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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-12-01 · 4 (12.1930) · p. Seite 105

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
4 (12.1930)
Date
1930-12-01
Page
Seite 105 (sequence 15)
Language
German
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105 „Als der Tempelbau vollendet war" j Von Rabbiner Dr. Max Dienemann (Offenbach a. M.) j Man denke nicht, wenn von alter jüdischer Predigt die j Rede ist, an die uns heute geläufige Form. Die alte jüdische j Predigt hat in der Form keinerlei Aehnlichkeit mit der heutigen. Sie ist zunächst nur — und sie will auch nichts Anderes sein, — Auslegung der heiligen Schrift, sehr oft dabei nicht einmal Auslegung eines Abschnittes, um seinen inneren Sinn, seinen Zusammenhang darzulegen, sondern Auslegung eines Verses. Und auch dieser Bibelvers I. wird nicht nach seinem wirklichen, inneren, dem gewollten Sinn der ganzen Erzählung, der Gesetzgebung gewertet, er wird oft ohne Rücksicht auf den inneren Zusammenhang behandelt, als sei er ein für sich allein Stehendes, Selbständiges; man legt ihn mit souveräner Freiheit aus, bezieht ihn auf Ereignisse, auf die er von Haus aus niemals gemünzt war, setzt ihn in Verbindung mit anderen Bibelversen, mit denen er an sich keinerlei Beziehung hat. Kurz, es ist nicht die nüchterne, sachliche Erklärung und Deutung, wie sie uns als die einzig mögliche erscheint, sie trägt einen ausgesprochen phantastischen Zug an sich: und zugleich ist sie von rührender Naivität. Zeit und Raum verschwinden, verschwimmen in einander. Man trägt kein Bedenken, Persönlichkeiten aus dem Zeitalter der pentateuchischen Erzählung zum Beweis ihrer Behauptungen einen Vers aus den Propheten oder den Psalmen zitieren zu lassen, man scheut sich nicht, Gott selbst seine Werke durch einen Bibelvers, gleichgiltig aus welchem Teil, bekräftigen zu lassen. Deutlich merkt man, dass dem Prediger der Bibelvers nicht die Grundlage seiner Ausführungen ist, sodass er aus ihm seine Gedanken ableiten und entwickeln würde, sondern dass er die Gedanken, die er entwickeln will und die in ihm schon eine feste Form gewonnen haben, an den Bibelvers anlehnt; er ist ihm die willkommene Autorität, mit der er seine Mahnung, Forderung, seinen Tadel oder sein Lob bekräftigt. Diese alte Predigt ist auch weit von dem Intellektualismus entfernt, der in der modernen Predigt selbst da noch durchschimmert, wo sie längst über den Rationalismus ihrer neuzeitlichen Anfänge hinausgewachsen und ins Irrationale gewandelt ist, wo sie im wesentlichen Stimmung und Gefühl erzeugen und eine Seelenhaltung begründen will. Der Intellelstualismus der alten Predigt ist da, wo er vorhanden ist, von einer ganz anderen Art, er zeigt sich in einem gewissen überraschenden Witz, denn man scheut sich nicht im Geringsten, eine, oft komische, Situation zu erfinden und aus ihr dann die Gedanken entspringen zu lassen, die man vortragen will, — der nachfolgend wiedergegebene Midrasch ist auf einem solchen Einfall aufgebaut, — er zeigt sich in der Art, wie man scheinbar auseinanderliegende Elemente mit einander verbindet und zu einander in Beziehung setzt, in der Art, in der man das Phantastische als scheinbar ganz selbstverständlich in einer natürlichen Logik ohne jedes Bedenken darstellt und dabei voraussetzt, dass auch der Hörer die Verbindung und die logische Verknüpfung als wirklich begründet ansehen wird. Man hat natürlich kaum mehr geschlossene Predigten in ihrer ganzen Ausdehnung, nur den Extrakt bewahrt der Midrasch auf, gleichsam Stenogramme der alten Predigt; aber auch aus ihnen kann man jene oben skizzierte Art ablesen, auch aus ihnen kann man ablesen, wie man annahm, dass der Hörer die leiseste Andeutung verstehen wird, jede Nuance einer gewagten Deutung richtig erfassen, selbständig weiter verarbeiten und den innersten Sinn selbst finden wird. Die hier folgende Predigt knüpft an an den Vers, mit welchem die Erzählung von der Einweihung des Heiligtums in der Wüste beginnt, an den Vers: wajbi bejaum kallauss mauscheh „lund es war am Tage, da Mose mit der Aufstellung der Wohnung fertig war." Der Prediger nimmt sich die Freiheit, das Wort wa-jehi unabhängig von seinem Wortsinn zu deuten; der Wortsinn ist: „und es war", er aber nimmt das „und" bedeutende „wa", verbindet es willkürlich mit dem Jod der zweiten Silbe „jehi", sodass es klingt, als hätte jemand „waj wehe, wehe" gerufen und baut darauf seine Deutung auf. Sie findet sich in verschiedenen Variationen im Tanchuma und im Midrasch rabba zum 4. B. M. Kap.? Vers 1; aus ihrer Vergleichung ergibt sich der folgende Text: „Es heisst: „wajehi", „waj haja". „ein Wehruf erscholl". Wer hat dies „Wehe" ausgerufen? Rab Abin sagte: „wenn es erlaubt wäre, so etwas auszusprechen, der Heilige gelobt sei er, hat solch ein „wehe" ausgerufen. Zum Vergleich: ein König hatte eine zänkische Frau; einst sagte er zu ihr: mach' dir ein pupurnes Gewand. Sofort fing sie mit der Ar- Als junger Rabbiner (1884) beit an; solange sie mit der Arbeit an dem Gewand beschäftigt war, zankte sie nicht. Als nun nach einiger Zeit die Arbeit vollendet war, gab sie es zum Wäscher, dann richtete sie es schön her und brachte es zum König. Kaum sah es der König, fing er sofort zu schreien an: „wehe, wehe!" Sagte seine Frau zu ihm: was denn, mein Herr? ich habe mir soviel Mühe gegeben, nach Deinem Wunsch zu handeln, und Du hast darauf keine andere Antwort, als „wehe, wehe" zu schreien? Sagte der König. Deine Arbeit gefällt mir sehr, aber solange Du mit ihr beschäftigt warst, hattest Du keinen Sinn für Zank und Keifen, jetzt aber, wo Du wieder frei und unbeschäftigt bist, habe ich Angst, Du wirst wieder mit Deinem Gezänk anfangen, und darum mein „wehe". So auch der Heilige, gelobt sei Er. Israel hatte alle Augenblicke etwas wider Gott, bei jeder Gelegenheit murrte es; da forderte Gott von ihm, es solle das Heiligtum bauen; solange Israel mit dem Bau des Heiligtums beschäftigt war, hatte es keinerlei Klagen und Unzufriedenheit, nun da das Heiligtum fertig dastand, sagte Gott: jetzt, da die Arbeit beendet ist, wird Israel wieder mit seinem Murren und seiner Unzufriedenheit kommen, darum: „wajhi bejaum kallauss, ein „Wehe" erscholl am Tage der Beendigung". Eine andere Erklärung: Wer rief dies „wehe"? die Erstgeborenen, weil nun die Priesterwürde von ihnen genommen war. Denn solange das Heiligtum noch nicht errichtet war, durfte man auf jeder Anhöhe opfern, und der Dienst oblag den Erstgeborenen, jetzt aber mit dem Heiligtum ging aller Dienst auf die Priester über, deshalb klag-

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