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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-02-01 · 6 (2.1932) · p. Seite 127

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
6 (2.1932)
Date
1932-02-01
Page
Seite 127 (sequence 9)
Language
German
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127 Wie sehr die politische Atmosphäre, in welcher Bamberger für die Beibehaltung der Goldwährung zu kämpfen hatte, derjenigen ähnelt, in welcher man sich auch heute wieder mit Problemen ganz objektiver Natur auseinanderzusetzen hat, das sei schließlich gezeigt an ein paar Sätzen aus einer Rede des Herrn v. Kardorff, die dieser im Verlauf der oben bereits erwähnten Sitzungen der Silberkammission von 1894 gehalten hat. Er führte nach dem stenographischen Protokoll u. a. folgendes aus: „Einer der Führer der bimetallistischen Sache hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß der Antisemitismus seine Entstehung datiert von der Demonetisierung des Silbers. Ganz mit Recht, der Antisemitismus, die Sozialdemokratie, alle diese Richtungen, die wir jetzt beklagen, weil sie ja entschieden eine Verrohung und Verwilderung der Nation mit sich führen, sind mit zurückzuführen auf diejenigen Zustände, welche unserer Ueberzeugung nach durch die Demonetisierung des Silbers hervorgerufen worden sind. — Ja, Herr Bamberger lacht darüber; richtig ist die Sache doch! Und wenn man die Wut sieht, die jetzt auf dem platten Lande herrscht, und die sich auch im Antisemitismus äußerst, ... so muß man sagen, daß wir uns in einer Situation befinden, in der es sich fragt, ob wir das Deutsche Reich noch weiter erschüttern lassen wollen, wie dies die Demonetisierung des Silbers schon jetzt mit sich geführt hat." Die Antwort Bambergers hierauf war höchst bezeichnend für seine ganze Art der Diskussionsführung. Sie beschränkte sich nämlich im wesentlichen auf den Hinweis, daß man in Konsequenz zu den Ausführungen des Herrn von Kardorff in der Silberkommission nun auch eigentlich Zeugen über die Ursachen des Antisemitismus vernehmen müsse, und gelangte dann zu einer in Form und Inhalt geradezu glänzenden Abfertigung aller sachlichen Argumente, die von der Gegenseite her vorgebracht worden waren. .' -1 Heute hat sich allerdings der Interessentenkreis für diese Fragen wesentlich verändert. Es ist recht auffällig, daß Handel und Industrie, die seinerzeit im allgemeinen im antibimetallistischen Lager zu finden waren, gegenwärtig in ihrer Haltung durchaus schwankend geworden sind. Es ist ja auch kein Wunder, daß die Not der Zeit alle möglichen und unmöglichen Heilungsrezepte auch solchen Kreisen als diskutabel erscheinen läßt, die sich sonst auf die Klarheit ihres Denkens in wirtschaftlichen Fragen etwas zugute zu halten pflegen. Diese Klarheit finden wir nun freilich bei Bamberger in einem so hohen Grade, daß das Studium seiner Reden und Schriften auch heute noch erneute Klarheit zu schaffen vermag. Wesentlich für uns ist Bambergers, aus jeder Zeile seiner währungspolitischen Schriften sprechende Erkenntnis, daß von den Währungen, vom Gelde her eine Besserung verfahrener wirtschaftlicher Verhältnisse nicht erfolgen kann, daß es daher auch keinen Sinn hat, an den Währungen herumzukurieren, wenn Produktion und Konsum sich in krankhaften Zuständen befinden. Wolf Heidenheim Zum 10 0. Todestag am 23. Februar 1932 Von L. Horwitz (Kassel) Wir gedenken eines Mannes, der uns seit unserer Kindheit bis zu der Stunde, in welcher wir kein Gebetbuch mehr in die Hand nehmen können, ein treuer Begleiter war. Auf dem. ganzen Erdenrund, wo in jüdischen Familien und in Synagogen noch gebetet, gelernt - und geforscht wird, sind die Rödelheimer Ausgaben geschätzt. Zunz nennt Heidenheim den. „Mendelssohn des M a c h s o r", und nach Steinschneiders Urteil fing mit H. eine neue Epoche der Ritualliteratur an. Sicherlich werden die. Leser dieser Zeilen den äußeren Unterschied zwischen einer Sulzbacher und Rödelheimer Ausgabe bemerken. Form und Inhalt fallen auch dem weniger geübten Auge sofort auf, beim ersten verschwommenen Druck, selten Beobachtung der einfachsten grammatischen Regeln und schlechtes Papier, beim letzten Klarheit und Wahrheit, peinlichster genaue-. ster Druck und leicht übersichtliche Anordnung. Wolf Heidenheim ist es am meisten zu danken, daß wir in „reiner Sprache" beten können, wenn wir wollen. Nach einer Handzeichnung von B. Schlösser (Original im Besitz des Herrn Emil Sdiwarzschildi Heidenheim führte seinen Namen nach seinem Geburtsort in Mittelfranken, wo er 1757 das Licht der Welt erblickte. Von seinem Elternhaus finden wir nichts in seinen Biographien. Wir wissen nur, daß er in früher Jugend nach Fürth kam, dort bei den Rabbinen Josef Steinhardt und Hirsch Janow neben dem Talmudstudium auch die alten hebräischen Grammatiker und Masoreten fleißig studierte. Seine Studien setzte er in Frankfurt a. M. 1782 fort: im Lehrhaus des Rabbi Nathan Adler, wie in dessen wertvoller Bibliothek, fand der unermüdlich fleißige Heidenheim reichliche Geistesnahrung. Schon damals faßte er den Plan, die biblischen Bücher, die -bisher in verunstaltetem Text gedruckt waren, in möglichst schöner Druckart und korrektester Sprache herauszugeben. So erschien 1797 auf seine eigenen Kosten der Pentateuch mit Erklärungen aus seiner Feder, wie älterer Gelehrten und Sprachforscher. Der erste Band fand aber so wenig Käufer, daß schon beim 2. Buch Moses der Absatz gestockt hatte, wenn nicht seine Verehrer, in erster Linie der hochherzige und mit Glücksgütern gesegnete Wolf Breidenbach a,us Offenbach ihm Geldmittel zur Verfüsrung gestellt hätten. Mit solcher Beihilfe konnte Heidenheim 1798 im Verein mit einem tüchtigen Fachmann, Baruch Baschwitz, in Rödelheim eine deutsche und hebräische Druckerei errichten, wozu ihm sein Landesherr, Graf Vollrath von Solms-Rödelheim, das Recht erteilte. Ihm dankte H. mit dem ersten Erzeugnis seiner Presse, mit einer in hebräischer und deutscher Sprache gedichteten Ode. Die in Rödelheim gedruckten Bücher für den Gottesdienst erhielten bald Weltruf. Die Machsor-Äusgabe in 9 Bänden 1800/1802 mit deutscher Uebersetzung in hebräischen Buchstaben, gelehrten Erklärungen und literaturgeschichtlicher Einleitung wurde viel gekauft und gewürdigt. Die ersten fünf Auflagen waren von ihm selbst veranstaltet. Von zahlreichen Rabbinen wurde er warm empfohlen, u. a. Pinchas Horowitz in Frankfurt am Main, Tobia Si ldheimer in Hanau, Noa Berlin in Mainz und dem Rabbinat in Hamburg. Diese und andere Autoritäten erließen auch Nachdruckverbote mit Bannandrohung, der aber auf eine unbekannte Wiener Druckerei keinen Eindruck machte, ein Nachdruck durch den in Dyrenfurth lebenden Drucker Hirsch Warschauer fand sogar in der Autorität des R. Akiba Ei?er aus Posen einen Befürworter. Erwähnt sei noch, daß R. Moses Sofer in seinen homelitischen Werken Heidenheims Schrifterklärungen häufig benutzt und ihm seine Leistungen für die Pijutim hoch anrechnet. Luzatto, Landshait und Zunz folgten diesem Beispiel. 1806 ging aus der ____ Rödelheimer Druckerei eine Ausgabe des täglichen Gebetbuches hervor — Sephas Emess —, die bis heute 155 Auflagen hatte. Wir müssen uns schon in die Tage unserer Kindheit versetzen, als wir dies kleine Buch mit dem Kranz auf dem Titelblatt von unseren Eltern erhielten und die für uns damals unleserliche Unterschrift der Einleitung „Benjamin Wolf Ben Simson aus Heidenheim" anstaunten. So vergingen Heidenheims Jahre in rastloser Arbeit in heiliger Sache bei geringem materiellen Erfolg. Im 68. Lebensjahr heiratete er zum zweiten Mal, und eine Tochter aus dieser Ehe konnte noch dem bisher Kinderlosen Freude bereiten. Er starb am 23. Februar 1832 in Rödelheim in zerrütteten Lebensverhältnissen. Seine wertvolle Bibliothek wurde zugunsten seines siebenjährigen Kindes versteigert. Die Druckerei erstand sein Kompagnon J. Lehrberger, sie ist jetzt unter der Firmenbezeichnung M. Lehrberger im Besitz der Buchhandlung J. Kauffmann in Frankfurt a. M. Heidenheims Schrift licher Nachlaß wurde von der Universitätsbibliothek in Oxford erworben und harrt noch der Herausgabe. Die Jüdische Encyclopädie nennt 14 Handschriften, deren Inhalt fast nur die hebräische Grammatik betrifft. Von den zahlreichen Werken Heidenheims haben dauernde Bedeutung und weiteste Verbreitung erlangt: die „Rödelheiraer Tel'illo", die Festgebete (Machsor), die Hagada für Pesach, die Bußgebete (Slichot), das Lernbuch für die Schwuot- und Hoschanno-rabbo-Naeht. Fast alle nach Heidenheims Tod erschienenen Ausgaben der Andachtbücher beruhen auf Heidenheims Vorarbeiten. So setzte sich Wolf Heidenheim in den meisten jüdischen Gemeinden der Erde ein Nonkmal, das dauernder ist als das auf dem Friedhof in Rödelheim.

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