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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-12-01 · 4 (12.1930) · p. Seite 102

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
4 (12.1930)
Date
1930-12-01
Page
Seite 102 (sequence 12)
Language
German
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Wer sind diese Boten, diese Helden, die dn unserem Psainisatze zum Lobe Gottes aufgerufen werden? Die Geister der oberen Welt können hier nicht gemeint sein. Von ihnen spricht der folgende Psalmsatz: „Preiset den Ewigen, alle seine Heere, ihr seine Diener, die ihr seinen Willen tut." Für sie ist das Attribut „alle" kennzeichnend; denn sie verharren insgesamt in dem stetigen, gleichen Gehorsam gegen den göttlichen Willen, keiner ist vom andern darin unterschieden. Ihr Wesen, das des einen wie des anderen, ist es so. Den Menschen auf Erden kommt dieses Merkmal „alle" nicht zu; nicht ihr Wesen, sondern Wille und Entscheidung jedes Einzelnen ist es, das Wort Gottes zu tun, und zu ihnen spricht daher Gott und sie hören Gott im eigentlichen Sinn, ihnen erst gilt Gottes Gebot. Sie sind es, von denen unser Psalm es sagt: „ihr seine Boten, Helden an Kraft, die ihr sein Wort tut, zu hören auf die Stimme seines Wortes." Daher — in unseren Rabba-Ausgaben ist in zu verbessern — sind die Boten Gottes, die „Engel", von denen unser Psalm spricht, die Propheten. So manches Bibelwort beweist es, dass die Propheten als die Boten Gottes bezeichnet werden (Num. 20, 16; Richter 2, 1: Haggai 1, 13; II Chr. 56, 16.); ein Wort Jochanans, des Schulhauptes, auf das unser Prediger sich beruft, sagt, dass sie wegen ihres Berufes, ihrer Sendung so heissen. Und „die Helden an Kraft, die sein Wort tun" sind die Gerechten. Sie sind indertat die Starken; denn sie erfüllen gegen den Vorteil und unter Opfern das Gebot Gottes, durch sittliche Entscheidung und Kraft üben sie das Gute. Sie stehen dadurch höher als die „Boten des Dienstes", diese Wesen der höheren Welt. Unser Satz kann darum dem Volke Israel gelten, das zum Sinai hingetreten war, das zuerst sagte: „wir wollen tun" und danach: „wir wollen hören", so wie es hier gerühmt ist: „die sein Wort tun, um zu hören auf die Stimme seines Wortes." Und vor allem gilt er durch seinen Schluss dem Moses; er war berufen und befähigt, „die Stimme seines Wortes zu hören". Der Satz, „Der Ewige rief Moses und sprach zu ihm vom Stiftszelt aus" erhält so seinen ganzen Sinn erst durch unseren Psalmsatz. Es scheint zunächst, als diente diese Predigt einem, vielleicht geistreichen, exegetischen-Spiel. Aber man würde sie' missverstehen und verkennen, wollte man das oder nur das in ihr finden. Aus ihr spricht in Wirklichkeit der Ernst eines Kampfes um die religiöse Eigenart des Judentums. Das Thema unserer Predigt ist durch die Frage gegeben, wer höher stehe, der Fromme oder der „Engel", der Sphärengeist. Es ist interessant, dass diese Frage über unsere Predigt hinaus ihren geschichtlichen Weg hat; sie hat das ganze Mittelalter beschäftigt, sowohl im Islam, wo sie eine Streitfrage zwischen Aschariten und Mutasiliten war, als auch im Judentum in seiner philosophischen wie seiner mystischen Richtung; mit Bezug auf sie polemisiert z. B. Abraham ibn Esra gegen Saadja. Aber hier in unserer Predigt hat sie ihren besonderen Platz. Um sie und damit unsere Predigt zu verstehen, ist es notwendig, sich das gedankliche Gebiet zoi vergegenwärtigen, aus dem sie hervorgekommen ist. Die stärkste Macht in der zu Ende gehenden antiken Religion war die modernisierte Astralreligion. Im babylonischen Kulturkreise war sie herrschend gewesen, sie war dann, vor allem durch Posidonius, mit der alten griechischen und römischen Mythologie verwoben und zur Religion des Imperium romanum gemacht worden. Was an ihr die Geister anzog, war, dass sich in ihr eine Vereinigung von Religion und mathematischer Astronomie, von Glaube und transcendenter Musik darzubieten schien. Die alten Götter wären nun zu beseelten kosmischen Mächten, zu Astralgeistern, zu Wesen der Sphärenharmonie geworden; ihre Wirklichkeit, ihre Bedeutung und ihre Macht schienen wissenschaftlich dargetan zu sein. Im Judentum wollte ein Aehnliches seinen Raum gewinnen; bald sollte hier den „Göttern der Völker", als solchen Gestirngöttern, eine Realität unter dem einen Gotte gewährt sein, bald sollten sie die „EngoJL" sein, von denen die Bibel sprach. In dem apokryphischen wie dem midraschischen Sdirifttum ist es deutlich erkennbar, wie die Versuchung jener astronomischen Religion in diesen beiden Formen nahe herantrat. Die Gefahr, die dem Charakter des Judentums darin drohte, kann nicht unterschätzt werden. Die Einheit Gottes und die Unmittelbarkeit des Menschen zu Gott waren in Frage gestellt; denn diese „Götter der Völker", die der eine und andere so zugestehen wollte, waren doch Götter neben- Gott, und diese neuen „Engel" waren doch Mittelwesen zwischen Gott und dem Menschen. Von um so grösserer Bedeutung ist es, dass diese Gefahr klar erkannt wurde, und dass sich der unbeirrte Widerstand erhob. Schon Jodianan hatte gegen das Lehrhaupt von Sepphoris, Chanina bar Chama den Grundsatz vertreten, der dann massgebend wurde, dass Israel nur Gott, aber keinem durch Gestirne bewirkten Schicksal Untertan sei. Der entscheidende Gedanke wird dann, in der Sprache und dem Stil der Zeit, durch unseren Prediger vollzogen. Er nimmt den Gestirngeistern die religiöse Würde des Platzes zwischen Gott und dem Menschen dadurch, dass er den frommen Menschen über sie, also in wesentlichere Nähe zu Gott stellt. Die religiöse Bedeutung von Mittelwesen zwischen Gott und dem Menschen wird ihnen dadurch entzogen, dass ihrer Kraft geringere Geltung zugesprochen wird als der Kraft menschlicher Entscheidung zum Guten. Sie haben nur noch ihren Platz im Kosmos, aber nicht mehr in der Beziehung des Menschen zu Gott. Der Idee von der Einheit Gottes und von der Unmittelbarkeit des Menschen zu Gott ist damit ihre Bestimmtheit wiedergegeben. Das ist das deutliche Thema dieser Predigt des Tanchuni bar Chanilai. Das Wissen um das eigentlich Religiöse des Judentums spricht aus ihr. In der Erfüllung des Gebotes wird eine Erhabenheit gefunden, die höher ist als die der beseelten Sternenwelt. Oder mit anderen Worten: das moralische Gesetz in uns ist hier mehr noch als der gestirnte Himmel über uns. An Caesar Seligmann Von Rabbiner Dr. Max Freudentlial (Nürnberg) Nürnberg, zum 14. Dezember 1930. Lieber Freund! Dass Du nunmehr die 70 erreicht hast, ist kaum glaublich für den, der Deine geistige Frische iund körperliche Ausdauer kennt. Für mich ist diese frohe Tatsache erst recht verwunderlich, wenn ich mir vergegenwärtigen soll, dass es nun schon fast k% Jahrzehnte her sind, seitdem ich am Seminar zu JBreslau Dir zum ersten Mal vor Augen trat. Diese Stunde lebt noch so frisdi in meinem Gedäditnis, als ob es gestern gewesen wäre. Von ihr aus zieht sich die Strecke unserer engen Verbundenheit bis heute hin und da sie nun sdion so lange währt, so muss ich wirklich an Deine 70 glauben. Wenn idi diese Strecke von unserer Lehrzeit damals — Du standest schon am Ende, ich am Anfang derselben — bis heute überschaue, so lockt es, aus Deiner gesamten inneren und äusseren Lebensentwicklung, die anlässlidi Deines Geburtstages Gegenstand verschiedenartiger Betrachtungen sein wird, dasjenige Moment heraus-

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