Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-01-01 · 5 (1.1934) · p. Seite 185

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
5 (1.1934)
Date
1934-01-01
Page
Seite 185 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3094266-3094399-3094404--3917-3098700
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 185 Das Sdiriftwort Die Geschlechter Von Rabbiner Dr. Max Dienemann Die biblische Erzählung von Moses Geburt erfährt eine merkwürdige Ergänzung durch eine in ihrer Naivität köstliche Legende. Sie knüpft an den Satz der Bibel: „Es ging ein Mann aus dem Hause Levi und heiratete die Tochter Levis." Das hier gebrauchte Wort wajikkach, „er heiratete", ist der Ausdruck, der in der Regel für die Schließung des Ehebündnisses gebraucht wird. Das aber muß hier Verwunderung erregen, denn, wie sich alsbald ergibt, handelt es sich um Amram und Jochebed, die Eltern Moses, die seit langem verheiratet waren und Kinder hatten: Miriam und Aaron; Miriam war bereits ein erwachsenes Mädchen mit eigenem Urteil und eigener Ueberlegung. Warum also das Wort wajikkach, das der Fachausdruck für die Eheschließung ist? Hier setzt die Legende ein, und also erzählt sie: „Amram war der Führer dieses Geschlechtes. Als er vernahm, daß Pharao gesagt hatte, jeden neugeborenen Sohn sollt ihr in den Nil werfen, sprach er: „Umsonst also unsere Mühe, neues Geschlecht in die Kette der Geschlechter zu fügen." Und sofort führte er die Scheidung von seiner Frau durch. Alle folgten seinem Beispiel und schieden sich von.ihren Frauen. Sagte seine Tochter zu ihm: „Vater, deine Anordnung ist schlimmer als die Pharaos. Pharao hat seine Anordnung nur erlassen wider die Knaben, du aber verhinderst mit deiner Anordnung die Geburt von Knaben <^und Mädchen. Pharaos Edikt kann Menschen höchstens dieser Welt berauben, aber -nicht der künftigen, ewigen. Deine Anordnung aber raubt den zur Geburt Bestimmten nicht nur diese Welt, sondern entzieht ihnen auch die Möglichkeit der künftigen. Ob Pharaos, des Bösewichts, Edikt Bestand hat, ist zweifelhaft. Du aber bist der Fromme, was du bestimmst, hat Dauer und wird durchgeführt." Amram vernahm die Rede und sie leuchtete ihm ein, und er holte sich seine Frau zurück und alle folgten seinem Beispiel und holten ihre Frauen zurück. Und. warum heißt es wajikkach „er heiratete", nicht nur „er holte zurück"? Es sagte R. Jehudc bar Abina: er hielt neue Hochzeit mit ihr; er holte sie unter das Trauzelt, Aaron und Miriam tanzten vor ihr her und die Engel des Dienstes fügten ihren Spruch hinzu: „beglückte Mutter der Kinder!" So die Legende. Ihr Sinn? Ein Mehrfaches will sie ins Bewußtsein heben. Mit einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig läßt, versucht ihr Autor davon zu überzeugen, daß Fülle des Volkes, Fülle der Geburten, ununterbrochene Kette der Geschlechter notwendig ist. Entschieden und betont wendet die Legende sich gegen die Anschauung, daß man sich an denen versündige, die man in Zeiten der Not und Bedrängnis in die Welt hineinsetzt oder daß es gar geradezu Pflicht sei, in Notzeiten den Kindersegen einzuschränken. Es ist eine Entscheidung wider die vernunftmäßige U eher legung, die hier vollzogen ist, eine Entscheidung aus dem Gefühl, aus dem Instinkt, aus dem Lebensgefühi, das die Zusammenhänge wahren will, unbekümmert um augenblickliche Verhältnisse. Hier steht die Gesamtfrage nach dem Willen zum Leben und dem Bestand der Gemeinschaft des Ganzen zur Entscheidung. Hier wird die Gemeinschaft unabhängig gesetzt von einem augenblicklichen Zustand, hier wird der Moment der Geschichte als Moment gewertet und nicht als Dauer. Ein Zweites: In der eigentümlichen und hold-naiven Sprache des Midrasch wird hier darauf hingewiesen, daß man ja nicht durch verstandesmäßige Ueberlegung Möglichkeiten verffimmel und Erde rufe ich zu Zeugen an. es sei Niditjude oder Jude, Mann oder Weib, Knecht oder Magd, nach dem Wirken jedes Menschen ruht der heilige Geist auf ihm. Jalkut § 42. Es sprach der Heilige, gelobt sei Er: die ganze Thora lehrt Frieden und wem übergebe ich sie? Dem Volke, das den Frieden liebt, Pesikta de Rab Kahana C. 12 (105b) Licht ist nur die Lehre. Megilla 15 a. schütten darf. Wenn Amram seinem Kopfe gefolgt wäre und nicht auf Miriam gehört hätte, wäre Moses nicht geboren worden, hätte es den Retter Israels nicht gegeben, den Gesetzgeber nicht gegeben, an dessen Name bis zum heutigen Tag erhabenste Lebens- und Gesellschaftsordnung geknüpft ist. Welche Sünde wird tagaus tagein hier begangen, wenn man aus Gründen kluger Erwägung die Fülle der Kinder nicht geboren werden läßt. Vielleicht daß dieser Ungeborene, vielleicht daß jener Ungeborene Rettung für Israel, Heil für die Welt gebracht hätte, Künder neuer wegweisender Gedanken geworden wäre — vielleicht daß dadurch eine ganze Welt unerlöst bleibt. Ein Drittes: In den Worten der Legende kommt zum Ausdruck, daß der Urgrund allen Lebens, des Einzelnen und der Gemeinschaft, Vertrauen und Glaube ist. Ohne Glaube an einen Sinn im Geschehen, ohne Vertrauen auf eine Lenkung der Welt kann der Einzelne nicht leben, kann ein Volk nicht leben. Vertrauen und Glaube, d. h. Kopf und Verstand reichen nicht aus, das Ganze zu meistern, erst recht nicht, Zukunft zu machen. Gerade wenn man um die Unsicherheit und Bedrohtheit allen Lebens weiß, gerade wenn man in Zeiten hineingestellt, in denen es jeder fühlt, daß alles unsicher und schwankend ist, jede Stütze von Brot und Besitz dahinschwinden kann, gerade dann kann nur auf Glaube und Vertrauen das Leben sich gründen. Wenn Amram mit Miriam zu diskutieren angefangen hätte, was hätte Miriam dem Vater entgegnen können? Alles, was Amram ins Feld geführt hätte, wäre klug und richtig gewesen; sie hätte ihm nur ihren Glauben und ihr Vertrauen, ihre emunah entgegensetzen können. Aber in aller Klugheit Amrams wäre er doch der Törichte gewesen und Miriam die Kluge, weil die letzte und höchste Klugheit gläubiges Vertrauen bleibt. Und nun ein Letztes: Der Rat des Kindes war besser als der Rat des Alten. Nicht daß die Legende den Rat und die Erfahrung der Alten beiseite schieben will, aber sie will erneut sagen, daß aller Erneuerungswille immer aus der Jugend erstehen muß. Sie muß den Willen haben, sie muß Gemeinschaft und Beseelung wollen, dann zwingt sie die Alten in ihren Bann und dann können die Alten und Reifen mit neuer Begeisterung, mit neuem Schwung aus ihrer Erfahrung und ihrer Erkenntnis Führung übernehmen und auf neuen Wegen zu dem ewigen Ziel hinlenken: Erhaltung des Ganzen, Fortsetzung des Lebens, Erschließung neuer Möglichkeiten. Aus Vergangenheit und Gegenwart des Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde Von Prof. Dr. S. Isaac, Chefarzt des Krankenhauses. Wir setzen mit diesem Aufsatz die in der vorigen Nummer begonnene Reihe über die Institutionen der Gemeinde fort, zu der wir die Leiter der Anstalten gebeten haben, das Wort zu ergreifen. Als im Sommer 1914 das jetzige Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde feierlich eingeweiht wurde, gab Prof. Dr. W. Hanauer in einer aus diesem Anlaß verfaßten Festschrift einen interessanten Ueberblick über die Geschichte der jüdischen Krankenpflege in Frankfurt a. M., soweit dies auf Grund der noch vorhandenen Urkunden möglich war. Schon im frühen Mittelalter ist von Einrichtungen jüdischer Gemeinden, die man als Vorläufer der Hospitäler ansehen kann, die Rede. Es gab damals der Aufnahme von armen Fremden und Kranken dienende Häuser, die man „Hekdesch" nannte, d. h. heiliger Wohlfahrt geweiht. Eine derartige Institution scheint in den meisten größeren Gemeinde bestanden zu haben, und auch hier in Frankfurt berichtet die Ueberlieferung bereits um das Jahr 1200 von einem solchen Hause, das in der Nähe des Hospitals zum Heiligen Geist, des ältesten christlichen Krankenhauses unserer Stadt, gelegen war. Ueber das jüdische Krankenhauswesen in den folgenden Jahrhunderten ist allerdings sehr wenig bekannt. Man weiß, daß im Jahre 1462 bei Errichtung der Judengasse auch ein Hospital erbaut wurde. Im Anfang des 16. Jahrhunderts scheinen in Frankfurt drei jüdische Krankenhäuser bestanden zu haben, das Hekdesch, ein Spital für nichtansteckende und ein solches für ansteckende Krankheiten, letzteres außerhalb der Judengasse in der Gegend des jetzigen Börneplatzes. Die Behandlung der Kranken lag etwa vom 17. Jahrhundert ab in den Händen angestellter Gemeindeärzte, von denen der berühmtesten einer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.