Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 7 (3.1934)
- Date
- 1934-03-01
- Page
- Seite 264 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 264 Das Schriftwort Die Tafeln des Bundes Von Max Dienemann Es ist eine Wahrnehmung, die man immer und immer wieder machen kann, wenn man die Deutung der Alten liest und in ihre Art, das Bibelwort-zu erfassen, sich vertieft: daß sie die Bibel mit anderen Augen lasen als wir, mit einem anderen Verständnis. Ihre Deutung mag oft dem einfachen Sinn nicht entsprechen, sie kann uns mitunter als hergeholt erscheinen, so daß ihr Autor seine eigene Meinung und das, was er künden will, in das Bibelwort hineinliest, hineinträgt; und doch werden wir immer aufs neue überrascht davon, wie wundervoll jene Alten es verstanden, tiefste, letzte Erkenntnisse und Wahrheiten in das Gewand der Bibeldeutung zu kleiden, wie fruchtbar jene Deutungen sind. Eine Bemerkung der Alten zu der Zertrümmerung der Tafeln durch Mose, als er, vom Sinai hinuntersteigend, Israel um das goldene Kalb tanzen sah, fesselt im besonderen unsere Aufmerksamkeit, zeigt uns, wie anders und weitschauender sie das Bibelwort erfaßten. Man kennt die Erzählung: daß Israel, als Mose allzu lange auf dem Sinai verharrte, in seinem Vertrauen auf die Führung wankend wurde, allzu rasch die eben vernommene Forderung, sich kein Bild von Gott zu gestalten, vergaß, das Sichtbare, Anzuschauende nicht zu entbehren vermochte, im Anschaubaren die Gegenwart Gottes spüren wollte, sich darum um das Stierkalb scharte, als dem Sinnbild der Kraft und des dauernden Sieges; daß Mose von Gott den Abfall seines Israel hören mußte und daß er, als er, herniedergestiegen, Israel im Reigentanz um das Götzenbild sich drehen sah, in jäh aufloderndem Grimm die Tafeln von sich warf und ,sie zerschmetterte. Warum zerschmetterte er sie? Nur im jähen Zorn, gleichsam ohne Besinnung, im Sturm des Augenblicks handelnd? Können wir uns Mose so denken? Tat er es, weil er des raschen Abfalls wegen Israel nicht mehr für würdig hielt, das Gottesgeschenk der Tafeln zu empfangen? Wer war selbst Mose, daß er es wagen durfte, so ohne Auftrag Israel etwas zu nehmen, das Gott an Israel vergeben hatte? Wie würde das zu dem Mose stimmen, der in der nächsten Stunde, dem nächsten Augenblick schon zu Gott betet, daß er Israel verzeihen solle, daß, wenn Israel nicht verziehen würde, auch er, Mose, ausgelöscht sein möchte? Und wenn er gar Israel für nicht würdig hielt, woher hatte er die Vollmacht, die Tafeln zu zertrümmern, die Gott gemeißelt, also das Werk selbst zu zerstören; wie wenn nun Gott sich andere Träger hätte erwählen wollen? Eine Deutung der Alten: Als der Heilige, gelobt sei er, Mose die Tafeln übergab, trugen sie sich selbst. Als Mose hinunterstieg, dem Lager nahe kam und das Kalb erblickte, flogen die Buchstaben ihrer Schrift von ihnen, da wurden die Tafeln so schwer in den Händen Moses, daß er sie nicht mehr tragen konnte, darum alsbald: „aufloderte der Zorn Moses und er ließ die Tafeln aus seinen Händen zur Erde fallen." Das also ist ihre Erklärung: als Israel sündigte und mit seiner Tat das Wort der Tafeln zunichte machte, flüchteten die Buchstaben der Bundesworte sich in den Himmel zurück. Dann aber war der Stein nicht mehr, ein Lebendiges, das sich selbst trägt, sondern ein toter Stein, dessen Gewicht für Menschenhand zu schwer war, den festzuhalten sich nicht verlohnte. Was ist dieser Erklärung Sinn und Richtung? Was soll damit gesagt, in die Seelen gesenkt werden? Zunächst das Eine: nicht das Gebot braucht den Menschen, nicht der Mensch gibt dem Gebot Halt, das Gebot trägt ihn, gibt ihm Halt. Das Leben wird nicht leichter, freier, tragbarer, wenn man der „Bürde" des Gebotes ledig wird; umgekehrt: dann erst ist alles schwer, ohne Sinn, dann erst wird alles, was man empfängt, und sei es selbst aus Gottes Hand, untragbar. Irrtum zu glauben, daß die Offenbarung Last ist; Last ist, ohne Offenbarung zu sein. Ein Anderes, das aber erschließt sich erst im Geheimnis, oder vielmehr es erschließt sich nicht, bleibt Geheimnis; denn Widerspruchsvolles schließt sich hier ineinander und ist im Ineinander nachzu fühlen, nie zu erkennen. Die Buchstaben tragen sich selbst. Gottes Offenbarung hat ihr eigenes Leben, sie ist nicht vom Menschen und seinem Willen abhängig, sie meißelt sich in die Tafel der Welt, in die Tafel der Menschheitsgeschichte, in die Tafel des Einzellebens, ist und bleibt dort in ihrem eigenen Gesetz. Und zugleich ist es so, daß sie sich selbst als überflüssig, als wertlos empfinden, wenn der Mensch in seiner Tat nicht mit ihnen übereinstimmt. So sind sie also doch unauflösbar mit dem Menschen verbunden, so ist Offenbarung doch an den Menschen gebunden, an seine Tat, nicht nur sich gehorchend, nicht nur in die Tafel eingeschlossen und von ihr behütet und aufbewahrt, so ist also doch ihr Schicksal an den Menschen und seinen Willen geknüpft. Hier ist wiederum ein Ausdruck jener merkwürdigen jüdischen Lehre von der Verwirklichung. Sie geht so weit, daß sie, wenn solch ein Wort zu sprechen möglich ist, — kewejachol heißt hier das Wort der alten Sprache — das Schicksal Gottes in die Hand des Menschen legt, bis daß man von der „Verwirklichung Gottes" reden darf, bis daß man das Wort „ihr seid meine Zeugen" so auslegen konnte: „wenn ihr mich bekennt, bin ich, und wenn ihr mich nicht bekennt, kewejachol, bin ich nicht." Von hier aus geht die jüdische Lehre, daß der Mensch mitbauen muß am Gottesreich auf Erden, daß es nicht kommen kann ohne Gott, aber auch nicht ohne den Menschen. Von hier aus die Lehre und die Gewißheit, daß die Welt nicht unter dem Zorn und dem ewigen Gericht steht, sondern daß sie das Feld ist, auf dem der Mensch mitbaut am Bau der tragenden Pfeiler sittlicher Tat. Daß nicht zu trennen ist zwischen der Welt als dem Tummelplatz der Sünde und der Forderung Gottes an den Menschen, zwischen der Welt und ihren irdischen Ordnungen, dem religiösen Leben und seinem ihm innewohnenden Gesetz. Als Israel sündigte, flohen die Buchstaben aus den Tafeln. Warum alle? Warum nicht nur die des zweiten Bundeswortes, gegen das gefehlt war? Hatte Israel getötet, daß auch die Buchstaben dieses Gebotes nicht mehr in der Tafel bleiben wollten? Hatte es Vater und Mutter mißachtet, daß auch dieses Gebotes Buchstaben den Dienst verweigerten? Alles ist, so will jener Midrasch sagen, eine Einheit. Die Frömmigkeit zerfällt nicht in Einzelhandlungen, sie läßt sich nicht zerlegen und zergliedern in dies und jenes Gebot, jedes für sich bestehend, jedes in sich geschlossen, alles religiöse Leben ist in sich zusammenhängend, eins bedingt das andere, eins trägt das andere. Versagt man dem einen Bezirk den Zusammenhang mit dem Ganzen, gleich ist alles wertlos geworden und hat keine Tragkraft mehr. Die TotalitätdesLebens und der religiösenForderungist der Sinn jener alten Deutung. Zugleich aber enthüllt sie, daß der Buchstabe der Offenbarung eben nicht Buchstabe ist, mit allen andern verbindet er sich zum Ganzen, und ihr innerer Zusammenhang hebt ihn aus der Vereinzelung und haucht ihm Leben ein, das Leben, das ihm mit seinen Geschwistern die Kraft gibt, sich von dem Träger zu lösen und zur Heimat zurückzukehren, bis daß der Träger — wie Israel in der Erzählung von den zweiten Tafeln, die Mose auf Gottes Geheiß meißeln mußte — geläutert genug ist, sie wollend zu empfangen. iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiim S>cnf I an »rijilfjWetf m §>en<föjen Me*!