Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 1 (9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
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2 zu genügen. Obgleich durch die weitgehendste Ausnutzung des verfügbaren Raumes immer weitere Sitzplätze gewonnen wurden, so daß die Synagoge heute über mehr als 1300 Sitzplätze verfügt, mußten bis in die letzten Jahre hinein Jahr für Jahr sehr viele Gesuche um Zuweisung von Synagogenplätzen unberücksichtigt bleiben. Es gab GemeindeniitgHeder, die 10—15 Jahre lang ihr diesbezügliches Ansuchen wiederholten. Und da eine nochmalige bauliche Erweiterung der Synagoge wegen des hart angrenzenden alten Friedhofes nicht mehr möglich war. wurde vor wenigen Jahren der Bau einer neuen großen konservativen Gemeindesynagoge ins Auge gefaßt. Die Wirtschaftsnot hat freilich vorerst die Verwirklichung dieses Planes vereitelt. Dazu kam der Umstand, daß die Abwanderung vieler Gemeindemitglieder nach der Peripherie der Stadt auch der Börneplatz-Synagoge viele treue Besucher entzogen hat. Gleichwohl ist immer wieder zu bemerken, daß zahlreiche Synagogenbesucher trotz großer Entfernung und obgleich der Weg sie an anderen Synagogen vorbeiführt, der Börneplatz^Synagoge die Treue halten. — Worin besteht eigentlich die Anziehungskraft dies.es Bethauses, worin liegt seine Eigenheit und Besonderheit? HL, Was diese Synagoge vor Ausprägung des geschichtlich h Gebotenen. Wie di '■'nich die ganze traui... Mau wird finden, m uv. alle einschlägig wissenhaft innegehaj doch hier an de^ * er im ..Jaussef Kehillaus" des hedten festgi Dabei v den korrekl der Thoravortel inzeichnet, ist die treue ■rten und religionsgerichtung und Ausstat- >s Gottesdienstes betont lynagogen in Deutschland jüdischen Geist atmet und Richen Bestimmungen so geie in dieser Synagoge. Wird i raukfurter Minhag, wie R. Joseph Hahn und im „Diwre f-er niedergelegt ist, in allen Einzeläus dem Geist der Tradition heraus auf J^elenvollen Vortrag bei den Gebeten und u»d nicht minder auf 'die ästhetisch gefällige äußere Fo^rn de? Gottesdienstes großes Gewicht gelegt. In diesem Punkte mußte gegen vielfach verbreitete Irrtümer und Vorurteile angekämpft werden. Zur Rechtfertigung mancher synagogaler Reformen, die den Gottesdienst in mancher Hinsicht um den überlieferten jüdischen Inhalt und die überlieferte jüdische Form gebracht haben, wurde immer wieder behauptet, der traditionell gestaltete Gottesdienst entbehre der äußeren Würde und ästhetisch ansprechenden Form. Das Gegenteil ist der Fall. Der dem überlieferten Religionsgesetz entsprechende Gottesdienst bedingt geradezu die würdige und gefällige Form. Freilich nicht eine kalte, steife und mechanisierte Form, sondern eine Form, die warmes, blutvolles Leben umhüllt. Die wirksamste und strengste Synagogen-Ordnung ist die kodifizierte Halacha. Man braucht nur die im Schulchan Aruch 0. Ch. Cap. 98 und 151 kodifizierten halachischen Vorschriften verständnisinnig zu erfüllen, und die würdige und schöne Gestaltung des Gottesdienstes ist gewährleistet. Dies weiten Kreisen nicht nur der Frankfurter Judenheit wenigstens einigermaßen gezeigt zu haben, ist ein Verdienst der Börneplatz-Synagoge. Einen großen Anteil an diesem Verdienst hat — wir wollen nur von denen sprechen, die nicht mehr unter den Lebenden weilen. — Oberkantor Ogutsch s. A., ein Meister des Chansonus, der bis in sein Greisenalter hinein sich die Kraft bewahrte, durch seinen melodienreichen und seelenvollen Vortrag das Verständnis unserer herrlichen Gebete der ergriffen lauschenden Gemeinde zu erschließen. Die Synagoge ist aber nicht nur. eine Stätte des Gebetes, h^DD rPD: sie soll auch eine Stätte der Belehrung, ETnsn sein (vgl. p. Megilla 3.1). Die rabbinischen Führer, die an dieser Synagoge wirkten, machten es sich denn auch allezeit zur hohen Pflicht, in Predigten, Ansprachen und Lehrvorträgen lebendiges Thorawissen zu vermitteln, die heiligen Grundschriften unseres Judentums zu erklären und zu deuten und selbst dem nicht Thorakundigen einen Einblick in die wundervolle Welt der Agada und, soweit möglich, auch der Halacha zu verschaffen. Sie waren sich 'auch stets dessen bewußt, daß die Synagoge — in unseren Quellenschriften meist DDJDn rP3 d. h. Versammlungshaus, genannt — nicht zuletzt auch bestimmt ist, in jedem Synagogenbesucher das Gefühl inniger Verbundenheit mit dem jüdischen Bruder, der jüdischen Gemeinde und der ganz-en jüdischen Volksgemeinschaft, sowie das Gefühl tätiger Anteilnahme an allem, was die jüdische Gemeinschaft freudig oder schmerzlich bewegt, zu festigen und zu vertiefen. IV. Die große Bedeutung unserer Synagoge beruht aber ganz besonders auf der Wirkung, die von ihr ausging. Ihr war es gegeben, zwei rabbinische Führer von großem Format wirken zu sehen. Markus Horovitz und N. A. Nobel s. A. waren verschieden in Geisteshaltung, Wesensart und dadurch auch in der Art ihres Wirkens. Jeder der beiden war eine Führerpersönlichkedt von eigener Prägung. Aber gemeinsam war/beiden umfassende Thoragelehrsamkecit, tiefinnige Frömmigkeit und abgeklärte Milde und Güte. Und gemeinsam -war ihnen die Vielseitigkeit der geistigen Begabung, die Weite des Gesichtskreises und die suggestive Kraft der Beredsamkeit. Wenn die Weisen im Talmud sagen: Nicht zwei Propheten haben eine und dieselbe Art der prophetischen Rede (Sanh. 89a), so gilt dies im Grunde genommen auch von den großen Rednern. Jeder begnadete Redner hat seine eigene Sprache. Auch Horovitz und Nobel hatten die ihrige. Und beide wirkten nach* haltig durch ihr Wort und durch die Persönlichkeit, die hinter dem Wort stand. Gemeinsam war ihnen endlich die Ueberzeugung von der Einheit des Judentums und von der Pflicht der dazu Berufenen, nicht zu verlassen die anders Den-. kenden und Lebenden, sondern vielmehr, ohne auch nur das Geringste von der eigenen Ueberzeugung und dem eigenen Standpunkt aufzugeben, in den großen Gemeinden und Verbänden durch Wort und Tat für die Sache des überlieferten Judentums zu werben und zu Avirken. Durch das Wirken dieser beiden Männer hat die Synagoge am Börneplatz das jüdische Leben Frankfurts, und nicht nur Frankfurts, in reichem Maße befruchtet. Es wuchs das Verständnis für die Bedeutung des Thorawissens. Jüdische Werte wurden vermittelt den Nahen und den Fernen. Das heranwachsende Geschlecht wurde besser als früher in die Kenntnis des Judentums eingeführt. Schlummerndes jüdisches Leben wurde geweckt und entfaltet. Der Kreis der Gesetzestreuen innerhalb der Gemeinde wurde zusehends größer und größer. Neue Menschen, insbesondere junge Menschen, wurden für die Sache des alten Judentums gewonnen oder aktiviert. Der Geist des Friedens und der Harmonie waltete in der Gemeinde. Die von Rabbiner Horovitz geschaffenen religiösen und rituellen Einrichtungen blühten und wurden Musterbilder für andere Gemeiden. So darf also ein Zweifaches ausgesprochen werden. D i e Synagoge am Börneplatz hat während ihres halbhundert jähr igen Bestehens ein Erhebliches dazu beigetragen, der Frankfurter Gemeinde den Ruf einer Mutter- und Muster-, gemeinde in Israel zu erhalten. Und darüber hinaus hat sie in nicht geringem Maße die gern ein depolitische Orientierung und die Gestaltung der Gemeindeverhältnisse.im Geiste des geschichtlich überlieferten Judentums in manchen Kreisen der deutschen Judenheit beeinflußt. Zur Erinnerung an meinen Yater s. A. Von Gemeinderabbiner Dr. Jakob Horovitz Von den vielen Predigten meines Vaters, die ich in der Synagoge am Börneplatz hören durfte, waren für mich wie für viele andere die Ansprachen am Schlüsse des Jörn Kippur die eindrucksvollsten. Die unmittelbare Macht und Kraft seiner Persönlichkeit und seiner Rede kamen in diesen kurzen, oft vollkommen improvisierten Reden nach dem Neilagebet, das er selber mit seiner schönen, melodisch innigen Stimme vortrug, zu einem gewaltigen Ausdruck. Wie losgelöst von allen irdischen Fesseln wirkte in solchen Stunden seine Erscheinung. Sie schien wie von einer überirdischen Größe, ganz selbstvergessene Hingabe und flammeade Begeisterung. Auf uns Kinder zumal wirkten alle Reden unseres Vaters sehr stark. Mehr noch als alle anderen wußten wir schon früh, daß er einer der Erlesenen war, die nicht nur „schön sprechen", Sondern mindestens ebenso ..schön leben", was sie lehren und daß eine Phrase nie auf seine reinen Lippen kam. Einzelne aber sind mir ganz besonders unvergeßlich. Aus diesen seien hier zwei herausgehoben. Die eine ist die Rede, die bei der Ein- •weihung der ßynagoge am Börneplatz gehalten wurde und die andere die kurze Predigt, welche mein Vater auf der Höhe seiner Wirksamkeit, anläßlich des Jubiläums seiner 25jährigen Tätigkeit in unserer Gemeinde, gesprochen hat. Bei der ersten war ich selber noch ein kleines Kind. Der tiefere Sinn der Worte ging mir damals noch nicht ein. Diese hafteten zum Teil unverlierbar bei mir, mehr durch das Ereignis, dem sie galten und dessen Bedeutung sich mir tief einprägte. Die Rede ist dann dem Druck übergeben worden. Die zweite, zumal aber das Gebet, in das sie ausmündete, ist so sehr kennzeichnend für die Eigenart und die Persönlichkeit meines Vaters, daß ich es anläßlich des Jubiläums der