deiner Diener, die danach verlangen, Ehrfurcht Deinem Namen zu bezeugen." Von schlichter Einfachheit und klarer Verständlichkeit getragen ist die Sprache, in der diese Worte gesprochen sind, tiefe Empfindung und innere Bewegtheit drückt sich in ihr aus. Und es sind ganz bestimmte Grund- ^eiemente des Empfindens und des Ausdrucks, die hier anklingen: Bekenntnis, ungeschminktes und nichts beschönigendes Bekenntnis der eigenen Schuld, Wissen um die Ewigkeit des Bundes zwischen Gott und Israel und der ans ihm für Israel gegebenen Verpflichtung, Vertrauen auf Gottes Verheißung und die reinigende Kraft der Rückkehr. Ein ähnliches Gebet findet sich im Buche Daniel 9.«—man lese es dort selbst nach. Es wurde Sitte in den sogenannten zehn Bußtagen, solche Bußgebete zu sprechen, man dehnte die Zeit dieser Gebete später aus, beginnt heute mit ihnen an dem ersten auf den Sabbat vor Neujahr folgenden- Tage, — wenn nicht gerade Montag oder Dienstag Neujahr ist, in diesem Falle beginnt man eine Woche früher, — in manchen Gegenden werden den ganzen Monat EIul solche Bußgebete, Selichot, gebetet. Ihre ursprüngliche Gestalt waren Litaneien, das heißt eine Reihe Bitten mit gleichmäßigem Anfang oder gleichmäßigem Ausgang. Eine solche Bußlitanei haben wir noch beute in unseren Gottesdienst, in dem bekannten Gebet Owinu mal- Tsenu unser Vater, unser König. Oder man reihte Bibelverse aneinander, die die Gefühle eines büßenden Beters zum Ausdruck brachten. Wir haben solche Versreihen auch heute noch in den Selichot. Eine solche Reihe lautet, etwa: „Gott, höre am Morgen unsere Stimme, am Morgen treten wir hoffend vor Dich. Höre die Stimme unseres Flehens, wenn wir zu Dir beten, wenn wir unsere Hände aufheben zu Deiner heiligen Halle. Höre, Gott, wir rufen, sei uns gnädig, erhöre uns. Kehre zu uns, Gott unseres Heiles, laß Deinen Grimm von uns weichen. Niemand war, der Deinen Namen anrief, sich aufraffte, an Dir festzuhalten. Höre unser Gebet, Gott, und horche auf unser Flehen, zu unseren Tränen sei nicht.still. Wie ein Vater sich der Kinder erbarmt, so erbarmst Du Dich unser. Bei Gott ist die Hilfe, auf Deinem Volke ruhe Dein Segen, Sela. Der Gott der Heerscharen ist mit uns, eine Feste ist uns der Gott Jaakobs, Sela. Gott der Heerscharen, Heil dem Menschen, der auf Dich vertraut. Gott, hilf, König, erhöre uns am Tage da wir rufen. Vergib doch der Sünde dieses Volkes nach der Größe Deiner Gnade und wie Du dies Volk getragen hast von Aegypten bis hierher. So heißt es denn auch: Gott sprach, ich habe vergeben nach Deinem Wunsche. Neige, Gott, Dein Ohr und höre, öffne Dein Auge und sieh unsere Verwüstung und die Stadt, über die dein Name genannt war; nicht auf unser Verdienst pochend bringen wir unsere Bitten vor Dich, sondern gestützt auf Deine große Barmherzigkeit. Herr höre, Herr vergib, Herr vernimm's und vollführe es, zögere nicht, um Deinetwillen, mein Gott, denn Dein Name wird genannt über Deine Stadt und Dein Volk." Solche Reihen von einfachen Bitten und Bibelversen waren die Hauptsache und der Grundstock der Bußgebete. In der Schlichtheit der Sprache wurden sie jedermann zum verständlichen Ausdruck und zur Erweckung einer Bußstimmung und eines fröhlichen Vertrauens. Mit ihnen zog zugleich in die Seelen ein jederzeit gegenwärtiger Schatz an tröstenden, erweckenden and anfeuernden Versen ein, die so zum Besitztum jedes Einzemen wurden. Als dann später die Liturgie durch Kunstdichtungen erweitert wurde, kam es so, daß diese die Hauptsache und jene Versreihen geradezu zur Nebensache wurden, kaum beachtet, wie als ob sie nur die Hauptsache unterbrächen. Jene neuen Kunstschöpfungen gliederten sich in mancherlei Art und-Gestalt. Aus der schier unübersehbaren Fülle seien zwei der schönsten und schlichtesten wiedergegeben. Eine Selicha, sie gehört dem ostdeutschen Ritus an und ist dort für den Tag vor Neujahr bestimmt. Ihr Grundmotiv ist die Hinfälligkeit und Gleichgültigkeit alles Irdischen und insbesondere des Besitzes. „Wie will der Mensch Verdienstes sich rühmen, jeden Tag muß er des Todes gewärtig sein. Was soll, wer Fleisch ist, reden, zum Grabe wird er doch gebracht, Sein Leib fällt in die Gruft, an den Ort des Dunkels und der Finsternis. Vergänglich ist seine Gestalt, „er gleicht dem Tier: das hinschwindet" (Ps. 49,2a). Wahrlich seine Tage sind gering und schlecht und seine Taten alle Vergehen und Sünden. Doch wenn er in seinem Herzen das klug erwägt und umkehrt, so kann ihm Heilung werden, wenn seinem Rufen Erhörung wird. Wenn er Reinheit und Gradheit betätigt, darin kann er Zuflucht und Schutz finden. Sem Leben gleicht dem Nichts, zum Staub kehrt er am Ende zurück. Besser wäre es für ihn, er wäre gar nicht geboren, als daß er geboren wurde für den Tag der Not und des Grimms. Seine Tage schwinden hin in Elend und Gedrücktheit, und seine Zukunft ist, daß ei Rechenschaft ablegen muß. Wie ein Sklave schnappt er nach Schatten und wird doch vor der Gruft nicht gerettet. Warum verläßt er erst den Mutterleib, da er doch zu Zank und Hader bestimmt ist? Was nützt ihm seines Gutes Fülle? Am Tage des Zorns ist doch sein Auge umdunkelt. Seine Seele wird von ihm getrennt, in seiner Todesstunde erschrickt er sehr. Stürme erschrecken ihn, des Todes Bande umfangen ihn. Nackt zog er aus seiner Mutter Leib, nackt kehrt er zurück in das Haus seiner Ewigkeit. Plötzlich wird er gefangen in schlimmem Netz, und niemand ist, der ihn lösen könnte. Not erbt er und Todesschatten, von Haus und Gut wird er gerissen. Nahe ist sein Ende, und sein Hoffen ist gewandelt, sein Licht erlischt, sein Andenken schwindet. Den Würmern wird er zum Besitz, Made herrscht über ihn Wer das begreift, weint auf und ist bekümmert, wie ein Löwe brüllt er auf in Weinen und Flehen. Gebet und Wohltat mag er mehren, vielleicht daß er vor Züchtigung noch geborgen wird." Solche Worte sprechen für sich, sie bedürfen keiner Deutung. An jedem Selichot-Gottesdienst bildet ein Gedicht den Höhepunkt, das Pismon (gleich Psalm) genannt wird. Er hat einen Eingangsvers, der der Gemeinde als Refrain dient. Wiedergegeben sei hier wiederum einer der schönsten und einfachsten, der aufgebaut ist auf dem Bibelvers, der die sogenannten „dreizehn Eigenschaften" Gottes als Erbarmenden und Verzeihenden enthält.

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