Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 4 (12.1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 104 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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ner der Reform. Er lebte in schlichter religiöser Weise, hielt die üblichen religiösen Formen, ohne sich viel damit zu beschweren, und hatte an der Fortentwicklung der religiösen Praxis kein besonderes Interesse, da seine wirklichen Interessen völlig den historischen Fächern zugewandt waren.. Joels Anschauung war gleichfalls weit von jeder Orthodoxie entfernt; wenn er sich dazu äusserte, geschah es mit behaglichem und lächelndem Spott. Aber für den radikalen Liberalismus seiner Zeit und besonders für den seines Antipoden Abraham Geiger war auch er nicht zu haben. Bei der schon erwähnten Gelegenheit seines 100. Geburtstages haben wir beide, Du und ich, ganz unabhängig voneinander, aber in gleicher Erkenntnis dieser harmonischen Persönlichkeit darauf hingewiesen, wie seine liberalen Anschauungen wissenschaftlich wohl aus der historischen Ent- Als Einjährig-Freiwilliger (1887) wicklung des Judentums herausgewachsen waren, praktisch aber in eben dieser Harmonie ihre Grenzen fanden, die er als Mensch in sich trug und die er auch in der Ausübung seines Amtes immer zu wahren suchte und wiusste. Dem religiösen Sturm und Drang seiner Zeit stellte er als seine Losung entgegen: „die Vergangenheit fortbilden, nicht fortschaffen". Damit hat aber auch er wie Geiger die Weiterentwicklung des Liberalismus auf den Weg der Wissenschaft gewiesen, auf die Notwendigkeit, den wissenschaftlichen Nachweis der Möglichkeit und der Berechtigung einer Fortbildung der Vergangenheit zu erbringen. In unserer „Zeitschrift für das liberale Judentum" sollte sowohl die Popularisierung der jüdisch-liberalen Religionsauffassung als auch ihre wissenschaftliche Begründung im einzelnen einen Platz finden und eine ganze Reihe von Aufsätzen, die sie brachte, hat in der Tat beiden Absichten gedient. Du selbst hast, obwohl Du in der praktischen Durchführung des Liberalismus mehr auf der Seite des energischen Abraham Geiger als des bedächtigen Manuel Joel stehst, wissenschaftlich Dich doch grundsätzlich stets im Sinne Joels ausgesprochen. Schon in der Einführung zu unserer Zeitschrift hast Du erklärt: „Wir wollen Judentum, kein selbstgeschaffenes subjektives Gebilde ..... Wehe der Religion, die aus ihrer Muttererde Geschichte sidi losreisst und an Stelle des positiven Glaubens eine Fülle subjektiver Meinungen setzt! Wehe der Religion, die das geschichtlich Gewordene und sich Bewährende mutwillig zerstört"! Dass die Zeitschrift in ihrer Entwicklung dann doch stärker nach der praktischen als nach der wissenschaftlichen Seite sich neigte, lag an den äusseren zwingenden Verhältnissen. Zuerst forderten die „Richtlinien", deren Entwurf von Dir ausging, gegenüber den heftigen Angriffen von nichtliberaler Seite, ja sogar auch von Scheinliberaler Seite ihre Verteidigung. Dann verschob der Weltkrieg die religiösen Interessen auf andere mit ihm zusammenhängende Gebiete, und endlich gebot die immer stärker sich ausbreitende Bewegung des Zionismus Stellungnahme und neue Aspekte von liberalen Gesichtspunkten aus. Unter allen diesen Zurückdrängungen hat die wissenschaftliche Bearbeitung der Liberalen Fragen gelitten und leidet noch immer. Wir müssen uns damit abfinden, dass die kommenden Geschlechter diese Aufgabe zu lösen haben werden; wir dürfen uns damit abfinden, da nach dem bekannten Spruche der Väter es wohl dem Einzelnen ziemt ein Werk zu beginnen, ja sogar ihm nicht das Recht zusteht sich ihm zu entziehen, aber nicht die Pflicht obliegt es au vollenden. Für Dich darf es noch dazu ein beglückender Gedanke sein, dass Deine Lebensarbeit in sich doch ein Ganzes bildet, weil sie einem einheitlichen grossen Ideal gedient hat. Dieses beglückende Gefühl darf Dich an Deinem 70. Geburtstag ganz erfüllen und ihn aus Dir selber heraus zu einem Ehrentage machen. Ich wünsche von ganzem Freundesherzen, dass alles, was ihn froh erfüllt, noch recht lange in Dir lebendig bleiben und unter Gottes Beistand auch noch recht lange sich schöpferisch auswirken möge. Dein Dr. Max Freudenthal. Drei Sabbathgebete V o ji Rabbiner D r. Bruno Italiener (Hamburg) I. Himmlischer Vater! Aus der Unruhe des Lebens sind wir hierher gekommen in die Stille dieser Stätte. Für eine kurze Weile haben wir die Arbeit aus der Hand gelegt. Der Alltag fällt von uns ab. Es wird Sabbath um uns. es wird Sabbath in uns. Hilf uns, o Gott, dass wir den Frieden, da~ss wir die Weihe dieser Stunde festhalten; hilf uns, dass wir nidit versinken im Werktag, sondern empor blickend zu Dir finden in aller Unruhe die Ruhe, in all dem Zerstreuenden die Sammlung, in all dem Alltäglidien die Heiligung. Amen! II. Hiinmlisdier Vater! Der Sabbath hält seinen Einzug. Ein Zeichen hast Du ihn genannt, ein Zeichen ist er auf unserem Lebenswege, ein Zeichen von Dir: dem Ewigen in der Welt des Vergänglichen, dem Heiligen in all dem Niedrigen und Alltäglichen. In einer rechten Sabbathstunde finden wir Dich, und da wir Dich finden, finden wir uns. Hilf uns, dass wir Dich audi heute finden. Lass uns nidit vergessen, dass audi wir Juden Zeichen sein sollen: Menschen, deren Taten draussen im Leiben zeugen von der Arbeit ihrer Seele hier an dieser Stätte, Mensdien, die unablässig streben aus der Enge in die Weite, aus der Niedrigkeit zur Höhe, aus dem Kampf zum Frieden. Amen! III. Als ein Bote von Dir, o Gott, kommt der Sabbath von Wodie zu Woche zu uns Menschen. Was uns sonst da draussen bewegt: Arbeit, Kampf, Alltag — für eine kurze Weile fällt es von uns ab. Sabbathstille umfängt uns. Ein Ewiges ragt hinein in unser Leben. Q^J? JVD' e*Jien Bund mit dem Ewigen hast Du den Sabbath darum genannt: Er bindet uns vergängliche Mensdien an ein Dauerndes, ein Ewiges.. Eine rechte Sabbathstunde heiligt die Seele. Möge sie auch uns heiligen, möge sie uns helfen, das Ahnen des Ewigen draussen im Alitag festzuhalten, in den flüchtigen Wedisel der Tage ein Unvergäuglidies zu tragen und so unser ganzes Leben zu machen zu einem Q^j," rp"i2' einem Bunde mit dem Ewigen. Amen!