Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 1 (9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Synagoge, die meinem Vater ihre Entstehung verdankt und in der er 28 Jahre wirkte, hierhersetze; es lautet: Allgütiger Gott! Mit jubelndem Gemüte rufe ich Dich an. Du hast mich ihn- «rreichen lassen, diesen Tag der Gnade, Du hast mich sie erklimmen lassen, diese sonnige Höhe meines Lebensglücks. Und siehe, o Herr, mein Fuß ist nicht müde und meine Seele nicht matt; ich bin. nicht müde und ich bin nicht matt, weil nicht meine eigene Kraft, nicht mein Können mich hierhergebracht, sondern die Fittiche Deiner Barmherzigkeit mich emporgehoben haben. In allen meinen Wegen erkenne ich Dich, und Du hast geebnet meine Pfade. Darum wird nicht 'betört mein Herz und nicht geblendet mein Auge von all der Liebe, die diese herrliche Gemeinde mir erweist und von all dem Glanz dieser Stunde. Was bin ich und was ist mein Leben? Als der siebenjährige Knabe den Vater verlor, hat Deine Hand ihn erfaßt; als der vierzehnjährige, vom Segen und der Hoffnung einer edlen Mutter begleitet, in die Fremde hinausging, um zu lernen, da führtest Du ihn mit Deiner Rechten. Vor meiner erregten Seele, o Herr, stehen die erhabenen Gestalten der weisen Männer, Deiner Gesalbten, die in die Hallen Deiner heiligen Lehre mich führten: ich sehe den feurigsten Deiner Sendboten, der mit der väterlichen Liebe seines großen reinen Herzens mich geleitet hat auf Deinem Wege: ich sehe sie alle vor mir, die Edlen, von denen Du Wissen und Erkenntnis mich hast empfangen lassen. Kein Schmerz und kein Leid konnte meine Seele tiindüstern, keine Entbehrung vermochte die Freude des Strebens mir zu trüben, weil das große Leuchten Deines Ajngesichtes mir erhellte den Weg, den ich ging. Und in allem Erkennen sah ich Dich, mein Gott, und in allem Empfinden empfand ich Dich, mein Schöpfer. Und wenn die Flügel der Morgenröte mich weit hinaustrugen in das Unendliche, auch dort, wo der letzte Lichtstrahl dem Auge erlischt, hörte ich das Rauschen Deines Geistes, und dort, wo die letzten Töne dem Ohre verklingen und alles schweigt, fühlte ich mich geborgen unter dem Schatten Deiner Fittich*. Der lieblichste der Boten, er den Du ausgesandt hast, um,uns zu behüten auf allen unseren Wegen, unsere heilige Religion, unter deren Schwingen uns Vergangenheit und Zukunft geborgen sind, der uns emporhebt zu dem Höchsten und Erhabensten, er hat aus den Gluten Deines Altars einen Funken in meine Brust gelegt, der mein ganzes Leben erwärmt und mir die Weihe Deines Dienstes gegeben. Deine Barmherzigkeit hat mich nicht verlassen, als ich mein Haus gründete, und Deine Gnade wich nicht von mir in den Arbeiten meines Berufes. Und nach siebenjährigem Dienst hast Du mich der holdesten Deiner Töchter, dieser hervorragenden Gemeinde in Israel, verbunden. Auf dieser Höhe, zu der Du mich erhoben, zogen heftige Stürme über mich hin, aber ich hörte die Schritte Deines Herolds auf der Höhe, der den Frieden verkündet, den Herold des höchsten Gutes auf Erden, des Glaubens an Dich, und Deine Hilfe, o Herr!" ... Vor einigen Monaten habe ich im Jüdischen Jahrbuch für Hessen und Hessen-Nassau eine kurze Biographie meines Vaters veröffentlicht. Das hier neu zum Abdruck gebrachte Gebet ist gewiß die schönste und willkommenste Ergänzung zu den dort gegebenen Daten und Mitteilungen. Ich bin nun heute in der Lage, jenes Bild in manchem Betracht zu vervollständigen auf Grund eines Materials, das bisher noch nicht bekannt geworden ist. Ein helles Licht wird dadurch auch auf alles das fallen, wovon mein Vater in den hier mitgeteilten Worten mit jener Zurückhaltung nur andeutend spricht, die für seine ganze Art bezeichnend ist. Aus seiner Jugendzeit besitze ich eine ganze Anzahl von Heften, in denen sich die Vielseitigkeit seiner Interessen und sein unermüdliches Streben nach den verschiedensten Seiten hin ausspricht. Neben hebräisch geschriebenen, halachischen und jüdisch-wissenschaftlichen Bemerkungen finden sich zahlreiche Lesefrüchte sowie Aufsätze und Gedichte in ungarischer und deutscher Sprache, die einen glücklichen Humor und auf der anderen Seite einen Idealismus, einen Schwung und an vielen Stellen eine starke lyrische Begabung zeigen, die den regelmäßigen Hörern der späteren Predigten meines Vaters oft aufgefallen ist. Besonders interessant aber ist ein Brief, den der 23jährige an seinen Freund Ignatz Groß gerichtet hat. Der Adressat sandte meinem Vater das Schreiben im Jahre 1897, als er in einer Zeitung von dessen silbernen Hochzeit gelesen hatte. In dem Begleitbrief heißt es u. a.: „Ich habe alle Ihre Briefe wie ein teures Andenken wohl verwahrt. Aus dem vorliegenden mögen Sie ersehen, mit welcher Sicherheit Sie schon vor mehr als 30 Jahren Ihrem Ziele zusteuerten." In dem betreffenden Briefe heißt es u. a.: ,.Mein lieber Groß, nun sind die acht Tage meiner großen Arbeit vorüber, und ich atme wieder etwas freier auf. Ihren Brief empfing ich mit großer Freude: im Kreise Ihrer Freunde sehe ich Sie Ihre munteren Witze machen, bald wieder mit lebhaftem Pilpul beschäftigt. Mit Ihnen glaube ich dann noch um zwei Jahre jünger zu sein, und so sehe ich mich in meinem früheren und meinem jetzigen .Zustand. Wahrlich, mein Freund, Sie habpn seit j^ner Zeit ein^n großen kühnen Schritt für Ihre Zukunft getan und ich — bin zwar auch etwas vorwärts, aber immerhin noch nicht zu irgend einem Abschluß gekommen. Ich leugne es nicht, daß ich ">"tj\-i schon dafür Dank schuldig bin, daß Er mir in hohem Grade Kraft und Ausdauer gab. Ich arbeite fast mit demselben Eifer wie an dem Tage, an dem ich meine Studien begonnen habe, und ich fühle lebhaft meinen Beruf in mir. Es ist mir zur unerschütterlichen Sicherheit geworden, daß ich mit Hilfe Gottes n"2 für meine Brüclev in irgend einer Beziehung eine Leistung vollbringen muß. Wie und wann, ist von i"^n abhängig. ..Ein froher Wille lebt in meinem Blut", kann ich mit Goethe sagen..... Vor einiger Zeit schrieb ich Ihnen, daß ich noch eineinhalb Jahre brauchen werde, um meine Studien zu Ende zu führen. Nun ist die Zeit wieder weiter fortgeschritten, und ich habe auch jetzt noch wenigstens eineinhalb Jahre zu warten. Ja, mein Studium kostet mich so manches Opfer; es kostet mich beinahe die Liebe meiner Verwandten, den Genuß der Heimat, den Umgang und die Nähe meiner Freunde. Und was gab es mir bis jetzt für alle diese unsäglichen Opfer? Dennoch klage ich nicht im mindesten und blicke voller Vertrauen in das Dunkel meiner Zukunft." Das Gebet spricht von den Stürmen, die über meinen Vater dahingegangen sind. Von diesen Stürmen wissen alle, die die Geschichte unserer Gemeinde in diesen letzten fünfzig Jahren, aus eigenem Erleben verfolgt haben. Aber die wenigsten wissen,, eine wie friedliche, von seltener Liebe getragene Tätigkeit mein Vater aufgegeben hatte, als er hierherkam, und von wie vielen und z. T. sehr wohlmeinenden Seiten er auf das dringendstebeschworen worden war, die ihm hier angebotene Stellung nicht anzunehmen. Wohin immer mein Vater kam. fand er schnell Freunde- Kennzeichnend ist, daß sich das Leumundszeugnis, das ihm seine Heimatgemeinde Tisza Ladany im Jahre 1872 anläßlich seiner bevorstehenden Heirat ausstellt, nicht nur mit der üblichen Feststellung seines einwandfreien Lebenswandels begnügt, sondern noch hinzufügt, daß er ..die Liebe und Achtung aller Einwohner unseres Ortes besitzt". Bis in die letzten Tage seines Lebens dauerten die Beziehungen zu der ersten Stätte seines rabbinischen Wirkens, meiner kleinen Geburtsstadt Lauenburg in Pommern. Womöglich noch stärker blieb die Verbindung mit Gnesen, wo er vier Jahre hindurch wirkte. Welcher Verehrung er sich dort erfreute, zeigr der ausführliche Bericht der Ostdeutschen Zeitung vom 15. 8. 1878 über das Abschiedsfest, das ihm zu Ehren gegeben wurde. Der Korrespondent spricht von der allgemeinen Liebe und Anerkennung, deren sich der Scheidende ebensosehr in nichtjüdischen wie in jüdischen Kreisen erfreue, und von einer Adresse, die Magistrat und Stadtverordnete ihm überreichten. Das Schreiben des Magistrats ist in meinen Händen. Noch bezeichnender sind zwei Briefe des Vorstandes der jüdischen Gemeinde Gnesen. Der erste bringt seine ..Verehrung und Anerkennung" zum Ausdruck und fährt fort: „Wir können die Bemerkung nicht unterdrücken, daß wir es stets im Au<re behalten werden. Ihre Stellung hier fortdauernd zu verbessern, und glauben wir, hei der allgemeinen Liebe und Achtung, die Sie hier gefunden, hoffen zu dürfen, daß in Ew. Ehrwürden niemals der Wunsch rege werden wird, das Band, welches Sie an unsere Gemeinde, knüpft, zu lösen." Was die Gemeindebehörden Gnesens befürchteten, trat eine Reihe von Monaten später ein. Mein Vater nahm die Berufung nach Frankfurt an. die inzwischen an ihn ergangen war. In einem Schreiben vom 26. 6. 1878 schreibt der Vorstand der Synagogengemeinde: „Ew. Ehrwürden geehrtes Schreiben . . . haben wir der Repräsentantenversammlung zur Beschlußnahme vorgelegt. Es ist aber inzwischen an uns eine Vorstellung einer großen Anzahl von einflußreichsten Gemeindemitgliedern gelangt, worin dieselben Ihren Weggang als verhängnisvoll für unsere Gemeinde ansehen, indem dadurch leicht Störungen in unserer bisher so friedlichen Gemeinschaft eintreten könnten. Aus diesem Grunde . . . ist der unterzeichnete Vorstand beauftragt worden, ... bei Ew. Ehrwürden nochmals ernste Versuche zu machen. Sie zum Verbleiben im Amte zu bewegen." Der Brief schließt: „Wir hoffen, bald eine befriedigende Antwort zu erhalten, um die sehr erregte Gemeinde beruhigen zu können." 1882 1932 Jubiläumsfeier der Synagoge am Börneplatz Arilässlich des 50 jährigen Bestehens der Gemeindesynagoge am Börneplalz findet am •pVcas: 'p raar 24. September 1932 vorniitttags ein Festgottesdienst mit Predigt stalt. Beginn: 8 Uhr. DER VORSTAND DER SYNAGOGE AM BÖRNEPLATZ