Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 5 (1.1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 184 manchen Ländern als der Auswurf und Abscheu der Sterblichen betrachtet, und doch welcher Wohltäter unser aller! Gleichsam ein großes blutiges historisches Opfer, welches Gott in seiner unerforschlichen- Weisheit als solches aufbewahrt und zum Heil des Geschlechtes hingegeben hat." Von der deutsch-jüdischen Krisis aus ist die gegenwärtige Aufgabe jüdischer Volkserziehung zu fassen. Es gilt heute nicht Ablösung vom Deutschtum, zu dem wir ein inneres Verhältnis haben, das durch kein Verhalten der Deutschen zu uns abgeändert werden kann — diese Feststellung hat aber nichts zu tun mit den heute hie und da in der deutschen Judenheit laut werdenden Liebeserklärungen und Treueschwüren ins Leere hinein —, sondern Verdichtung des Judentums, Neuknüpfung der Urverbundenheit. In diesem Sinne aus der Not eine Tugend machen, das heißt aus der Not eine große Tugend machen. Es ist unsere Aufgabe, in die Tiefe der Geschichte über die gegenwärtige Zeit hinauszüschauen und unser Schicksal nicht als ein territorial begrenztes zu erfahren. Die jetzt geforderte Phase jüdischer Volkserziehung ist die erneuernde, erneuernd im wahren und schweren Sinn des Wortes, nicht in dem blasphemischen, in dem das hohe Wort in diesen Tagen in einem Winkel des deutschen Judentums mißbraucht wird. Wir sind gering und schwach, doch dürfen wir das Ziel nicht gering und schwach bezeichnen. Wir Schwachen und Geringen haben_ eine große Aufgabe und ein großes Ziel, und zu dieser Aufgabe, zu diesem Ziel wollen wir mit unsern Kräften so wie sie sind, diese aber voll einsetzend, hinstreben^ und erfüllen was wir vermögen. Drei Elemente verbinden sich in der Volkserziehung, wie sie heute, in einer vielleicht wieder frühen Epoche jüdischer Geschichte erfordert ist: Es liegt uns zu allererst ob, jene Kraft des lebendigen Gedächtnisses wiedereinzusetzen in die jüdischen Menschen, und besonders in die Aufwachsenden unter ihnen. Sie können wir nicht missen. Wenn wir jetzt in die Bresche treten, das Band der Zeiten, das da und da zerrissen ist, wieder neu knüpfen werden, müssen wir zuallererst diese Kraft wieder einsetzen, die einst eine Selbstverständlichkeit unsres Lebens war, als etwas unmittelbar Wirkendes, von dem aus der Mensch lebt. Dies Leben aber ist gemeint als ein heutiges, gegenwärtiges, ganz ohne Romantik und ohne Illusion, ohne irgendeinem Element dieser schweren Stunde auszuweichen. Das von der Stunde verlangte Miteinander kann sich nur einstellen, wenn wir einander wahrhaft als B r ü d e r gegenübertreten, wenn wir, vvo wir miteinander zu schaffen haben, uns wahrhaft verbinden. Nicht aus dem Geist, nicht aus dem guten Willen und nicht aus irgendwelcher Ideologie entsteht Verbundenheit, sondern dadurch, daß der Mensch dem Menschen hilft, ihn unterweist und sich von ihm unterweisen läßt, daß man Gemeinschaft gründet von Mensch zu Mensch, wo immer sie sich gründen läßt, entsteht jene Lebensgemeinschaft, die Unmittelbarkeit des Miteinanderlebens, aus der sich neue jüdische Gemeinschaft begründen will. Das ist es, wozu wir zum Zweiten erziehen wollen. Das Dritte ist die Werkgemeinschaft. Das bedeutet, daß wir, wo immer uns das unvorhersehbare Geschick dieser Zeit hinstellt, gemeinsam, jeder an seinerjätelle, ab er jeder nach rechts und links die Hand reichend zu neuer Verbundenheit, aa einer wahrhaft einigen jüdischen Zukunft arbeiten, die nicht in den Wolken ist, sondern auf Erden, beschlossen in dem, was ein jeder von uns tut. Die Not hat uns mit Händen gepackt und allen, bei denen es nötig war, die Gesichter auf das Judentum zu gedreht. Nun kommt es darauf an, ob wir mit so gewendetem Geeicht den Weg zum Judentum in Wahrheit gehen. Die Not hatte in unsrer Geschichte vom Sinai an immer eine erweckende Kraft. Das ist nicht das Schlimmste, daß zu Anfang eine Not und ein Zwang steht. Es kommt darauf an, daß wir einen Segen daraus machen. (Referat Dr. M. S.) Das jüdische Lehrhaus: Beginn und Ausblick Von Dr. Eduard Strauß Das Jüdische Lehrhaus, das eben in sein erstes volles Trimester eintritt, ist keine Neugründung, sondern eine Erneuerung. Franz Rosenzweigs Freies Jüdisches Lehrhaus hatte nicht zu bestehen aufgehört; sein Leben blieb in der Stille eines kleinen Kreises sinnvoll behütet — nicht in der Form einer schattenhaften Idee, sondern als das, was es von Anfang gewesen ist: als eine von Menschen gelebte Wirklichkeit, die auf den Ruf zu erneut anhebender Wirkung im weiteren wartete. Der Augenblick, da Franz Rosenzweig von uns ging, gab wohl den Anlaß für ein Gedächtniszeichen — in der Lernstunde am Jahrestag seines Todes ist es errichtet worden —, aber für ein Wiederheraustreten in die jüdische Oeffentlichkeit, für die Erneuerung des wirkenden Ganzen bedurfte es mehr als eines solchen psychologischen Moments: dazu war der Ruf vom jüdischen Menschen und von der Not seiner Stunde her nötig. Was dann, als dies eintrat, aus der Initiative der Gemeinde, wieder, wie ehedem, getragen von der Gesellschaft für jüdische Volksbildung und von Martin Buber und seinen Mitarbeitern geleitet, entstanden ist, das hat sich in einem ersten Monat reichlicher Arbeit angezeigt und, wie wir glauben dürfen, bewährt. Mit dem Kennwort „Situation und Ueberlieferung" hat unser erstes Arbeitsprogramm kundgetan, daß wir nur in der Bindung des gelebten Augerblicks an unsere in diese Gegenwart hineinwirkende Geschichte die Möglichkeit sehen, in eine Zukunft jüdischen Daseins vorzuschreiten. Damit ist Franz Rosenzweigs Werk als konkrete Arbeit an unserer Gemeinschaft in Ereignis und Schicksal dieser jüdischen Weltstunde in strenger Treue eingefügt worden. In richtunggebender Weise hat Martin Buber in seiner Vorlesung den besonderen Charakter unseres geschichtlichen Lebens herausgearbeitet; seine Idee einer eigentümlichen Präsenz unserer Geschichte, eines in dauernder Ueberlieferung webenden Nicht-Vergangenseins ist in diesen Stunden aus ihrer allgemeinen Gültigkeit in den Alltag unserer Lehrhausarbeit hineingestellt worden. In Vorlesungen, Arbeitsgemeinschaften und Einzelvorträgen sind beginnend die Wege zu einem Wissen um uns selbst, um unser Tun und Vertrauen, neu beschritten worden; Sonderveranstaltungen festlicher, betrachtender und besprechender Art haben den „nicht-bloß-akademischen" Charakter des Lehrhauses betont. Es dürfte der großen Zahl der Hörenden und Mitarbeitenden deutlich und erlebbar geworden Bein, auf was es in unserem Lehrhaus ankommt. Hier soll keine individuelle, sondern Gemeinschaftsbildung gefördert werden; es soll alles Dargebotene an das Gesetz dieser Stunde und dieses Lebensraumes gebunden sein: was getan wird, soll immer Antwort sein auf eine Forderung; es soll in immer steigendem Maße" alles erfaßt werden, was durch das lehrende Wort vermittelt werden kann, ohne daß bei aller Vielheit der Themen auch nur ein Augenblick der geschlossene Grundplan des Aufbaus, der zum Ganzen hinstrebt, außer Sicht kommt. Die Eigenart eines „gebauten Lehrplans", wie sie das Freie Jüdische Lehrhaus unter Franz Rosenzweig besessen hat, bleibt das Kennzeichen auch unseres in der Erneuerung erweiterten Baus. Dies zeigt in voller Klarheit das Programm des kommenden Trimesters; in ihm prägt sich die Verantwortung vor der doppelten Aufgabe des Lehrhauses aus: immer breiter und zugleich streDger werdende Erfassung des Stoffes bei immer umfassender und zugleich dichter werdender Bildung" der Gemeinschaft. Der neue Arbeitsplan wächst wiederum aus Ueberlieferung und Situation; geschichtliches Schicksal — Wanderung und Siedlung — Die Schrift — Die Lehre bezeichnen als Programmabschnitte Werkwelt und Wortwelt, Fügung und Weisung, Wegführung und Sinnglaube jüdischen Lebens.Diese Arbeit wird von den weiten Kreisen Menschentum — gesellschaftliche Ordnungen — Geist und Werk umgriffen und getragen. Alle lehrende Bemühung mündet aber — denn wir wissen um den dialogischen Charakter alles echten geistigen Lebens — in Gesprächen, in denen „die Probleme jüdischer Besinnung in der Gegenwart und besonders die Lebensfragen der jungen Generation" behandelt werden sollen. Mit der Vorlesung zu Nehemia Nobels Gedächtnis stellen wir wiederum wie alle Jahre unser Tun in das ewige Licht dieses Großen in Israel. So soll das Lehrhaus eine Stätte jüdischer Wirklichkeit sein; kein Element, keine Richtung, kein Wollen darf fehlen; kein Teil, keine Ansicht, keine Zielsetzung darf ausschließend gebieten. Aber das Lehrhaus wird — und gerade darin haben die Menschen, die es tragen, sich zu bewähren — nicht in krit'kscheuer Neutralität erstarren. Es wird aus dem lebendigen Bewußtsein des Ganzen dem lebenden Ganzen dienen. Und dieser Dienst gilt dem, was einzig Hilfe, Erhaltung und Heiligung birgt: dem K'lalJisroel.