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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-08-01 · 12 (8.1934) · p. Seite 465

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
12 (8.1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 465 (sequence 7)
Language
German
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Seite 465 Gebot Lohn bringt und welches nicht, daß du danach dich richtetest, denn „es schwanken ihre Pfade, du weißt es nicht", die Pfade der Thora sind in steter Bewegung. Ein Gleichnis: Ein König hatte einen Garten, er führte Arbeiter in ihn hinein, aber er sagte nicht, welchen Lohn er ihnen für die einzelnen Pflanzungen gäbe, denn hätte er es gesagt, hätten sie sich nur der gewinnbringenden Arbeiten zugewandt, und von der Arbeit im Garten wäre nur ein Teil getan, der andere nicht. So hat auch der Heilige, gelobt sei er, keinen Lohn verkündet für die Gebote, sonst würden die einen erfüllt werden und die anderen nicht. Rabbi Schimon ben Jochai lehrte: Nur bei zwei Geboten hat Gott den Lohn dafür offenbart, bei dem leichtest zu erfüllenden und bei dem schwerst zu erfüllenden. Das leichtest zu erfüllende ist (5. M. 22, 7): „Fliegen sollst du lassen die Vogelmutter, wenn du die Jungen dir nimmst, damit es dir gut gehe und andauern deine Tage." Das schwerst zu erfüllende ist (2. M. 20, 13): „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit es dir gut gehe und andauern deine Tage." Beide sind sie gleichwertig in dem Lohn, der ihrer Erfüllung gesetzt ist. Der Heilige, gelobt sei er, sagte zu Israel: Ihr sollt die Thora nicht befolgen um des Lohnes willen, wer das täte, wird genannt ein Böser, und nichts läßt er seinen Kindern zurück. Hätte Abraham Lohn für seine Frömmigkeit verlangt, wie hätte Mose dann beten können (2. M. 32, 13): „Denke dem Abraham und Jizchak und Israel deinen Dienern, was du ihnen zugeschworen? Und Elijahu hätte nicht sagen könne (1. Kg. 13, 36): „Gott Abrahams, Jizchaks und Israels, heute soll es kund werden." Und über alles hinaus geht das Wort aus den Sprüchen der Väter (I, 3): „Seid nicht wie Knechte, die ihrem Herrn dienen, um Lohn zu empfangen, sondern seid wie Knechte, die ihrem Herrn dienen ohne jeden Wunsch, belohnt zu werden." Erklärung der Reichsvertretung der deutschen Juden: In Uebereinstimmung mit der übergroßen Mehrheit der deutschen Jaden und unter Zustimmung der Vertreter aller Organisationen hatte die Reichsvertretung der deutschen Jaden an die verschiedenen jüdischen Gruppen die dringende Mahnung erlassen, in dieser ernsten Zeit den polemischen Richtungskampf einzustellen. Die verschiedenen Gruppen hatten dann auch, ohne damit irgendetwas von ihrer Eigenart aufzugeben, bis vor kurzem diese gegenseitige Bekämpfung unterlassen. In letzter Zeit ist aber wieder bedauerlicher Streit ausgebrochen. Die Reichsvertretung muß daher mit allem Nachdruck feststellen: Vaterländische Gesinnung und Zuverlässigkeit und Hingabe an das deutsche Vatertand sind, ebenso wie jüdische Gesinnung und Treue gegen das Judentum, kein Sonderbesitz irgendwelcher Gruppe der deutschen Judenheit. Die Anhänger keiner Gruppe des deutschen Judentums haben es an vaterländischer Treue fehlen lassen. Keine Gruppe darf es für sich allein beanspruchen, die Gesamtaufgaben des deutschen Judentums zu vertreten. Dieses Recht kommt der Reichsvertretung der deutschen Juden zu. Sie weiß es zu wahren und auszuüben. Baeck. Chajim Nachman Bialik Am 4. Juli 1934 ist Chajim Nachman Bialik an den Folgen eines operativen Eingriffes in Wien verschieden. Mit ihm ist der größte hebräische Dichter der Neuzeit dahingegangen. Die Judenheit der ganzen Welt verliert in ihm die Verkörperung aller Bestrebungen nach Verlebendigung der hebräischen Sprache. Man hat ihn den größten jüdischen Dichter seit Jehuda Halevi genannt und bat ihn mit diesem wahrhaft gewaltigen Vergleiche nicht überschätzt. Sein verfeinerter und gehobener dichterischer Stil paarte sich mit einer Volksgebundenheit und Diesseitigkeit, die vielleicht auch ihren Ausdruck in seiner stämmigen, manchmal bäuerlich anmutenden Erscheinung fand. Sein Werk und sein Wille ließen erkennen, daß er in jedem Augenblick jüdischem Leben und jüdischer Art verpflichtet war. Am 9. Januar 1873 ist Bialik in dem Dorfe Rady in Wolhynien geboren. Schon als Knabe hat er sich in den Jeschiboth des Ostens so stark mit dem Wissen um die jüdische Tradition vollgesogen, daß er bereits mit 15 Jahren an Kenntnissen seinen Lehrern nicht nachstand. Zugleich begann er, sich mit weltlicher Literatur und Wissenschaft zu befassen. Auch seine erste Begegnung mic moderner hebräischer Literatur fiel in diese Zeit; besonders Achad Haam wirkte auf ihn. Damals, als er sich der Odessaer Bewegung der Palästina-Freunde anschloß, entstand sein erstes Gedicht „El ha-Zippor" (An den Vogel). Seine in den neunziger Jahren geschriebenen Gedichte erschienen 1897 gesammelt. Unter dem Eindruck des Pogroms in Kischinew verfaßte er das Gedicht „AI ha-Schechita" (Nach dem Morden). Die epische Dichtung „Mete Midbar" (Die Toten der Wüste) stellt des Dichters Antwort auf das Leben der Juden in der Galuth dar. Klassische Bedeutung erlangte sein Gedicht „Ha-Matmid", das einen Panegyrikus auf den ständig lernenden Talmudjünger darstellt. Als der Dichter 1921 das bolschewistische Rußland verließ, ließ er sich zeitweise in Berlin, zeitweise in Homburg v. d. H. nieder, von wo aus er auch mit Männern unserer Gemeinde in freundschaftliche Fühlung trat. 1924 übersiedelte Bialik nach Tel Awdw, wo ihm die Stadlverwaltung ein Haus zur Verfügung stellte, das er erst im letzten Jahre verließ, um sich in das benachbarte Ramat Gan zurückzuziehen. Mit den großen Erzeugnissen des geistigen Lebens der Völker war Bialik vertraut und er hat der hebräischen Literatur Uebersetzungen bedeutender Werke aus anderen Sprachen zugeführt. Was ihn aber vor allem den Herzen des Volkes und der Jugend nahegebracht hat, ist sein „Sefer Aggadah", in dem er aus der jüdischen Literatur vieler Jahrhunderte den hier und da zerstreuten Sagenschatz gesammelt und in klassischem Hebräisch der Nachwelt überliefert hat. Dieselben Mächte des Volkes, die diese Welt der Märchen, Sagen und Auswirkungen biblischen Erzählungsstoffes geschaffen haben, lebten schöpferisch in ihm weiter und begnadeten ihn daher, in strittigen Fratgen der Lebensgestaltung zur rechten Zeit die aus den Wurzeln des Judentums gewachsene Antwort zu finden. Die von ihm geschaffene Institution des „Oneg Schabbath", die alle Kreise des Volkes zu ernster Unterhaltung und verlebendigter religiöser Empfindung am Sabbat-Nachmittag vereinigt, ist in wenigen Jahren nicht nur in Palästina allgemeiner Brauch, sondern auch in der Galuth eines der wertvollsten Mittel zur Vertiefung religiösen Lebens geworden. Leo Baeck, der Präsident der Reichsvertretung der deutschen Juden, hat von ihm gesagt: „Ein Dichter stand in Bialik vor uns, der die Genialität der Liebe besaß. Ihm war unsere hebräische Sprache nicht ein Werkzeug nur, dessen er sich bediente, sondern sein Kind, daß er zu eigen gewonnen, das er liebte und das er erzog, das er schmückte und dessen er sich freute, das er heranwachsen und ins Leben hinaustreten sah; Vaterliebe und Vaterstolz erfüllten ihn. Ihm war das Land der Väter nicht nur ein Boden, sondern eine Liebe, nicht nur eine Erde, sondern ein Himmel; Ziel der Sehnsucht blieb - es ihm, aueh als es ihm Heimat geworden war, immer beglückend, immer wieder fordernd und hinausweisend. Ihm war unsere jüdische Geschichte nicht nur seine Vergangenheit, nicht nur der Weg zu ihm hin und vor ihm her; sie war ihm Hagada, Glaube voller Liebe, Gewißheit voller Liebe. Sie war ihm Bund mit Gott und so Bund mit der Zukunft. Darum war or 3in Süher; denn die Liebe macht sehend."

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