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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-09-01 · 1 (9.1934) · p. Seite 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
1 (9.1934)
Date
1934-09-01
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
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Seite 3 sie sind es, die die Ewigkeitsgedanken erzeugen als Lebensbrot für viele kommende Geschlechter. Nicht die Zeiten des Ueberflusses und des behaglichen bürgerlichen Wohlstands, sondern Notzeiten wecken die sittlichen Energien. Schmerzen werden zum Antrieb, dem Gottesreich die Wege zu bereiten. Was wäre der Glaube des Menschen, wenn er sich nicht da bewährte, wo wir am ineisten seiner bedürfen"? Was bewundern wii die Frommen der Vorzeit, die im Glauben an Gott und an ihre jüdische Sendung frei geworden sind von Erdenqual und Todespein? Sind wir nicht die Enkel jener, die gottestrunken für ihr Judentum, das ihnen der Weg zum Gottesreich war, in den Tod gegangen sind? Fließt ihr Blut nicht^mehr durch unsere Adern? Lebt ihre Seele nicht mehr in uns? Soll nicht das vielleicht der Sinn unseres Leidens sein, daß es uns wieder einmal vor das Geheimnis der Ewigkeitsgedanken stellt? Daß es unsere Hilfsbedürftigkeit uns zeigt und die Unbeständigkeit aller irdischen Güter? Daß es unser inneres Auge aufschließt und unsere Seele empfangsbereit macht, auf daß wie ein lichter Lebensstrom die Gottheit in uns eingehe und die heiße Liebe zu unserm Väterglauben wieder Wohnung nehme in unserm Innern? Daß die Verwurzelung in Gottverbundenheit und das Drängen zum Unendlichen unser Sein mit neuem lebendigen Inhalt erfülle? Daß wir wieder an unsere Sendung glauben und die Freude am eigenen geistigen Besitz unser Judesein zur lebendigen Wirklichkeit mache? Heimkehr zu unserm Vätergott, Heimkehr zu unserm Judentum. „T'schuba", das wäre die Erfüllung des Prophetenwortes aus der Liturgie unsrer Hohen Fesstage: „und geschehen wird es an jenem Tage, da wird man in die große Posaune stoßen, und heimkehren werden alle in Israel, die sich verloren haben." Hatten wir uns nicht verloren? Eingetreten in die Völkergemeinschaft, wähnend, daß die Zeit-der Menschen- und Völkerverbrüderung gekommen sei, keines Kückschlags gewärtig, hangend mit allen Fasern an der neuen Freiheit, die zur Ungebundenheit gegenüber den jüdischen Bindungen wurde, der heroischen Tragik, der göttlichen Berufung des Judeseins uns nicht mehr bewußt, losgerissen von den Wurzeln unserer heiligen Vergangenheit, das Auge nur offen für alles, was in der nichtjüdischen Welt Wert und Schätzung hatte, voll brennender Begier, jede schlummernde Kraft in uns zu entfalten, unbekümmert um die unausbleibliche Reaktion der Welt auf unsern neu errungenen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen Einfluß, eingefangen in das rasende Räderwerk der hastenden Zeit, ins Weihelose, Ehrfurchtlose entsunken — haben viele von uns das heilige große Erbe ihrer Väter schmählich vertan. Ihr Judentum war ihnen zur Last geworden, sie waren müde, es zu tragen. Ihr Judesein, einst von unsern Vätern und Müttern als Erwählung und. Segen angesehen, Avar ihnen zum Fluch geworden. Sie fingen an. sich selbst zu hassen und liefen mit tausend Masken über die Erde. Vom Glanz der Völker wie von einem Gifttrank berauscht, wollten sie nichts mehr wissen vom Judentum und wußten in der Tat nichts mehr von ihm: seine Tiefe ungeahnt, seine Weisheit ungekannt, seine Berufung zum Gottesreich unbegriffen. Seine Lebensformen Ruinen der Vergangenheit, seine heroische Geschichte unerlebt, die Sprache seiner Väter, seiner heiligen Urkunden unverstanden* die geistige Kette, die die Geschlechter Israels mehr als vier Jahrtausende zusammenhielt, jäh zerrissen, ihr ganzes Judentum inhaltlos, blutleer, seelenlos. — Um unsere seelische Wiedergesundung, um unsere Heimkehr zu dem, was uns noch aus dem Trümmerfeld unserer jüdischen Werte geblieben ist, geht es heute. Auf uns selbst angewiesen, wie durch ein Wunder der Vorsehung auf uns selbst zurückgeworfen, geht es um die Wiederentdeckung und Wiedererweckung einer lebendigen jüdischen Wirklichkeit. In dieser Zeit, da wir seelisch nichts haben als unser Judentum, muß dieses Judentum uns wieder das werden, was es unsern Vätern und Müttern gewesen ist: heiliger Beruf, göttliche Lebensaufgabe, Wegbereiter zum Gottesreich. •Auf den Trümmern unserer verkümmerten jüdischen Welt gilt es, die pflichtfrohe Gebundenheit an den Lebensstil und Lebensrhythmus des Judentums wiederherzustellen, aus freier innerer Wahl und Verantwortung, um das Judentum mit lebendigem Inhalt, mit Kraft und mit Schönheit zu erfüllen.- Aus dem Gqttesquell jüdischer Ewigkeitsgedanken muß unsere Seele wieder begierig trinken, in der Verwurzelung jüdischer Geschlechterfolge muß unser Die Reichsvertretung zum neuen Jahr Zum Beginn des neuen Jahres spricht die Reichsvertretung allen Gemeinden und allen Männern und Frauen in ihnen, dem alten und dem jungen Geschlecht in treuer Verbundenheit kerzliche Wünsche aus. Aller Wunsch, ob wir ihn darbringen oder ihn empfangen, setzt eine Bereitschaft voraus:.^ Zwiefach ist sie in diesen ernsten Tagen von uns gefordert: als der Wille zur Gemeinschaft und als der Wille zum Opfer. Wir sind mehr denn je auf uns selbst gewiesen. Nur wenn wir zusammenhalten, frei von Eigensucht und Eigensinn, und nur wenn eines jeden Können, auch eines jeden Habe dem verbindenden Ganzen dienen will, nur dann werden wir bestehen. Mahnung und Bärgschaft dessen zu sein, das ist die große Aufgabe der Reichsvertretung. In dem Willen zu ihr spricht der Wille zur Gemeinschaft und zum Opfer. Möge er sich im neuen Jahre bewähren. Die Reichsvertretung der deutschen Juden gez. Baeck Herz bewußt wieder ruhen, die uralt heiligen Farben jüdischen Lebens müssen wir wieder tragen, den innern Reichtum, den Segen, die Poesie, das Heldentum unsres Volks müssen wir uns wieder zu eigen machen, um selber wieder reich zu werden in unserer Verarmung und um unseren Kindern und Enkeln wieder reichen seelischen Besitz hinterlassen zu können. Wenn das Tor der Menschheit sich uns verschließt, öffnet sich uns das Tor des Judentums. Wir wollen mit der Menschheit nicht hadern. Wir wollen nicht wie unser Stammvater Jakob zu Laban sprechen: „Was ist meine Sünde, was ist mein Verbrechen, daß du mich so hitzig verfolgst? Daß du mich zum Sündopfer machst für alles Unglück, das je über die Völker gekommen/' In der tausendjährigen Tränennacht des Mittelalters haben unsere Väter und Mütter nur selten und wenig gehadert mit ihren Verfolgern. Sie haben nicht die Menschen und das Schicksal, sondern sich selbst angeklagt und wurden umso frommer, je schwerer sie litten. Ueber die Jahrhunderte grüßt uns die Seele dieser Frommen. Und wir deutschen Juden gerade werden beschworen von den großen Erinnerungen einer gnadenreichen Vergangenheit, die wahrhaft Mehrer des Gottesreiches Avar. Widerstandsfähiger als die spanischen Juden haben unsere Väter und Mütter in Deutschland die Feuer- und die Wasserprobe bestanden. Das ist ganz wörtlich zu verstehen. Nicht der Flammentod auf dem Scheiterhaufen, nicht das Wasser der Taufe hat die deutschen Juden abtrünnig werden lassen. Vielleicht will Gott uns deutsche Juden durch neue Leiden stählen, daß alle Herzen wieder glühen, alle Kräfte Avieder sprühen für ein stolzes, starkes Judentum, das seines Adels, seines Wertes, seiner Erwählung aufs neue bewußt, sich berufen weiß, mitzubauen am Reiche Gottes auf Erden. Und berufen ist jeder. Baue jeder das kleine Fleckchen Erde, das ihm zugewiesen, zum Paradiese aus. Uebe jeder Entsagung, Selbstbescheidung, Friedfertigkeit und Duldung. Bringe jeder Zucht und Wahrhaftigkeit in sein Leben. Mache jeder sein Haus zu einem Tempel Gottes, avo die Engel der Liebe und des Friedens, der Ehrfurcht und der Frömmigkeit einziehen. Breche jeder dem Hungrigen sein Brot und lasse die furchtbare Not der Zeit zu seinem Herzen sprechen. Scheide keiner von den Hohen Festtagen, ohne so an seiner Stelle mitgebaut zu haben am Gottesreich.

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