Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 1 (9.1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 5 von denen es im Talmud Rosch haschana 17b heißt, daß „Gott sie Mose beten lehrte, damit wann immer Israel sündigt und nach dieser Ordnung betet, ihm seine Sünden vergeben werden." Er ist von einem der ältesten liturgischen Dichter Amitaj, etwa um 900, verfaßt. 1. „Gott, Gott, Barmherziger, Gnädiger, Langmütiger, reich an Gnade und an Treue, der Gnade bewahrt bis ins tausendste Geschlecht, er verzeiht Fehl und Frevel und Sünde und spricht frei; verzeih unseren Fehl und unsere Sünde und nimm uns zum Eigen an. 2. Gottes gedenke ich und bin tief erregt, sehe ich jegliche Stadt auf ihrem Grunde gebaut und die Stadt Gottes erniedrigt bis in die tiefste Tiefe; bei alledem ist unser Sinn auf Gott gerichtet und unser Auge auf Gott. . 3. Barmherzigkeit Gottes! ergieße dich über uns und trag unser Flehen vor Deinem Herrn und bitt um Erbarmen für Dein Volk, denn das Herz ist voller Schmerz und jedes Haupt krank. 4. Ich stütze meine Hoffnung auf jene dreizehn Worte, und daß die Tore der Tränen nicht eingestürzt sind, darum schütte ich mein Flehen aus vor dem, der die Herzen prüft; voll Zuversicht bin ich darauf und auf der drei Erzväter Verdienst. 5. Der Du des Weinens Stimme hörst, möchten unsere Tränen vor Dir wie in einem Gefäß gesammelt sein, errette uns aus allen grausamen Verhängnissen, denn an Dir allein hängen unsere Augen." Alles Weh und Leid, das der Mensch, das Israel erlitt, alle Hoffnung und Zuversicht spiegelt in den Selichot sich wieder. An jedem Wochentage beten wir: „Vergib uns, unser Vater, denn wir haben gesündigt, verzeih uns, unser König, denn wir haben gefrevelt." Das Jüdisch-Deutsch Eine sprach- und literaturgeschichtliche Skizze Von S. M e i s e 1 jy.' Auf Ursprung und Wesensform der jiddischen Sprache weisen wie geflissentlich die Benennungen hin, die ihr in der Frühzeit ihres Werdens beigelegt wurden. Was wir heute Jiddisch nennen, das nannte man früher Jüdisch-Deutsch, Judendeutsch oder auch Iwri-Teutsch (Hebräisch-Deutsch). Diese Bezeichnungen treffen vollkommen den Kern: das von den Juden gesprochene Idiom, dessen Spuren sich bis ins dreizehnte Jahrhundert zurückverfolgen lassen, war ursprünglich ein unverbildetes, die mittelhochdeutschen Formen rein bewahrendes Deutsch, das lediglicli durch seine hebräischen Bestandteile und den Gebrauch der hebräischen Bestandteile und den Gebrauch der hebräischen Schriftzeichen eine jüdische Ausprägung erhielt. Am Ausgang des Mittelalters brachten aus Deutschland stammende Juden die jüdisch-deutsche Mundart nach den slawischen Ländern und zwangen sie dort den eingeborenen Juden auf, die dazumal ein slawisches Idiom sprachen. Interessant ist, daß in manchen slawischen Gegenden noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts die jüdische Mundart schlechtweg „Deutsch" genannt wurde. So finden wir in den Kesponsen eines Rabbi von Mohilew die Tatsache verzeichnet, daß die Juden dieses Bezirkes Russisch sprechen, und dazu den Vermerk: „Möchten doch alle Juden sich belehren lassen und nur eine Sprache sprechen: Deutsch!" — womit der Rabbi von Mohilew natürlich Jüdisch-Deutsch meint. Jüdisch-Deutsch war also damals noch ein rein deutscher Dialekt. Erst später verlor diese Mundart ihren ursprünglichen Charakter. Die äußere Erscheinung des Jüdisch-Deutschen war von altersher durch ein besonderes Sprachgewand kenntlich gemacht worden; Jüdisch-Deutsch wurde seit seinem Bestände in hebräischen Lettern geschrieben und gedruckt. In den slawischen Ländern jedoch wurde durch Lautverschiebung, Wortkoppelung, Sprachmengerei, sowie durch die Aufnahme zahlreicher slawischer Sprachbestandteile auch die innere Form wesentlich verändert. So entwickelte sich allmählich aus dem Jüdisch-Deutschen das sogenannte Jiddisch, eine eigenständige Sprache, die heute von rund zwölf Millionen Juden an allen Weltteilen gesprochen wird. Aber trotz der jahrhundertelangen fortschreitenden Entwicklung ist auch das heutige Jiddisch in seinem Wesenskern jüdischdeutsch geblieben. Dies mußte so sein, weil der ganze Bau der jiddischen Sprache auf deutschsprachigem Fundamente ruht. Es ist wahr, die jiddische Sprache ist von Hebräismen durchsetzt und die slawischen Sprachbestandteile nahmen darin einen ansehnlichen Umfang an. Dennocli klingt auch das heutige Jiddisch um vieles deutscher als so mancher deutsche Dialekt. Schaltet man seine hebräischen Bestandteile aus, so kommt es dem Hochdeutschen viel näher als das Plattdeutsch oder die „Frankforter" Mundart. Eduard Engel, gewiß ein Sachverständiger in sprachlichen Dingen, stellt in seinem Buche „Sprich Deutsch!" unumstößlich fest, daß das heutige Jiddisch bei weitem deutscher ist als das Deutsch, das beispielsweise ein Fürst Pückler-Muskau oder eine Gräfin Ida Hahn-Hahn und andere welschende Sprachmeister gesprochen oder geschrieben haben. In der Tat hat auch das moderne Jiddisch trotz seiner lautlichen Entwicklung den alten Sprachzustand bewahrt; der Grundstock seines Wortschatzes ist der gleiche geblieben und Beugung und Abwandlung weisen durchwegs deutsche Formen auf, ja selbst die hebräischen Wörter werden meistens mit deutschen Endungen gebraucht. Allerdings ist das Jiddische keine Mundart mehr, sondern eine regelrechte Sprache, die selbst in mehrere Mundarten zerfällt. Durch die Zerstreuung der Juden in die verschiedensten Länder bildeten sich aus dem Jüdisch-Deutchen mehrere Mundarten heraus, so daß man heute von einem polnischen, litauischen, rumänischen und amerikanischen Jiddisch sprechen kann. Eine Geschieh'te der jiddischen Sprache, ihrer Entstehung und ihrer Entwicklung, ist bis heute nicht geschrieben worden; nur sehr wenige haben sich bisher mit diesem Sprachzweigwissenschaftlich beschäftigt. Dagegen haben sich mehrere deutsche Gelehrte mit dem ältern Jüdisch-Deutsch, seiner Grammatik und Orthographie, mehr oder minder eingehend befaßt. Als erster unter ihnen dürfte wohl der bekannte Gelehrte und Begründer der hebräischen Studien in Deutschland, Johann B u x t o r f, genannt werden, der in seinem „Thesaurus" (1609) das Jüdisch-Deutsch näher behandelt. Bereits im Jahre 1540 hat ein gewisser Haarzuge, ein getaufter Jude, das Evangelium ins Jüdisch-Deutsche übersetzt. Vier Jahre später gab der gleichfalls getaufte Jude Michel Adam, offenbar durch die luthersche Bibelübersetzung angeregt, eine vollständige jüdisch-deutsche Übersetzung der Bibel heraus. Freilich waren diese Versuche nicht aus rein wissenschaftlichem Interesse hervorgegangen, sondern sie sollten vor allem Missionszwecken dienen. Von neueren Forschern haben Franz Delitzsch, der durch seine linguistischen Studien verdiente Schriftsteller Friedrich Av6-Lallement, Professor August Wünsche, der Theologieprofessor Hermann Strack und der Kabbalaforscher Doktor Erich B i s c h o f f das Jüdisch- Deutsch mehr oder minder ausführlich behandelt. Von jüdischen Gelehrten haben sich unter anderen mit der jüdisch-deutschen Sprache und ihrer Literatur beschäftigt: Z u n z in seinen „Gottesdienstlichen Vorträgen", Jost in seiner „Geschichte des Judentums und seiner Sekten", G r a e t z in seiner „Geschichte der Juden", Neubauer in einem Aufsatz in der Revue des Etudes juives, Fürst in der Zeitschrift Orient, Geiger in seinen „Nachgelassenen Schriften", Steinschneider in seinen Aufsätzen „Jüdische Literatur" und „Jüdische Typographien" (erschienen in Ersch und Grubers Enzyklopädie). Die literarischen Erzeugnisse in jüdisch-deutscher Sprache bespricht Gustav Karpeles in seiner „Allgemeinen Geschichte der jüdischen Literatur". Ferner gibt es eine jüdisch-deutsche Chrestomathie von Grünbaum und eine philologische Studie über Jüdisch-Deutsch von Gerz o n. Besonders erwähnenswert ist Heinrich L Ö w e s Schrift „Die Sprachen der Juden", Wieners Buch „The history of Yiddish literature in the nineteenth Century" und P i n e 8' Geschichte der jüdisch-deutschen Literatur" (deutsch 1913).