Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 12 (8.1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 464 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 464 Ansprache von Dr. Alfred Klee Vorstandsmitglied der Berliner Jüdischen Gemeinde Vizepräsident des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden Einen Gruß, Dir, teurer Verklärter, von der Berliner Jüdischen Gemeinde und ein Wort herzlicher Dankbarkeit im Namen des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, an dessen Werden und Ausbau Du unvergeßlichen Anteil gehabt hast, vor allem auch als Führer der größten Fraktion der Landes Versammlung. Was Dich auszeichnete und Dich allen, die in den Banukreis Deiner Arbeit traten, so lieb und wert machte, das war der in Deinem Wirken deutlich erkennbare Wunsch, Brücken zu schlagen zu allen jüdischen Menschen, von denen Du überzeugt warst, daß sie mit Dir, wenn auch vielleicht auf anderen Wegen, den Willen hatten und ihn durch ehrliche Arbeit betätigten, dem Judentum zu dienen, zu seiner Schönheit und Größe beizutragen. Wir sind Dir dankbar dafür, lieber Freund, daß Du über den Rahmen Deiner eigenen, gefestigten Weltanschauung hinaus, Verständnis und Anerkennung für die Wege anderer zeigtest und den Zusammenschluß und das Gemeinsame in den Vordergrund stelltest. In den besonders schweren Zeiten unserer augenblicklichen Arbeit ging Ermutigung aus der tiefen Zuversicht, die in Dir lebte, von Dir aus. Das Wort zu Freund Blau, vor kurzem bei einer Arbeit, die uns Drei vereinte, gesprochen, das Hiobswort: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt" gab uns Mut und neuen; Auftrieb: „Wir wissen, daß unser Erlöser lebt". Du hast Dich stets, teuerer Freund, als dienendes Glied am Ganzen empfunden. Du warst wertvolles, unschätzbares Glied einer Kette, die uns verbindet mit der großen geschichtlichen Vergangenheit unseres Volkes und die uns ebenso verbinden soll mit einer, wdll's Gott, glücklichen Zukunft unseres Judentums.' Und so bitter das Wort klingt: „Mag welken die Blume, mag dorren das Gras", wir sprechen es in diesem Augenblick in Demut aus Deinem Geiste. Mag auch die für uns wertvollste Menschenblume welken — „das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit." Wir sind ein Volk von Ewigkeit; wir wissen, daß aus der glorreichen Vergangenheit über alles Trübe dieser Tage unserer jüdischen Gemeinschaft das lichte Schicksal von morgen blühen wird. . Daß Du uns diese Zuversicht wieder zur Gewißheit hast werden lassen, durch Deine treue Arbeit und durch Dein reines, vornehmes Menschtum, dafür wissen wir Dir Dank — für Immer. Das Schriftwort Die Unbedingtheit der Leistung Von Max Dienemann Zu dem Worte {5 M. 14, 22) aus dem Wochehabschnitt Reeh: „verzehnten, ja verzahnten sollst du" überliefert der Midrasch eine Legende, die Rabbi Lewi erzählt: „Es war ein Mann),- der,, wie es sich gehört, seinen! Zehnten aussonderte und weitergab. Ein Feld war ihm zu eigen, das tausend Maß trug, davon sonderte er nach Gebühr hundert Maß aus, und von dem Ertrage des Feldes ernährte er sich sein Leben lang, und sein ganzes Haus konnte sich mitversorgen. Als seine Sterbestunde kam, rief er seinen Sohn und sprach zu ihm: „Mein Sohn, hab wohl acht auf dies Feld, so und soviel Maß trägt es, so und soviel führte ich als Zehnten ab, und von dem Ertrag des Feldes , fand ich all' meine Lebenstagel meinen' TJebensbedärf und konnte mich immer gut ernähren."" Im" ersten Jahre besäte der Sohn das Feld, und "wieder trug es seine tausend Maß, und er gab hundert als Zehnten ab: Im zweiten Jahr kam ein Geist der Enge über ihn, und er minderte den Zehnten um zehn Maß, da minderte sich der Ertrag des Feldes um hundert Maß. Da minderte er wiederum den Zehnten um zehn Maß, und im nächsten Jahr trug das Feld wieder hundert Maß weniger. Er wiederum minderte aufs neue, und so trug das Feld Jahr um Jahr entsprechend weniger, bis sein Ertrag schließlich nur auf den einstigen Zehnten, hundert Maß, gesunken war. Als seine Verwandten das sahen, zogen sie sich festliche Gewänder an und kamen zu ihm, als ob sie ihn beglückwünschen wollten. Bestürzt fragte er sie: „Habt Ihr Schadenfreude über mich, der ich in Schmerz bin? Vom Himmel hat man Böses über mich verhängt und Ihr spottet meiner?" Sie erwiderten ihm: „Kein Gedanke, wir kommen, uns mit dir zu freuen, einstens warst du der Besitzer, und der Heilige, gelobt sei er, war der Priester, jetzt ist der Heilige, gelobt sei er, der Besitzer, und du bist dafür Priester geworden." Der Sinn dieses Midrasch ist klar. Der Autor nimmt Bezug auf die ihm, und nicht nur jhm, sattsam bekannte Denkart der Menschen, die mit nichts kargen, sobald es sich um die Befriedigung ihrer persönlichen Ansprüche ans Leben handelt, denen aber sofort die Ausgabe kürzungsbedürftig erscheint, wenn es sich um Dinge handelt, die nicht ihrem persönlichen Gebrauch und dem Schmuck ihres Lebens dienen. Die,.wenn es zu sparen gilt, an dem zu sparen anfangen, was sie sonst für öffentliche Zwecke, für Wohlfahrt und dergleichen zu geben sich gewöhnt hatten. Mit der sarkastischen Bemerkung, daß dann das Verhältnis sich umkehren könne, und dem Pflichtigen schließlich nur das bleibe, was er sonst dem Priester gab, mit der Ironie, mit der er hier den Hausherrn sozusagen zum Priester avancieren läßt, will er den Menschen jener Denkart zu Gemüte führen!, es könnte sich einmal das Blatt wenden und ihnen nur soviel übrig bleiben, wie sie sonst für solche Zwecke ausgaben. Er appelliert gewissermaßen an ihren Egoismus und sagt zu ihnen: ihr handelt in eurem eigenen Interesse, wenn ihr an euren Wohlfahrtsusw. Ausgaben nicht kargt, denn je mehr ihr gebt, desto mehr ist euch gegönnt. Der Autor wird selbst gewußt haben, daß man an den Egoismus nicht appellieren dürfte, daß eine Handlung, die von Egoismus bewegt ist, der feineren, der letzten Sittlichkeit entbehrt. Aber er wird sich gedacht haben, ich habe Menschen vor mir, bei denen ich nur etwas erreichen kann, wenn ich an ihren Egoismus appelliere. So will ich sie denn damit packen und sie an das edlere Ziel, gewöhnen. So ist ja auch die bekannte Regel: „auf dem Umwege über ein Tun, das noch zweckhaft ist, kommt man zu einem Tun, das schließlich nicht zweckhaft, nur um Gottes willen •geübfr-wird." Und erzielt soll werden ein Wille zum Opfern und zur Selbstentäußerung, der von den Notwendigkeiten der Gesamtheit, dem idealen Erfordernis ausgeht, und nicht von dem, was man als Notwendigkeit für sich selbst empfindet. In der gleichen Richtung bewegt sich ein Ausspruch der Alten: „Am Neujahrstage wird dem Menschen zugemessen all .sein Be-. dürfen), ausgenommen das, was er aufwendet für die Sabbatheiligung und für die Erziehung der Kinder, je mehr er dafür tut, um so mehr wird ihm zugemessen^ je weniger er dafür aufwendet, um so weniger wird ihm zugemessen." Es ist klar, daß das nicht schematisch zu verstehen ist, sondern daß gemeint ist: Sorg dich, wenn es um die religiösen Erfordernisse geht, nicht darum, ob das, was du dafür aufwendest, nicht deine anderen Lebensbedürfnisse schmälern wird, Gott wird schon helfen, und um so sicherer^ je mehr du dich in die religiösen Erfordernisse vertiefst und durch sie deine Seelenruhe gewinnst. Trotzalledem, es bleibt ein gewisses Unbehagen bei dem Gedanken, daß in der oben angeführten Bibelauslegung mit dem Gedanken an Lohn für die. Tat des Menschen gespielt wird. Ein Unbehagen, das sich noch mehrt, wenn man eine andere Auslegung des Bibelverses in Betracht zieht. Der im Eingang angeführte Vers: asser teasser wird gelesen asser scheteascher: „Zehnte, damit du reich wirst". Vielleicht ist es aus erzieherischen Gründen — ein Gedanke, der einmal bei Maimonides anklingt — notwendig, manchen Menschen einen Lohn in Aussicht zu stellen, um sie überhaupt einmal ans Tun zU gewöhnen. Wie man aber überhaupt über ein. Tun im Hinblick auf Lohn dachte, davon zeuge ein Midrasch zum Anfang des Wochenabschnittes Ekew. „Es heißt (Spr. Salom. 5, 6): „Daß du ja nicht abwägest den Weg des Lebens", das bedeutet: Du sollst nicht klügeln, welches