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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-12-01 · 4 (12.1930) · p. Seite 106

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
4 (12.1930)
Date
1930-12-01
Page
Seite 106 (sequence 16)
Language
German
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ten die Erstgeborenen mitdem „Wehe"-Ruf: „waj-hi bejaum kailaus, ein „Wehe" erscholl am -Tage der Beendigung". Eine andere Erklärung: Wer rief das „wehe"? die Engel des Dienstes. Sie sagten: nun, da Gottes Heiligtum errichtet ist, wird der Heilige, gelobt sei Er, uns verlassen, zur Erde herniedersteigen, dort wohnen und seine Herrlichkeit drunten unter seinen Kindern ruhen lassen. Da beruhigte sie der Heilige, gelobt sei Er, und sprach: ihr braucht darum keinen Kummer zu haben, meine Majestät weilt ständig droben bei euch, denn so heisst es „dein Glanz ist gelegt über die Himmel" (Psalm 8, 2); bei eurem Leben! die Hauptsache ist die überirdische Welt, denn so heisst es „sein Glanz bedeckt die Himmel und sein Lob erfüllt die Erde" (Habakuk 5, 5), zuerst ist der Himmel genannt und dann erst die Erde, also ist er das wichtigere. Aber, sagen die Weisen, mit einem nichtigen Trost hat er sie getröstet, wenn man von Gott so reden darf; umgekehrt, die wahre Wohnung der göttlichen Majestät ist drunten auf Erden, denn so heisst es: „sein Glanz ist auf der Erde und im Himmel" (Psalm 148, 13), zuerst kommt die Erde -und dann der Himmel, sie ist das wichtigere, darum der „Wehe"ruf der Engel, „waj-hi bejaum kalauss, ein Wehe erscholl am Tage der Beendigung". Noch eine andere Erklärung: wer rief das „wehe"? die Völker der Welt. Sie sprachen: schon als das Heiligtum noch nicht stand und der Heilige, gelobt sei Er, noch nicht unter den Kindern Israels wohnte, fühlte Er sich durch sie erfüllt und führte ihre Kriege, um wieviel mehr erst nun, da sie ihm das Heiligtum erriditet hüben und er unter ihnen wohnt; darum ihr „Wehe"ruf, „waj-hi bejaum kalauss, ein „Wehe" erscholl am Tage der Beendigung". So die alte Predigt. Sie hat nicht ein Thema, das von den verschiedenen Seiten her beleuchtet wird und in seinen Verzweigungen, seinen Haupt- und Nebenwegen verfolgt wird, die Gedanken schweifen von einem Gegenstand zum andern. Welche Gefühle will der Prediger in seinen Hörern erwecken? Welche Gedanken will er vermitteln? Welches ist der Frommigkeits wert, welcher der Inhalt, durch den diese Predigt zur jüdischen wird? Mit der ersten Deutung, in der der seltsame Vergleich mit der zänkischen Frau ausgesponnen wird, will der Prediger sagen: Nur die Tat befreit den Menschen von unfruchtbaren Gedanken und Grübeleien, nur in der Tat befreit er sich von den Zweifeln, die aus seinen Erlebnissen und aus der Betrachtung des Weltenlaufes in ihm sich erheben, aus dem Widerspruch, der in ihm gegen Gottes Weltenregiment aufsteigt. Nur in der Tat, sie sei was immer, wenn sie nur als Gehorsam gegen eine innerlichst erfühlte Forderung geübt wird, gelangt der Mensch zum Frieden der Seele und zur Ausgeglidienheit und Gelassenheit der Seele. Diese Betonung des Wertes der Tat und der Verwirklichung ist spezifische Note jüdischer Frömmigkeit. Die zweite Deutung, die von dem Schmerz der Erstgeborenen über den Verlust des Priesteramtes ausgeht, erweckt, da sie sich an ...Hörer richtet, die wissen, dass inzwischen auch das Recht des Aronstammes auf Vollzug des Opfers mit dem Fall des Tempels geschwunden ist, das Bewusstsein von dem allgemeinen Priestertum aller; jenes Bewusstsein, das eine der Grunderfahnungen und Voraussetzungen jüdischer Frömmigkeit ist. Die nächste Deutung, die von der Furcht der Engel ausgeht, gibt im Gewände der Legende Antwort auf die viel umstrittene Frage: was ist das Wichtigere, worauf soll das Sinnen des Menschen mehr gerichtet sein, die Erde oder das Ueberirdische? Mit Nachdruck und betonter Deutlichkeit fällt die Entscheidung für die Erde. Hier kommt wiederum ein spezifischer Inhalt jüdischer Frömmigkeit zum Ausdruck, denn es ist Eigenart jüdischer Religiosität als Ziel und Aufgabe des Menschen nicht die ewige Seligkeit des himmlischen Lebens anzusehen, sondern die Ordnung dieser Welt als Gottesreich der Liebe und der Gerechtigkeit. Zugleich aber reisst der Prediger den Hörer aus den Gefahren heraus, die mit dieser Hinwendung zum Irdischen verbunden sein können; dem Hörer, dessen Bibelkenntnis und Bibelfestigkeit vorausgesetzt wird, kann nicht verborgen bleiben, dass die Hervorhebung des Verses, der die Erde vor dem Himmel nennt, nicht ohne Willkür ist, leicht kann er selbst neben vielen Versen der gleichen Wertung auch andere in seinem Gedäditnis finden, die den Himmel vor der Erde nennen; und also wird er selbst die Wahrheit finden, die die eigentlich jüdische ist, dass beide Elemente der Religiosität, das Irdischgerichtete und das Ueberirdischgerichtete nebeneinander in voller Gleidiwertigkeit und in einer untrennbaren Verbindung stehen müssen. Die vierte und letzte Deutung ist scheinbar eine chauvinistische, nationalistisdie, dem Selbstgefühl des Juden schmeichelnde; scheinbar facht sie seinen Stolz an und lässt ihn ein besonderes Verbundensein Gottes mit ihm * empfinden. Aber das ist nur scheinbar. Denn dem denkenden Hörer muss ja sofort zum Bewusstsein kommen, dass das Heiligtum längst zerstört ist, dass also wenn Gottes Majestät an ein Haus gebunden wäre, er gar nicht mehr in Israel weilte. So wird sein Denken, ihm unbewusst, durch die Deutung dahin geführt, zu erkennen, dass Gott der ganzen Welt zugehört, dass er aller Völker Gott ist, und dass der Jude darum unabhängig von jedem Haus und Tempel die Schechinah inmitten Israels weiss und sie in Israel festhalten muss. Und am Ende bleibt von der Deutung in seinem Gedächtnis der tröstende Glaube haften, dass „Gott Israels Kampf in der Welt führt". So erfüllt diese alte Predigt die grosse Aufgabe der jüdischen Predigt, Tröstung zu spenden, Gotteserkenntnis zu mehren, Eigenart jüdischer Frömmigkeit zu benennen und über das fromme Gefühl zur frommen Tat hinzuleiten. Ihre Wiedergabe und Erklärung an dieser Stelle am Beginn des Festtages, an dem der Vers, auf den sie sich stützt, im Gotteshaus vorgelesen wird, sei Ehrung des Mannes, in dessen Führerleistung innerhalb des zeitgenössischen deutschen Judentums die Kraft und Glut der Predigt und durch sie die Erwecfcung zu jüdischem Bewusstsein und frommer Tat wahrlidi nicht das Letzte ist. Frömmigkeit * Von Rabbiner Dr. Hermann Vogelslein (Breslau) Eine der selbstverständlichen Voraussetzungen alles wie immer gearteten religiösen Lebens ist Frömmigkeit. In einer bekannten wundervollen Stelle hat Goethe das Gefühl des Frommseins gekennzeichnet und als etwas allgemein Menschliches angesprochen. Und wenn nach Humboldt die Tiefe und die Art der Sehnsucht, die ihn begeistert, der Masstab ist für die Idealität eines Charakters, so kann man an Inhalt und Art dieser Sehnsucht nach dem Unendlichen und Unbedingten, nach Gott, an Inhalt und Kraft dieses Frommseins die Reinheit und Höhe der Religion erkennen. Aber Religion verlangt mehr als frommes Empfinden. Andäditig schwärmen ist leichter als gut handeln, jedes noch so grosse und reine Gefühl verliert seinen Wert, wenn es sich nicht dm Tun äussert. Daraus erwächst wiederum die Gefahr, dass man für Unmessbares die grössere oder geringere Menge äusserer Handlungen als Masstab der Frömmigkeit ansieht, und dass man Religion und religiöse Betätigung von der Gesamtheit des Lebens und der Lebensäusserungen löst. Alle persönliche Religiosität wirkt sich in bestimmter Form aus, und diese Form ist wierderum durch die Gemeinschaft bedingt; der dieser bestimmte Mensch angehört. Das gilt auch dann, wenn der einzelne sich religiös schroff gegen seiae Gemeinschaft stellt. Denn auch Ablehnung

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