Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 4 (12.1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 96 (sequence 6)
- Language
- German
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Zu Caesar Seliginanns 70. Geburtstag Von Justizrat Dr. Julius Blau Vorsitzender des Gemeinde Vorstands. Am 14. Dezember 1930 jährt sich zum siebzigsten Mal der Tag, an dem Caesar Seligmann das Licht der Welt erblickt hat. Dieser Tag gibt uns Veranlassung, Rückschau zu halten auf das, was Seligmannin den 29 Jahren seit seiner Berufung nach Frankfurt unserer Gemeinde und dem Judentum geleistet, und mit tiefster Dankbarkeit gegen ihn und die Vorsehung "es auszusprechen, dass Seligmann alle Erwartungen, die an seine Berufung geknüpft würden, in reichem Mass erfüllt hat. Als in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, um das im Erlahmen begriffene religiöse Interesse innerhalb der liberalen Richtung unserer Gemeinde neu zu beleben, eine Anzahl Männer sich im Freisinaigen Verein für jüdisches Gemeindeleben zusammenschloss, ergab sich gar bald die Notwendigkeit, einen Mann als Rabbiner hierher zu berufen, der auf der Höhe religiösen Wissens und allgemeiner, insbesondere philosophischer Bildung stehend und mit einer packenden Redegabe ausgestattet, auch im Besitz organisatorischer Begabung, die Fähigkeit besass, ein reiches Gemeindeleben auch innerhalb der liberalen Kreise zu entfalten und besonders solche Gemeindemitglieder an die Gemeinde zu fesseln, die nur - noch in losem Zusammenhang mit ihr standen. Man hat damals sofort nach Hamburg geschaut, wo der junge Seligmann in der kurzen Zeit von zehn Jahren durch seine Vertrautheit mit den Strömungen und Bedürfnissen der Zeit auf der einen und unter pietätvoller Anlehnung an das historisch Gewordene auf der anderen Seite die Tempelgemeinde und ihre Jugend um sich zu scharen und durch seine aussergewöhnlich hinreissenden Reden und vermöge seiner hervorragenden Lehrbefähigung das Interesse am Gottesdienst unter den Gebildeten und Gebildetsten der Liberalen wachzuhalten und zu erwecken gewusst hatte. Nicht leichten Herzens schied Seligmann von der ihm lieb gewordenen Wirkungsstätte und aus einem Kreis, der dem jungen Führer Dankbarkeit und Verehrung in reichstem Mass entgegengebracht hatte; aber, um mit seinen eigenen Worten zu sprechen, „die Aussicht auf den ungleich grösseren Wirkungskreis in der grossen and geschichtlich hochberühmten Gemeinde, an einer Stelle, wo ein Leopold Stein, ein Abraham Geiger, ein Neheniias Brüll — ohne der Lebenden zu gedenken — gewirkt haben, die Aussicht, in der ihm durch heimatliche Sympathien und Familienerinnerungen teuren Stadt Frankfurt ein weites und dankbares Feld zur Betätigung seiner Kräfte zu finden, die Aussicht, durch Unterricht an den oberen Klassen der höheren Schulen einen entscheidenden Einfluss auf die Jugend, unsere Zukunft, ausüben zu können", hiess ihn, wenn auch wehgestimmt, sich von Hamburg zu trennen, um dem ehrenvollen und mit ehrenvollen Bedingungen verbundenen Ruf nach Frankfurt zu folgen. Am 1. April 1902 trat Seligmann sein Amt in Frankfurt an. Hier winkte ihm bald eine grosse und ungewöhnliche Aufgabe. Die. volle Teilnahme an dem Gottesdienst der Hauptsynagoge, der bekanntlich im wesentlichen hebräisch orientiert ist, verlangt ein Mass von Kenntnissen der heiligen Sprache, deren zahlreiche Gemeindemitglieder ermangeln. Die Hauptsynagoge reichte zudem nicht aus, um sämtlichen Anfragen nach Plätzen an den hohen Feiertagen zu genügen, und sie liegt zudem im Zentrum der Stadt, also weit vom Westen entfernt, wo ein grosser Teil namentlich der liberalen jüdischen Bevölkerung Wohnung genommen hatte. Ehe die Gemeindeverwaltung jedoch an den Bau einer Synagoge' im Westen und an einen Gottesdienst mit einem starken Einschlag in der Muttersprache herantrat, wollte sie erst einmal die Bedürfnisfrage prüfen und besdiloss zu diesem Zweck die Veranstaltung eines freisinnigen Hilfsgottesdienstes in einem Saal im Westen der Stadt in der für die im Westen zu erbauende Synagoge gedachten Art. Hierzu bedurfte es in erster Linie der Ausarbeitung eines entsprechenden Gebetbuchs. Diese Aufgabe wurde Seligmann übertragen, und dieser unterzog sich ihr und der ganzen Veranstaltung mit solchem Erfolg, dass der für den Gottesdienst bestimmte grosse Saal in zwei aufeinanderfolgenden' Jahren die Zahl der Platzbewerber nicht fassen konnte, worauf sich die Verwaltung zum Bau einer Synagoge an der Königsteinerstrasse, jetzt Freiherr vom Steinstrasse, entschloss, die im Jahre 1910 unter Seligmanns hervorragender Mitwirkung eröffnet wurde. Wenn Hunderte bis dahin dem Gottesdienst fernstehender Männer und Frauen jüdischer Art der Gottesverehrung wieder zugeführt und wenn es namentlich der Jugend der freisinnigen Kreise nunmehr ermöglicht war, in das praktizierende, das betende Judentum eingeführt zu . werden, so ist dies — ich darf es aussprechen, ohne befürchten zu müssen, einem Widerspruch zu begegnen — Seligmanns Werk. Die Gewährung einer umfangreichen schön ausgestatteten Dienstwohnung in der neuen Synagoge war das sichtbare Zeichen der Anerkennung und Dankbarkeit der ganzen Gemeinde. Das Gebetbuch, das später von Seligmann um eine gottesdienstliche Ordnung für Werk-, Sabbat- und Festtage vermehrt wurde, ist vor kurzem in einer zweiten verbesserten Auflage erschienen und trägt weiter dazu bei, dem Gottesdienst in der Westendsynagoge Kraft und Weihe zu geben. Was Seligmann als Lehrer der Religion in den höheren Klassen der Frankfurter Schulen geleistet, wie er die höherer Studien sich beileissigende Jugend an die Quellen des Judentums herangeführt und für unser Erbgut begeistert, wie er als Nachfolger des unvergesslichen Adler als Referent für den Religionsunterricht an den höheren Schulen im Dienst des Vorstands und als Mitglied der städtischen Schuldeputation im Dienst der Vaterstadt gewirkt, ist in den Annalen der Gemeinde und den Herzen ihrer Mitglieder, gleichviel welcher Richtung, verzeichnet. Diese gar nicht hoch genug zu veranschlagende Tätigkeit im einzelnen zu schildern, bleibt Anderen hierzu Berufeneren vorbehalten, desgleichen seine Wirksamkeit in dem Allgemeinen und dem Liberalen Rabbinerverband, in den grossen deutsch-jüdischen Organisationen, in der Weltorganisation für liberales Judentum und in den vielen, vielen Gremien und Vereinen, die seine kraftvolle Mitarbeit erstrebten und auf sie stolz sind. Auch auf seine schriftstelle- I rische und seine Arbeit in der jüdisdien Publizistik kann j hier nur hingewiesen werden. Mir sei nur noch vergönnt,! einige-Worte über den Prediger, Dichter und Beter Seligmann zu sagen. Bei unseren grossen Propheten lünd Psalmisten ist er j in die Lehre gegangen. An ihrem Hauche, an ihrem Durchdrungen- und Besessensein vom Ruach Hakaudesch, vom heiligen Geist, hat seine Seele sich entzündet und sie fähig gemacht, jenen Enthusiasmus zu spüren und aufzuzeigen, ohne den grosse Taten nidit erzeugt werden, der Berge versetzt, der Steinwüsten in blühendes Ackerland verwandelt und der die Kraft verleiht, auch das Schwerste um der Heiligung des göttlichen Namens willen zu ertragen und Leiden und Verfolgungen zu überdauern. Immer wieder hat er uns das Licht gezeigt, durch das uns helle wird auf dieser „dunklen Erde". In seinen wunderbaren Israelspredigten zumal und in seinen Gebeten — ich brauche nur auf seine Seelenfeier, seine Bearbeitung der Awaudoh, seine Sichraunus- und Schauforaus-Gebete hinzuweisen — hat er unserer Verbundenheit mit unserer leidens-, aber ruhmreichen Geschichte begeisterten und begeisternden Ausdruck verliehen und uns in dem Gott unserer Väter unseren Gott erkennen lassen, und er hat endlich, wie wenig andere, in seinen Schriften und Vorträgen über das Verhältnis von Glauben und Wissen es verstau-