Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 8 (4.1934)
- Date
- 1934-04-01
- Page
- Seite 311 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 311 Stärkung des Interesses an den Gemeindeangelegenheiten Nachwuchs der Gemeindeverwaltung Von Dr. Hugo Hoffmann Das Erscheinen der Beilage „Jugend und Gemeinde" dokumentiert, wie sehr der Gemeinde an der unmittelbaren Verbindung mit der Jugend gelegen ist; der Inhalt beweist die Resonanz dieses Willens in den Kreisen der Jugend. Jugendheim, Subventionen und vor allem die Einrichtung der Jugendkommission sind praktische Beispiele. wertvoller Jugendarbeit. Und doch fehlt die Stelle, die der Jugend die Möglichkeit gibt, sich durch intensiveres Befassen mit Gemeindefragen auf eine spätere aktive Betätigung in den Gemeindegremien vorzubereiten, und die gleichzeitig der Gemeindeverwaltung geeigneten und vollwertigen Nachwuchs schafft. Die Jugendkommission berät und entscheidet lediglich Fragen, die mit der Jugendpflege der Gemeinde zusammenhängen. Alle übrigen Gebiete gemeindlicher Fürsorge und Verwaltung bleiben ihr, wie der Mehrzahl der Gemeindemitglieder, in ihren Kernproblemen unbekannt. Wie oft treten selbst an die Mitglieder der Gemeindegremien Entscheidungen heran, deren verantwortungsvolle Prüfung ein ganz erhebliches Maß von Sonderkenntnissen voraussetzt! Die Aufgaben der Gemeinde sind aber in den letzten Jahren und besonders infolge der politischen Umwälzung um ein Vielfaches gestiegen. Die vergangene Epoche wirtschaftlichen Auskommens und sozial-gesellschaftlicher Unbekümmertheit führte von selbst zu einer mehr und mehr verwaltungsmäßigen Leitung der Gemeinde. Das einzelne Gemeindemitglied zahlte seine Kultussteuer, besuchte mehr oder weniger die Gemeinde- Synagoge und las allenfalls die Veröffentlichungen im Gemeindeblatt. Von einem irgendwie engeren Konnex zwischen Gemeindeverwaltung und Gemeindeangehörigen konnte keine Rede sein. Beide Teile waren froh, selbständig und nicht voneinander abhängig zu sein. Wie ganz anders heute! Die Aufgabender Gemeinde sind ins Unermeßliche gestiegen. Ueber die reine Verwaltungsarbeit hinaus sind ihr soziale und kulturelle Pflichten erwachsen, die weit über den Rahmen bisheriger Gemeindetätigkeit hinausgehen. Vollkommen auf sich selbst gestellt, ohne weitere Zuschüsse des Staates, mit erheblich zusammengeschrumpften Steuereinnahmen, treten gerade jetzt erhöhte Anforderungen wirtschaftlichen, seelischen und geistigen Rückhalts der Gemeindemitglieder an sie heran. Will die Gemeinde auch nur einigermaßen diesen Anforderungen entsprechen, bedarf sie stärkerer Autorität undgrößerer Gemeindefreudigkeit ihrer Anhänger. — Dies erreicht sie nur dann, wenn sie für einen auf solche Fülle gemeindlicher Arbeit vorbereiteten Nachwuchs sorgt. Und diesem Zweck dient eine neu geplante Arbeitsgemeinschaft. Ein Kreis junger Menschen aus den verschiedenen Bünden, im Alter von etwa 18—25 Jahren, bewußt jüdisch eingestellt und von dem Willen beseelt, der künftig doppelt verantwortungsvollen Aufgabe einer Gemeindeführung zu dienen, kommt regelmäßig zusammen, um nach dem Referat eines mit der in Frage kommenden Materie besonders vertrauten Mitglieds der Gemeindeverwaltung oder eines führenden Gemeindebeamten in Form freier Aussprache tieferen Einblick in die mannigfaltige, keineswegs trockene Gemeindearbeit zu gewinnen. Die Ausspracheabende finden ihre selbstverständliche Ergänzung im Besuch der Sitzungen der Gemeindevertretung und in der Führung durch Anstalten und Einrichtungen der Gemeinde. Die Bünde verpflichten sich, nur solche Menschen zu stellen, die nicht nur ernstliches Interesse für diese Arbeit bekunden, sondern auch ihre Fähigkeit, zu führen, bereits praktisch bewährt haben. Der Arbeitskreis darf die Zahl von etwa 15—20 Personen nicht überschreiten. Den Teilnehmern müßten persönliche Freikarten zu allen kulturellen Veranstaltungen innerhalb der Gemeinde zur Verfügung stehen, damit sie in steter Verbindung mit dem jüdisch-kulturellen Leben der Gemeinde verbleiben und hieraus neue Anregungen und neue Ideen zu schöpfen vermögen. Der Arbeitsstoff dürfte nicht nur die einzelnen Gebiete umfassen, die zum Verwaltungsbereich der Gemeinde gehören, sondern müßte zugleich allgemein -jüdische Themen behandeln, die geeignet sind, das jüdische Selbstbewußtsein innerhalb der uns umgebenden nichtjüdischen Umwelt zu stärken. Aus dieser Arbeitsgemeinschaft würde nicht nur ein Stamm persönlich wertvoller und sachlich vorgebildeter Kräfte für die künftige Führung der Gemeinde entstehen; die Teilnehmer würden gleichzeitig ein nicht zu unterschätzendes Bindeglied zwischen der Gemeinde und den Bünden, sowie den Gemeindemitgliedern bilden; sie würden manches Verständnis und manche Aufklärung zu schaffen in der Lage siein. Eine besonders wichtige, in ihrer späteren Bedeutung noch nicht zu übersehende Aufgabe wäre die, dem Teil der jüdischen Jugend, der hier bleiben will, und denen, die trotz mancher Auswanderungsmöglichkeiten immer noch hier bleiben müssen, inneren Halt und äußere Existenzmöglichkeit zu schaffen. Der unbestreitbare Erfolg einer solchen von der Gemeinde auf Vorschlag der Jugendkommission ins Leben zu rufenden Arbeitsgemeinschaft hängt allerdings von der sicheren Auswahl der zu stellenden Teilnehmer durch die Bünde ab. Das Schriftwort Die Nuss Von Max Dienemann Dem Pessachfest ist seit alten Zeiten da^ Hohelied — Schir haschirim — zum liturgischen Gebrauch beigesellt. Aus welchem Grunde und in welchem Zusammenhang? Das ist nicht ganz klar. Vielleicht geschah es deshalb, weil Pessach das Fest des Frühlings ist, in Erez Israel um diese Zeit alles in voller Blütenpracht steht und in dem Liede der Vers anklingt (2, 11) „Siehe, der Herbst ist vorüber, der Regen ist vorbei, seines Weges gegangen. Die Blumen sind zu schauen im Lande." Vielleicht deshalb, weil man diese Liedfülle nicht iu ihrer Wörtlichkeit aufgefaßt hat, sondern alles verstanden hat als ein Gleichnis von Gott und Israel, und weil man darum der Meinung war, daß es so die notwendige Ergänzung ist zu der Feier der Volkwerdung Israels durch seinen Auszug aus Aegypten. Daß man diese Lieder heißester Liebe — mitunter sind sie so realistisch, daß man meinen könnte, man sähe und höre in aller Leibhaftigkeit Bräutigam und Braut um einander werben — so geistig erfassen konnte, daß sie zum Lied der Gottesliebe werden konnten, das ist eine der erhabensten Leistungen altjüdischer Deutungskraft und ihrer souveränen Beherrschung des Wortes und seines Sinnes, sprechendes Beispiel dafür, daß man im Judentum Göttliches und Irdisches über alle Klüfte hinweg miteinander verschmolz, daß man eine schiedliche Trennung: hie Frömmigkeit, hie Alltag und Erdenleben nie anerkennen mochte. Da man nun aber das ganze Lied auf das Verhältnis von Israel und Gott zu einander bezog, so war nur ein Schritt bis