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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-12-01 · 4 (12.1930) · p. Seite 101

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
4 (12.1930)
Date
1930-12-01
Page
Seite 101 (sequence 11)
Language
German
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da fortfahren, wo wir festen Boden ointer den Füssen spüren, d. h. wo uns auf Grund von Dokumenten die Ergründung des Wesens unserer synagogalen Melodien möglich ist. Hierbei finden wir zwei Arten von Gesängen: den polnischen, Chasonus genannt, der verschiedene „Steiger", wie Mögen owaus-Steiger, Ahawoh rabbo-Steiger und andere geschaffen hat, und den aschke nasischen Gesang, welcher die Melodien für Gebete mit einer fröhlicheren Stimmung lieferte, die man Nigunim mjsinai oder me'injonoh meimt. Als speziell jüdisch mmss vor allem anderen der sogenannte Ahavo rabbo-Steiger angesehen werden, da er nicht in den Melodien bezw. Skalen anderer Völker vorkommt und viele Komponisten, wie Rubinstein, Goldmark tu. a. sich dieser Skala bedienten, wenn sie jüdische Klangfarbe erzielen wollten. Es steht jedoch ausser Zweifel, dass der steigermässige Gesang im Laufe der Zeit mannigfache Veränderungen erlitten hat und heutzutage keine reine Stilform mehr darstellt. Denn jede musikalische Form ist Form der Kultur ihrer Zeit, und je nach der Art der produktiven Kräfte des Zeitalters erhalten diese Formen ihr Gepräge. Die französische Revolution brachte auch in die musikalischen Formen eine neue Gestaltung, die sich in den Werken von Mozart, Beethoven und Schubert zu erkennen gibt. Es ist ganz natürlich, dass auch der Kantor sich diesen Einwirkungen nicht entziehen konnte, und dass er je nach seiner persönlichen Einstellung in künstlerischer Vollendung neugestaltend das vermittelte, was seine Gemeinde mit den gleichen Worten zu demselben Gotte in andächtiger Stimmung betete. Im neuzeitlichen Gottesdienst muss er es also verstehen, seinem Gesang jenen Ausdruck zu verleihen, der den noch so bekannten und so oft gesprochenen Gebeten immer wieder neue Bedeutung gibt. Wenn er nicht selbst im tiefinnersten Herzen mitfühlt, was er betet, wenn ihm die künstlerische Ekstase fehlt, wird er nie imstande sein, seine Gemeinde zur Andacht zu erheben. Wie in früheren Zeiten j muss er heute noch fähig sein, durch seinen Vortrag Freude, j Schmerz, Hoffnung und Sehnsucht zu erwecken und Herz j und Seele höher zu stimmen. Er muss mit einem Worte als j künstlerische Persönlichkeit ganz selbstverständlich religiös J sein.! i Zur Erreichung dieses hohen Zieles bedarf es jedoch wichtiger Voraussetzungen. Vom modernen Kantor muss natürliche Begabung, Schönheit der Stimme, musikalisches Empfinden und Kenntnis des traditionellen Chasonus unbedingt verlangt werden. Durch sachgemässe Ausbildung muss die Schönheit der Stimme gefördert und deren vernünftiger Gebrauch geübt werden, sodass bei reiner und verständlicher Aussprache des Textes der Einklang zwischen Wort und Ton hergestellt wird. Mit dem hebräischen Wissen muss eine allgemeine weltliche Bildung verbunden sein, die es ihm ermöglicht, die dichterische Idee eines Gebetes | an der Wurzel zu erfassen amd sie musikalisch zu inter- ] pretieren. Diese Uebertragung der Dichtung in eine lyrische { Erlebnis-Sphäre ist aunso wichtiger, weil viele unserer Glaubensgenossen die Gebetsprache leider nicht mehr verstehen, ja viele sogar nicht einmal in der Lage sind, dem Texte zu folgen. Hier muss der Ehrgeiz des Kantors darin bestehen, j das Gebet und die Musik auf einen möglichst reinen Zu- | sammenklang zu bringen und dadurch das Unverstandene j verständlich und den Sinn des Gebetes fühlbar zu machen. | Nur so kann der eigentliche Zweck des Vortrages, Andacht j und Erbauung beim Zuhörer zu wecken, erreicht werden. j Welchen unbeschreiblichen Zauber muss z. B. dje Melo-; die des Kol nidre auf jedes jüdische Gemüt ausüben, das! an diesem Abend die Berührung fühlt mit der Welt des Rei- J nen und einen leisen Hauch des Göttlichen verspürt. Der j Text bleibt fast unbeachtet, die Melodie und der ergreii feude Vortrag sind es, die den Hörer bezaubern und in ihm j die tiefsten und sehnsüchtigsten religiösen Gefühle ausj lösen. Ein nichtjüdischer Dichter nennt das Kol nidre „die j traurigste und zugleich erhabenste Melodie, die gesungene Märtyrer-Geschichte eines unglücklichen Volkes." Ja, in unseren hebräischen synagogalen Gesängen pulsiert jüdischer Geist und jüdisches Empfinden, wodurch sie vermögen, auf Geist und Gefühl veredelnd, erhebend und tröstend zu wirken. Ganz losgelöst von ihrer religiösen Bedeutung stellen sie ein Stück jüdisches Seelenleben dar, in ihnen lacht und weint die jüdische Individualität, sie erzählen von Kämpfen und Leiden langer Jahrhunderte und versetzen uns mit einem Schlage in ferne, fremde Welten. Am Kantor und an seinen künstlerischen Qualitäten liegt es, durch seinen Gesang die Jugend zu begeistern, die Indifferenten nachdenklich zu stimmen und die ganz Entfremdeten ihrem Heimatboden wieder zuzuführen. Dem Vorbeter muss seine Kunst heilig sein, er muss durchdrungen sein von dem Ernst seines Amtes und muss seine Befriedigung und sein Glück darin suchen und finden, andere beglücken zu können. Dies kann er trotz hochgespannter Forderungen an sein künstlerisches Ausdrucksvermögen nicht durch selbständige konzertmässige Vortragswirkungen erreichen, sondern bei Ausschaltung aller veräusserlichenden Darstellungsmittel durch rückhaltlose innerste Gefühlsoffenbarung. Nur so wird er dazu beitragen, dem Synagogengesang und der jüdischen Gottesverehrung ihre alte Geltung wieder zu verschaffen. Dann wird ihm auch der Erfolg sicher sein, seine Hörer über das blosse Geniessen hinauszuheben zu religiösem Erleben und Schaffen. Ais Abiturient (1879) Die Engel und die Frommen Von Rabbiner Dr. Leo Baeck (Berlin) Am Anfang des Midraschs zum Buche Leviticu3, sowohl im Rabba, wie in den beiden Tanchumas, — vergl. auch Rabba zu Gen. 28, 12 und zu Num. 13, 1 — ist uns eine Predigt des Tanchum bar Chanilai, aus dem Beginn des vierten Jahrhunderts, überliefert. In der Art, wie sie besonders die Schule von Tiberias ausgebildet hatte, geht die Predigt von zwei ßibelsätzen. als Texten, aus. die für einander die Erläuterung bieten sollen, von dem Satze Leviticus 1, 1 „Der Ewige rief den Moses und sprach zu ihm vom Stiftszelt aus*' und dem Psalmsatz 103, 20 „Preiset den Ewigen, ihr seine Boten, Helden an Kraft, die ihr sein Wort tut, zu hören auf die Stimme seines Wortes." Der Inhalt der Predigt mit seinem deutlichen Gedankenjranee kann in kurzem dar seiest werden:

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