Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 7 (3.1934)
- Date
- 1934-03-01
- Page
- Seite 265 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 265 Die Bevölkerungsbewegung der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a. M. Fünf Jahre Statistik des Gemeindeblattes Von Lothar Bauer I. Die Bevölkerungsbewegung der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a. M. wurde in früheren Jahren nur von der amtlichen Reichsstatistik erfaßt. Seit fünf Jahren hat jedoch die Gemeinde in monatlichen, anerkennenswert rasch herausgebrachten Tabellen, die dem Geraeindeblatt beigefügt sind, den Versuch unternommen, die Bewegung der Mitglieder der Gemeinde zu erfassen. Eine derartige Statistik, die nicht wie die reichsamtliche auf einer genauen Erhebung fundiert ist, muß natürlich gewisse Fehlerquellen enthalten, so daß ihre Ergebnisse nur in Richtung und Ausschlag, nicht in den einzelnen Zahlen Anspruch auf eine vollständige Genauigkeit erheben. Die Bewegung spiegelt auch nicht das Schicksal der gesamten jüdischen Bevölkerung von Frankfurt wieder, sondern nur die der Mitglieder der Gemeinde. Daneben bestehen noch die Mitglieder der Israelitischen Religionsgesellschaft, die teilweise auch der Gemeinde angehören, sowie Juden, welche nach dem geltenden Recht zwar nicht als Mitglieder der Gemeinde Frankfurt erscheinen, da sie ihren Austritt erklärt haben, die jedoch noch als Juden zu betrachten sind. Außerhalb dieser drei Kategorien und ihnen nicht zugehörig, stehen die nichtjüdischen „Nichtarier" aller Schattierungen, deren Zahl unbekannt und umstritten ist. Gerade bei einer so alten und traditionsreichen jüdischen Gemeinde wie der hiesigen, wäre es eine interessante Aufgabe, festzustellen, wie groß die Anzahl dieser Nichtarier ist. Die Bevölkerungsbewegung der deutschen Juden ist in den letzten Jahren noch stärker als früher von Faktoren bestimmt worden, welche eine Verringerung der Gesamtzahl in steigendem Maße herbeiführten. Es ist bekannt, daß die Geburtenzahl immer stärker sank, da in der städtischen Bevölkerung an Stelle der früheren Vielkinderehe die Einkindehe oder sogar Kinderlosigkeit Platz griff. Wenn in einzelnen Schichten der jüdischen Bevölkerung, besonders in der Orthodoxie und in Kreisen der Ostjuden, die Kinderzahl nicht so sehr wie in anderen Schichten sank, so konnte damit der rapide Rückgang des natürlichen Wachstums nur zum ganz kleinen Teil ausgeglichen werden. Die Veränderungen der sozialen Struktur des Judentums und die Gesamtrichtung der wirtschaftlichen Entwicklung der akademischen und kaufmännischen Berufe, in denen die Juden tätig waren, hat bereits seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die natürliche Verminderung der deutschen Juden bestimmt. Es wurde von Statistikern wiederholt darauf hingewiesen, daß die Bewegung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland der der anderen Bevölkerungsteile vorauslaufe, und daß die Juden fast als Barometer der weiteren Bevölkerungsentwicklung betrachtet werden können.*) Die Geburtenziffer der jüdischen Bevölkerung in Frankfurt a. M. war in dem zuletzt von Prof. Dr. W. Hanauer im Gemeindeblatt vom Januar 1928 untersuchten Zeitraum 1910—1925 bereits wesentlich kleiner als die Ziffer der Gestorbenen, wenn auch in der untersuchten Zeit infolge des Krieges gewisse Verschiebungen eingetreten sind. Zu dieser in der Entwicklung des deutschen Gesamtjudentums liegenden Richtung der Verminderung der Ge-. burten und damit einer Ueberalterung der Bevölkerung traten in den letzten fünf Jahren, die hier untersucht werden sollen, noch die Folgeerscheinungen der Wirtschaftskrise, die in dem ersten Jahr des Untersuchungszeitraums einsetzte und sich bis zum Ende hinzog. Diese Folgen sind zunächst eine Verminderung der Eheschließungen, Verringerung der Geburtenziffer, ein Nachlassen der Zuwanderung, welche in den letzten Jahrzehnten noch die Vermehrung der jüdischen Bevölkerung in den Städten mangels natürlichen Zuwachses verursacht hatte, eine gewisse Erhöhung der Abwanderung, insbesondere der weniger seßhaften Bevölkerungsschichten, und weiter auch eine gewisse Erhöhung der Sterblichkeit, vor allem der Selbstmordzahl. Zu dieser Verschärfung der Situation durch die Krise traten weiter politische Faktoren, welche sich vor allem im Jahre 1933 auswirkten. Die veröffentlichten Statistiken geben allerdings die dadurch hervorgerufene Abwanderung nicht vollkommen wieder, da zunächst ein größerer Teil der Wegziehenden ihren Wohnsitz vorläufig noch beibehält und da weiter oft ein Zeitraum von einigen Monaten vergeht, bis in der Statistik der Gemeinde die Tatsache des Wegzugs erfaßt wird. Wir versuchen, im Nachstehenden zunächst einen Ueberblick über die Bewegung der Gemeindemitglieder in den letzten fünf Jahren zu geben; einem späteren Artikel sollen Einzeluntersuchungen vorbehalten bleiben. Die natürliche Bevölkerungsbewegung: 1933 dreimal soviel Todesfälle wie Geburten Natürliche Bewegung Geburten Todesfälle Sterbeüberschuss Knaben Mädch. zus. Männer Frauen zus. Männer Frauen insg. 1929 131 126 257 187 216 403 56 90 146 1930 128 108 236 190 185 375 62 77 139 1931 97 93 190 177 178 355 80 85 165 1932 60 67 127 159 169 328 99 102 201 1933 52 54 106 168 163 331 116 109 225 468 448 916 881 911 1792 413 463 876 *) Vgl. Ernst Kahn, „Der internationale Geburtenstreik", S. 32 ff. Eine Gegenüberstellung der Geburten und der Todesfälle zeigt ein geradezu erschütterndes Bild, das dadurch noch schwärzer wird, weil sich schon vor Beginn des politischen Umschwungs eine dauernde Verschlechterung ergibt. War 1929 das Verhältnis von Geburten zu Todesfällen noch wie 6'{» zu 10, so sank es 1933 auf fast 3 zu 10, also trotz Rückgangs der Todesfälle fast unter die Hälfte. Die Geburten haben dabei den stärksten Rückgang im Jahr 1932, obwohl die Zahl der Eheschließungen in der ganzen Zeit sich nur verhältnismäßig wenig vermindert hat. Bei dem Geschlecht der Neugeborenen ist auffallend, daß in den beiden letzten Jahren, in denen die Geburten stark gesunken sind, ein Mädchenüberschuß besteht, während in den drei vorhergehenden Jahren z. T. beträchtlicher Ueberschuß der Knaben festzustellen ist. Die Todesfälle zeigen immerhin 1932 gegenüber 1929 einen Rückgang um fast 20 Prozent. Im Jahre 1933 allerdings ist wieder eine leichte Erhöhung festzustellen, die nicht zuletzt auf die in diesem Jahr wesentlich . erhöhte Zahl der Selbstmorde zurückgeht. 1929 1920 1537 1932 1935