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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-12-01 · 4 (12.1930) · p. Seite 103

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
4 (12.1930)
Date
1930-12-01
Page
Seite 103 (sequence 13)
Language
German
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zuheben und in seiner Entfaltung zu betrachten, das uns in jener Stunde und an jener Stätte zuerst zusammenführte und das von dort aus aufs stärkste beeinflusst wurde, nämlich die Art und Weise unserer wissenschaftlich-theologischen Strebungen. Das Breslauer Seminar führte damals wie noch heute seine Jünger in alle Gebiete der jüdischen Wissenschaft ein. Das Interesse der Hörer war natürlich nicht allen diesen Fächern in gleichem Masse zugewandt. Je nach Veranlagung und Begabung, aber auch je nach dem Stand der Bildung und Erziehung, den der Jüngling von Hause aus besass und bei seinem Eintritt in das Seminar aufwies, war die Freude wie auch der Fleiss ungleichartig auf die einzelnen Zweige verteilt. Ebenso ungleidiarlig wirkten die Persönlichkeiten der verschiedenen Seminardozenten auf uns ein. Für Dich wie auch für mich stand im Mittelpunkt des Lehrerkollegiums und infolgedessen auch des wissenschaftlichen Interesses Heinrich Graetz, der noch immer unübertroffene Historiker des jüdischen Volkes. Wir sind ihm für alle Zeit von Herzen dafür dankbar geblieben, dass wir uns seine Schüler und mehr noch im häufigen persönlichen vertrauten Verkehr auch seine jungen Freunde nennen durften. Anlässlich seines 100. Geburtstages im Jahre 1917 haben wir seine Persönlichkeit und seine Leistungen in Aufsätzen umrissen und auch Du hast in dein Deinen in unserer liberalen Zeitschrift darauf hingewiesen, „wie gross und von welch fruchtbarer Anregung Graetz als Gelehrter und als Lehrer war, wie er es verstand den wissensdiaftlichen Forschungstrieb in seinen Hörern zu wecken und sie mit seinem impulsiven Temperament zu wis^eitMJiaftlidien Arbeiten anzutreiben. Vielen seiner Sdiiilt-r. m> Fügtest Du hinzu, war er ein Freund, und wem er rimikil Freund geworden war, der konnte seiner sich nie wi Iriignenden, stets bereiten Freundschaft sicher sein." Die>e l reiindsdiaft haben auch wir erfahren und verdanken dem Meister zugleich den Sinn für das Historische und die Freude an gesdiichtlichen Darlegungen. Die ungehinderte Freiheit geistiger Entwicklung, welche das Seminar seinen Hörern gestattete, schuf freilich von früh auf eine kritisdie Einstellung zu den Lehrern wie zu ihren Lehren. Zu dem Grundsatz „in verba magistri jurare" haben wir uns niemals bekannt, und als Du die „Gesdiichte der jüdischen Reformbewegung" schriebst, hast Du Dich nicht gescheut von diesem hochverehrten Lehrer und Forscher zu erklären, dass der 11. Band seiner grossen jüdischen Gesdiidite, dieses noch immer unbestrittenen Standardwerkes, einseitig parteimässig beeinflusst war, dass die Bilder einer Reihe von führenden Persönlichkeiten der Neuzeit verzerrt und entstellt seien. Dies Urteil ist zutreffend, und wer Graetz so genau kannte wie wir, weiss, wieviel Menschliches dabei dem grossen Historiker mit unterlaufen ist. Im übrigen hat er selber sich ebenso wenig gescheut historische Urteile, die sich später als unwahr erwiesen, abzuändern und zurückzunehmen. Diese Offenheit aber verbunden mit Sachlichkeit und Objektivität zeichnet in erfreulidier Weise Deine wissenschaftliche Darstellung dieser ganzen Periode aus. Sie gibt in ruhiger und auch dem Gegner gerecht werdender Abwägung ein Bild der verschiedenartigen Persönlichkeiten und Anschauungen, welche die neuzeitliche Entwicklung in allen jüdischen Lagern hervorgebracht hat, und führt die Geschichte der Reformbewegung von der Zeit der ersten Aufklärung bis in unsere Tage hinein. Dieses Dein Werk wird immer seinen guten Platz unter den Darstellungen jüdischer Spezialgeschichte haben. Fast noch stärker als das Seminar wirkte auf uns das Leben ausserhalb desselben, die innigen freundschaftlichen Beziehungen innerhalb und ausserhalb unseres theologischen Kreises, der rege Verkehr in hodistehenden jüdischen Familien, die vielen Anregungen, die wir aus der lebhaften geistigen und künstlerisdien Bewegtheit der schlesischen Hauptstadt empfingen, vor allem aber der Umgang mit dem Manne, der durch seine Persönlidikeit ein überragender Vertreter dieser Gesamtkultur war, Manuel Joel. Wer auch immer das Glück hatte, ihm näher treten zu dürfen, unterlag nicht bloss gleich den Fernerstehenden seinem Zauber, sondern fand in ihm zugleich ein Vorbild wissenschaftlicher Strebung und praktischer Haltung, das ihm den Weg für die eigene Zukunft wies. Von seinem Einfluss auf Dich hast Du selber gesprochen, als wir anlässlich seines 100. Geburtstages 1926 sein Andenken mit Darstellungen seines Lebens und seiner Religionsauffassung ehrten. Du schriebst zum Schlüsse: „Liebe und Verehrung haben mir die Feder geführt. Ich schätze mich glücklich, dem Manne, der mich in meinen Werdejahren seiner Freundschaft gewürdigt, den ich wie einen Vater geliebt und dem ich ein grosses Stück meiner geistigen Entwicklung zu verdanken habe, ein Denkmal dankbarer Erinnerung haben widmen zu können." Der Einfluss, der von diesem allverehrten Manne auf seine Jünger ausging, bezog sich vor allem auf die Vereinigung von Wissenschaft und Praxis, die er selber in so wunderbarer Harmonie besass. Seine Gelehrsamkeit umfasste Philosophie und Theologie in allen Breiten und Tiefen. Aber sie trug keine Spur von Weltfremdheit; im Gegenteil, seine grossartige Schriftsteller- und Redekunst bestand in der Verschmelzung seiner wissenschaftlichen Arbeit mit den Bedürfnissen des Tages. Das offenbarte sich sowohl in seinen tiefschürfenden Abhandlungen wie auch in seinen formvollendeten Predigten, die stets weltanschauliche Fragen behandelten oder berührten und schon aus diesem Grunde immer in die Tiefe gehen lind aus der Tiefe schöpfen mussten, aus demselben Grunde aber sich vor allem an die Gebildeten unter seinen Hörern richteten und niemals mit billigen Phrasen an die Gefühle der grossen Masse rührten. Dasselbe Bild zeigen Deine Abhandlungen und Predigten. Die Sprache Joels und die Deinige sind freilich ganz verschiedener Art. Blinde Nachahmung ist eben kein Zeidien echter Jüngerschaft. Joels Sprache war ganz schlicht, einfach, verstandesgemäss; die Deinige ist poetisdi, geschmückt, gemütvoll. Aber das Prinzip ist das gleiche: sich mit Gründlichkeit und wissenschaftlicher Vertiefung in einer für gebildete Kreise berechneten Sprache über die bedeutsamen kulturellen Erscheinungen der Zeit im Verhältnis zu Religion und Judentum auseinanderzusetzen. Ein ganz besonders beredtes Zeugnis hierfür sind die 5 Vorträge über „Judentum und moderne Weltanschauung", die Du 1915 gehalten und herausgegeben hast. Sie liegen ganz in der Linie der Joeischen Arbeitsweise. Wie Joel sich mit den philosophischen Ideen beschäftigte, die seine Zeit bewegten, so hast D u darin die Probleme unserer Tage, die moderne Naturwissenschaft, den Pantheismus, die Lehren von Schopenhauer und Nietzsche, sowie die ethische Kulturbewegung in tiefgehender und doch anziehender und verständlicher Besprechung vom jüdisch-religiösen Standpunkt aus erörtert. Das Büchlein wird immer mit zum wissenschaftlichen Rüstzeug der jüdischen Religionsphilosophie gehören. Auch Deine Predigten tragen ähnlichen Charakter, und wenn die Predigten Joels zu der kleinen Zahl religiöser Reden gehören, die, auch wenn die Persönlichkeit des Redners nicht mehr lebendig dahintersteht, ihre Wirkung auf den Leser nicht verlieren, so darf dieser Vorzug in gleicher Weise einer Reihe Deiner Predigten zugesprochen werden, die Du weiteren Kreisen zugänglich gemadit hast. Was Dich aber in wissenschaftlicher Hinsicht ganz besondersstark jederzeit bewegte, das war das Sehneu nach einer wissenschaftlichen Begründung unserer religiösen Anschauung, nämlidi des religiösen Liberalismus. Dieser Wunsch ist un* noch nicht in Erfüllung gegangen, aber Du hast auf diesem Gebiete wenigstens von neuem die Initiative durch die Begründung der „Zeitsdirift für das liberale Judentum" ergriffen. Unser liberales Judentum ist ein anderes al» das unserer beiden Meister Graetz und Joel. Graetz war zwar ganz antiorthodox gesinnt, aber, wie ja zur Genüge aus seinem Geschichtswerk hervorgeht, ein ebensolcher Geg-

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