Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 6 (2.1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3094266-3094348-3094353--2196-3096937- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Frankfurter jüdische Aerzte des 19. Jahrhunderts Von Dr. Raphael Kaufmann Als im September 1927 hier in Frankfurt das Seminar für Geschichte -der Medizin, das unter Leitung des Herrn Prof. Dr. Richard Koch steht, eingeweiht wurde, sagte der Nestor der deutschen Medizinhistoriker Prof. Dr. Sudhoff unter anderem: „Frankfurt hat immer Aerzte gehabt, die sich sehr wohl sehen lassen konnten." Und in der Tat trifft dieser Ausspruch zu. Einer der bedeutensten Chirurgen des 18. Jahrhunderts Lorenz Heister ist geborener Frankfurter. Hier in Frankfurt wirkte Philipp B o z z i n i, dessen Lichtleiter der erste gelungene Versuch, Körperhöhlen der Besichtigung zugänglich zu machen, und somit der Vorläufer des Kehlkopf-, Blasen- und Magenspiegels war. Ferner seien noch genannt S p i e s s und Varrentrapp, die Begründer moderner Städtehygiene, und Stricker, .der hervorragende Geschichtsforscher der Medizin. Der bekannte Chirurg Billroth sagt, als er die Heimat der 1876 an den Universitäten deutscher Nation dozierenden ordentlichen Professoren der Medizin und Naturwissenschaften untersucht: „Am glänzendsten steht die Stadt Frankfurt da mit 9 Professoren. . . In Frankfurt hat immer ein hoher Sinn für Kunst und Wissenschaft bestanden; das Senckenbergische Institut hat wohl wesentlich Anteil daran, dass so viele Frankfurter gerade zum Studium der Naturwissenschaften angeregt sind." Wie verhält sich nun der Anteil der jüdischen Bevölkerung, die doch stets eine bedeutende Rolle hier gespielt hat, auf diesem Gebiet? Kein Geringerer als Rudolf Virchow sagt 1894 in seiner Rede „Morgazni und der anatomische Gedanke": „Erst unsere Zeit hat hebräische Manuskripte ans Licht gefördert, welche erkennen lassen, mit welchem Eifer und welcher Gelehrsamkeit jüdische Aerzte des frühen Mittelalters für die Erhaltung und Förderung der Medizin tätig gewesen sind. — Man darf wohl sagen, dass bis in diese Zeit zurück sich die oft erbliche Befähigung der Juden, die seitdem so Grosses für die Wissenschaft geleistet haben, verfolgen lässt." Unser verstorbener Rabbiner Dr. Markus Horovitz hat neben seiner umfassenden Tätigkeit als Rabbiner und seinem segensreichen sozialen Wirken sich noch die Zeit zu tiefgründigen geschichtlichen Studien genommen. Eine Frucht dieser Studien ist die im Jahre 1886 erschienene Schrift „Jüdische Aerzte inFrankfur t". Da diese wertvolle Schrift vollkommen vergriffen und nur noch in wenigen Exemplaren vorhanden sein dürfte, möchte ich, kurz über sie referieren.*) Der älteste jüdische Arzt, Jakob von Strassburg, Hess sich im Jahre 1565 hier nieder und wirkte bis 1596. Seit dieser Zeit waren hier ständig jüdische Aerzte tätig. Interessant ist die Tatsache, dass es im frühen Mittelalter nicht nur Aerzte hier gab, sondern auch jüdische Frauen, welche ärztliche Praxis ausübten. Besonders widmeten sie sich der Augenheilkunde. Eine Augenärztin Zerlin — sie wird auch in den Geschichtsbüchern der Medizin erwähnt — durfte ausserhalb der Judengasse wohnen und einer anderen Aerztin wurde sogar eine Abgabe, das Schlafgeld, erlassen, damit „sie hier bleibe", wie es in der Urkunde heisst. D i e t z zählt in seinem „Stammbuch der Frankfurter Juden" für die Zeit von 1565 bis 1848, 69 jüdische Aerzte auf. In manchen Familien vererbte sich der ärztliche Beruf durch mehrere Generationen. Dietz führt 8 solcher Familien auf. Ich nenne nur die Familien Bing, Hein, Wallich oder Wallach, die aus Metz stammten, und Familie D o c t o r, die daher ihren Namen hatte. Der bedeutendste dieser Aerzte war Dr. Josef Salomon Delmedigo, ein geborener Italiener, Schüler des großen Naturforschers, Gallilei. Er wirkte in Frankfurt als Gemeindearzt von 1651 bis 1645 und 1655 in Prag. Er hat eine grosse Anzahl Schriften verfasst und zwar auf dem Gebiet des Talmuds, der Kabbala, aber er war auch auf den Gebieten der Mathematik, der Philosophie und Astronomie schriftstellerisch tätig. Auf dem Gebiet der Medizin scheint dieser hervorragende Gelehrte allerdings nicht schöpferisch tätig gewesen zu sein. Aber er war jedenfalls ein bedeutender Praktiker. Die Frankfurter jüdischen Aerzte müssen sehr tüchtig gewesen sein, denn sie wurden nicht nur von ihren Glaubensgenossen, sondern auch von der christlichen Bevölkerung stark konsultiert und vielfach auch nach auswärts berufen, dies offenbar so häufig, dass der Gemeindevorstand sich genötigt sah, von seinen Aerzten die Verpflichtung abzunehmen, dass sie nur dann auswärts praktizieren durften, wenn sie Vorsorge dafür getroffen hatten, dass mindestens ein Arzt in der Stadt blieb. Ausser Delmedigo waren mehrere dieser jüdischen Aerzte hervorragende Talmudisten, und einige wurden Rabbiner. Ihr medizinisches Studium absolvierten sie meistens auf italienischen Univer- *) Vgl. auch W. Hanauer, Zur Geschichte d. jüd. Krankenpflege in Ffm. (in Festschrift z. Einweihung d. neuen Krankenhauses der Isr. Gemeinde 1914.) sitäten, besonders in Padua, da sie erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts auf deutschen Universitäten zum Studium und zu Prüfungen zugelassen wurden, und so erklärt sich auch 'die Tatsache, dass sie auf dem Gebiet der Medizin nicht schöpferisch tätig sein konnten. Einen Umschwung brachte auch hier in Frankfurt die Emanzipation der Juden durch die französische Revolution. Jetzt sehen wir, wie mit der Befreiung aus dem Ghetto die Frankfurter Juden sich in steigendem Masse audi dem Studium der Heilkunde widmen, und so sehen wir in Frankfurt a. M. im 19. Jahrhundert eine grosse Anzahl hervorragender jüdischer Aerzte. Um nur einige Namen aus neuer Zeit zu nennen: Schwarzschild, Kirchheim, den langjährigen Leiter des israelitischen Krankenhauses, H i r s c h b e rg, Theodor Neuburger, über den Prof. Dr. Hauauer eine Biographie geschrieben hat, den vor kurzem verstorbenen P i n n e r. Aber auch bedeutende jüdische Forscher auf dem Gebiet der medizinischen Wissenschaft hat Frankfurt hervorgebracht. Ueber drei von ihnen, die der Allgemeinheit weniger bekannt sind, soll liier das Wesentlidiste berichtet werden. Als erster ist zu erwähnen Julius Salomon Sichel, Abkömmling einer Familie, die 1506 hier aufgenommen wurde und der mehrere Aerzte entstammen. Er wurde am 14. 5. 1802 hier geboren, studierte von 1820 bis 1824 Medizin in Tübingen und Berlin, wo er auch promovierte, war dann Julius S. Sidiel {18021868) Assistent dn Wien und Würzburg und Hess sich 1850 in Paris als Augenarzt nieder. 1855 machte er das französische Staatsexamen, nachdem er im Jahre zuvor 1852 die erste Augenklinik in Paris gegründet hatte. Diese Gründung war eine Grosstat ersten Ranges. Die Augenheilkunde, die vorher in Frankreich nur von Kurpfuschern und von einigen Chirurgen nebenbei betrieben wurde, erhielt durch Sichel eine wissenschaftliche Basis. Dr. Sichel führte in Frankreich die von Deutschen auf eine hohe Stufe entwickelten Methoden der Augenheilkunde ein und er war selbst schöpferisch auf den verschiedensten Gebieten der Augenheilkunde tätig. Er hielt selbst Vorlesungen, die von Aerzten aus allen Ländern besucht wurden, unter anderem auch von dem später so berühmt gewordenen Augenarzt Albrecht von Gräfe. Nicht minder gross war auch Sicheis Ruf als praktischer Augenarzt. Lange Jahre galt er nicht nur als der be- S. & D. LÖWENTHAL Schillerstrasse 1 SILBERWAREN