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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1932-02-01 · 6 (2.1932) · p. Seite 126

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
6 (2.1932)
Date
1932-02-01
Page
Seite 126 (sequence 8)
Language
German
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12(5 Ludwig Bamberger und der Bimetallismus Von Dr. Alfred Die Veröffentlichungen aus den Tagebüchern Ludwig Bambergers durch Dr. Ernst Feder bringen das Leben und Wirken dieses Mannes einem breiteren Publikum nahe, einem Publikum, welches Bamberger und seine Zeit heute schon fast völlig vergessen hat. Sehr zu Unrecht, d«nn Bamberger hat in seiner Stellungnahme zu aligemeinen politischen und wirtschaftlichen Fragen oft genug bewiesen, daß er sehr weit über die Horizonte des Tages hinauszusehen vermochte. Er hat die Fähigkeit gehabt, Problemstellungen und die Antworten hierauf in einer Weise zu formulieren, welche auch für die heutige Zeit noch, weitgehende Gültigkeit beanspruchen kann, eiu immerhin ziemlich seltener Fall. Offenbar hat Bamberger doch noch größere Eigenschaften besessen, als sie ihm Fürst Bülow in seiner Charakteristik zuerkennt, wenn er ihn „einen kenntnisreichen Mann mit den besten Formen, einen feinen Verstand" nennt. Das erweist sich mit besonderer Deutlichkeit an der Art, in welcher Bamberg« sich seinerzeit mit dem Bimetallismus auseinandersetzte, mit einem Problem also, das auch heute wieder in ungeahnter Weise akut geworden ist.;Es ist ja bekannt, daß von England und Amerika her sehr starke Kräfte am Werk sind, um dem Silber wieder internationale Geltung als Währungsimetall neben dem Golde zu verschaffen. Der Streit hierüber hat lange geruht; es kann heute von Nutzen sein, sich dessen zu erinnern, mit welcher Heftigkeit er noch in den neunziger Jahren auch gerade in Deutschland geführt worden ist, * und es ist eine recht hübsche Illustration für das Uebergreifen dieses Streites auf viel weitere Bezirke des Lebens, wenn <rerade Bamberger dem damaligen Staatssekretär Bülow den junden Helfferich unter anderem mit den Worten empfahl: „Er ist Demokrat und Goldwährungsmann, aber Sie haben . . . keine Vorurteile." Seit dem Zusammentritt des Deutschen Reichstags im Herbst 1892 hatte die Agitation gegen die deutsche Münzverfassung einen sehr starken und neuen Auftrieb erhalten. Diese Agitation wurde nach außen hin motiviert mit dem Hinweis darauf, daß die Preise der landwirtschaftlichen Produkte unter der Herrschaft der Goldwährung in Deutschland, und infolge derselben, dauernd zurückgegangen seien, und daß nur von der Einführung einer Doppelwährung wieder eine Steigerung dieser Preise erwartet werden könnte. Es war denn auch kein Zufall, daß sich die Partei, welche für den Bimetallismus eintrat, wesentlich aus agrarisch-konservativen Kreisen rekrutierte, aber es bestanden hier auch noch andere Zusammenhänge rein politischer und auch weltanschaulicher Natur. Wenn nämlich der aktivste Befürworter des Bimetallismus seinerzeit Dr. Otto Arendt gewesen ist. ein Mann also, der in seiner Politik vor allem auch die antisemitische Tendenz sehr stark in den Vordergrund zu stellen pflegte, so mag dies diese Zusammenhänge kennzeich nen. Es war schon so, daß die Agitation für den Bimetallismus und gegen den auf Gold basierenden Monometallismus damals mit Argumenten geführt wurde, die zwar im allgemeinen noch nicht auf das Niveau heutiger politischer Diskussionen abgesunken waren, die aber doch die „Judenfrage" sehr gerne mit den Dingen verknüpften, welche weder objektiv noch subjektiv hiermit etwas zu tun haben. Nur waren dies Erscheinungen, die Bamberger wesentlich als Politiker interessieren mußten, viel weniger freilich den ganz hervorragenden Währungsfachmann, als welchen er sich auch heute noch in seinen Schriften und Reden erweist. Zur Frage des Bimetallismus liegt eine ganze Literatur aus Bambergers Feder vor. Erwähnt seien hier nur Schriften wie: „Die Schicksale des lateinischen Münzbundes" (1885); „Silber" (1892) und schließlich die 1893 erschienene, ganz hervorragend geschriebene Abhandlung: „Die Stichworte der Silberleute." In dieser Abhandlung, welche nur 136 Seiten stark ist und trotzdem so ziemlich alles das in glänzender Form sagt, was Bamberger nachher im Laufe der Beratungen der deutschen Silberkommission von 1894 mit durchschlagendem Erfolg gegen den Bimetallismus ausgeführt hat, finden wir Sätze von einer geradezu frappierenden Aktualität. Man lese die folgenden Ausführungen über die Unmöglichkeit, die umlaufenden Geldvorräte über den Bedarf hinaus zu vermehren: „Wie stellt man sich überhaupt den regelrechten Zustand der Geldverfassung eines Landes vor? Muß es immer derartig ein Uebermaß von Umlaufsmitteln besitzen, daß in einem gegebenen Falle von ungewöhnlichen übergroßen Bedürfnissen Mittel zur Befriedigung derselben vorhanden seien, ohne ihren Abgang für die Gesamtheit fühlbar zu machen? Die Antwort ergibt sich von selbst, wenn man so die Frage richtig stellt. Jedes Maß von vorhandenen Geldmitteln wird sich beim regelmäßigen Verlauf ruhiger Zeiten so auf die verschiedenen Kreise des Landes verteilen, daß dieselben ihren Gebrauch danach einrichten und die vorhandene Fülle ihren Verkehrsgewohnheiten"anpassen. Ist dies aber der Fall, so wird auch jede bei einer Krise eintretende Ver- Marcus, Berlin änderung, welche zu" bestimmten ZAvecken und aus bestimmten Gründen eine einseitige Strömung oder einen Abfluß dieser Geldmittel hervorruft, sich als eine Störung in den Verkehrsgewohnheiten geltend machen und als ein relativer Mangel empfunden werden. Es gibt daher gar keine Vorsorge, welche verhindert, daß in Ausnahmezuständen auch bei noch so großer vorangegangener Fülle eine mißliche Veränderung entstehe." Wesentlich ist hier insbesondere die in dem letzten Satz des zitierten Passus aufgestellte These, die dahingehend zu verstehen ist, daß auch die Einführung der Silberwährung „mißliche Veränderungen" nicht verhindern könnte, daß also auch unter unsern heutigen Verhältnissen hierin nicht das von den Bimetallisten proklamierte Allheilmittel zu sehen ist. Aber noch viel aktueller mutet der folgende Absatz an: „Wenn schon von allen Seiten solche Zuschüsse verlangt werden, um das Leben auf einem erträglichen Fuß erhalten zu können, wie kann es sieh da rechtfertigen, daß Klage erhoben wird, weil die Preise zu niedrig, mit anderen Worten, das Leben zu wohlfeil sei? Wie kann es gerechtfertigt sein, daß das jetzt schon bestehende Uebel noch vermehrt werde, indem die Preise künstlich durch Geldveränderungen erhöht würden, und daß die dadurch notwendig werdenden neuen Zuschüsse abermals von den Steuerpflichtigen bestritten werden müßten, die auf diese Weise doppelt getroffen werden würden, weil sie von ihren -Geldeinnahmen für sich weniger übrig behielten und für dieses wenigere wegen der Erhöhung der Preise auch noch weniger anschaffen könnten als früher? Dies alles sind offenbar tatsächliche Verhältnisse, welche mit der Klage wegen der Niedrigkeit der Preise im schreiendsten Widerspruch stehen und darauf hindeuten, daß die Dinge sich nicht so verhalten können, wie sie von den Beschwerdeführern gegen die Goldwährung geschildert werden." Zu den auch neuerdings wieder von englischer Seite vielfach aufgestellten Behauptungen, der Uebergang Deutschlands zur Goldwährung habe seinerzeit den Zusammenbruch der Silberpreise ' veranlaßt uiid damit einen großen Teil derjenigen weltwirtschaftlichen Mißverhältnisse überhaupt erst begründet, unter denen heute alle Völker der Erde leiden, sei folgendes zitiert: „Zu den müßigen Fragen, die in diesem Streit eine Rolle spielen, gehört auch die, ob Deutschland schuld sei an dem Niedergang der Silberpreise, weil es durch sein böses Beispiel die anderen Staaten zur Nachahmung verführt und insbesondere Frankreich und die ihm verbündeten Staaten zur Aussperrung des Silbers von seinen Prägeanstalten veranlaßt habe. Whnennen diese Frage müßig, nicht bloß weil sie unzählige Male, mit Ziffern und Tatsachen belegt, verneint worden ist, sondern weil sie auch für Zukunft gar nichts entscheidet. Die 600 Millionen Mark Silber, welche Deutschland 1873—79 verkauft hat, sind Tropfen im Meere gegen die Massen, die in den letzten 20 Jahren aus den Bergwerken gefördert und im Handel umgesetzt worden sind. Die Produktion eines einzigen Jahres reicht jetzt an die Summe heran, welche Deutschland überhaupt abgestoßen hat, und da ist noch nicht in Anschlag gebracht, was die englische Regierung jährlich an Wechseln auf Indien in Rupien an den Markt bringt, .die gerade so wirken wie Silberbarren." Und dann am Schluß der Broschüre: „Wir haben es nicht als unsere Aufgabe betrachtet, die Folgen auszumalen, welche eintreten müßten, wenn sich die Drohungen der Bimetallisten verwirklichten und die verbündeten Regierungen in Deutschland sich von deren Wahngebilden verleiten lassen sollten, Hand an die Grundlagen unseres Geldwesens zu legen. .Trotz aller Macht, zu der die agrarischen Einflüsse gelangt sind, trotz aller Sinnverwirrung, die sie mit ihren phantastischen Stichworten verbreiten, kann es doch für ausgeschlossen gelten, daß jemals ihre bimetallistischen Vorschläge zu Taten würden. Es wäre zum ersten Male in der Geschichte, daß eine Nation nicht durch Unglück oder Leichtsinn, sondern aus heiler Haut und mit Vorbedacht, einen Staats- und Landesbankerott vollzöge, nur weil ihr gewisse einflußreiche Kreise vorspiegeln, daß mit diesem Bankrott höchst zweifelhafte Vorteile erzielt würden. Aber nicht nur die Vollziehung eines so verderblichen Planes ist zu fürchten, sondern auch schon der Schein einer Annäherung desselben an die Wirklichkeit; und im Augenblick, wo der Gedanke Fuß fassen würde, Deutschland könne zur Silberwährung übergehen — denn etwas anderes wäre die sogenannte Doppelwährung nicht — würde ein rasendes Mißtrauen, nicht bloß im Auslande, sondern auch in Deutschland, alle diejenigen erfassen, deren Interessen mit Einnahme und Ausgabe von Geld verknüpft sich, und das ist nahezu die Gesamtheit."

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