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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-02-01 · 6 (2.1930) · p. Seite 223

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
6 (2.1930)
Date
1930-02-01
Page
Seite 223 (sequence 7)
Language
German
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deutendste Augenarzt Frankreichs, sondern auch Europas, und ihn konsultierten Kranke aus aller Herren Länder. Sichel betätigte sich ausserdem noch als Archaeologe, Geschichtsforscher und Philologe. In dieser Hinsicht gleicht ihm der vor einigen Jahren gestorbene berühmte Augenarzt Julius Hirschberg, der auch ein bedeutender Philologe war. Sichel galt auch als der bedeutendste Entomologe (Insektenforscher) und seine Insektensammlung, die er dem Museum des Jardin des Plantes vermachte, war die bedeutendste der AVeit. Er hat 147 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht, unter anderem einen umfassenden Atlas (Ikonographie) der Augenkrankheiten. Er starb zu Paris am 11. JNav. 1868 an einer unglücklichen Steinoperation. Albrecht von Gräfe hat die letzte Arbeit Sicheis mit folgendem Nachruf begleitet: „Zu den hervorragendsten Eigentümlichkeiten Sicheis gehörte die innige Durchdringung eines umfassenden empirischen Wissens und einer umfassenden Gelehrsamkeit, wie wir sie unter unseren Fachgenossen nur selten vertreten finden." Die bekannte humoristische Erzählung unseres Lokaldichters Friedrich Stoitze „Die Kapp" schliesst mit den Worten: „Und er is worn e grosser Gelehrter." Diese Geschichte ist buchstäblich wahr, nur heisst der Held dieser Erzählung nicht David, sondern er ist der zweite Frankfurter Arzt, mit dem wir uns beschäftigen wollen, nämlich Moritz Schiff. Auch er entstammt einer altf rankfurter Familie, die 1605 zuerst erwähnt wird und war nahe verwandt mit den bekannten Philanthropen Jakob Schiff und Philipp Schiff. Moritz Schiff wurde hier 1825 geboren und studierte in Heideiberg, Berlin und Göttingen. Er betrieb in Paris physiologische und zoologische Studien und liess sich dann in Frankfurt als praktischer Arzt nieder. Seine Praxis muss ihm aber viel Zeit gelassen haben, denn er leitete längere Zeit am Senckenbergischen Museum die Vogelsammlung. 1848 gehörte er dem badischen Revolutionsheere als Arzt an. Folgende Episode veranlasste Schiff von Frankfurt wegzuziehen. Ein Italiener Regazzoni führte im damaligen Hotel Weidenbusch gegenüber dem Schwan zwei Somnambulen vor, die in ihrem hypnotischen Zustand sich mit Nadeln stechen Hessen usw. Schiff lud mehrere befreundete Kollegen, die er zu einem medizinischen Kränzdien vereinigt hatte, ein, mitzukommen, um Zeuge der „Entlarvung des Schwindlers" zu werden. Er liess einer der Somnambulen einen Frosch in den Nacken gleiten, worauf sie unter Schreien davonlief. Man hielt nun allgemein Regazzoni für einen Schwindler und er musste schleunigst die Stadt verlassen. Fast gleichzeitig produzierte sich in Seckbach eine Frau, in deren Nähe, wenn sie zu Bett lag, sich ein geheimnisvolles Klopfen wahrnehmen liess. Schiff gelang es, das geheimnisvolle Klopfen der „Klopfhexe" durch Bewegung der Peroneussehnen an seinem eigenen Körper zu reproduzieren und er hielt nun im ärztlichen Verein einen Vortrag, bei dem er auf das Wesen der Wunder als Grundlage grosser Volksbegeisterung kam und dabei von Christus als dem „grossen Demagogen" gesprochen haben sollte. Das wurde bekannt und Schiff wegen Gotteslästerung unter Anklage gestellt. Er wurde zwar auf Grund der Aussage der anwesenden Aerzte freigesprochen, aber Frankfurt war ihm verleidet. Er versuchte nun in Göttingen als Privatdozent für Zoologie sich zu habilitieren. Das wurde ihm aber von der reaktionären Hannoverschen Regierung verweigert, und - er wurde sogar wegen seiner angeblich für die Jugend gefährlichen Lehren ausgewiesen. Er lehrt dann in Bern von 1854 bis 1863 als Professor der vergleichenden Anatomie. 1865 wurde er als Professor der Physiologie nach Florenz berufen. Dort hat er auch seine wichtigsten Arbeiten gemacht. Aber auch hier sollte er keine Ruhe finden. Mitte der 70er Jahre setzte eine heftige Agitation gegen seine Tierversuche ein, und da Schiff keinen Schutz bei den Bei hörden fand, nahm er gern einen Ruf an die Universität j Bern an, wo er von 1876 bis zu seinem Tode im Jahre 1896 J gelehrt hat. Schiff war einer der grössten und vielseitigsten j Biologen des 19. Jahrhunderts. Seine ersten zoologischen j Arbeiten über die südamerikanische Fauna wurden vom j Prinzen Louis Bonaparte und auf dessen Kosten veröffentj licht. Seine wichtigsten und bedeutendsten Arbeiten aber : liegen auf dem Gebiete der Physiologie, insbesondere j des Gehirns, der Nerven und der Muskeln. Ueber sein j Hauptwerk, das 1858/59 erschienene Lehrbuch der „Physio-! logie des Nerven- und Muskelsystems" urteilte der bekannte I Wiener Kliniker Nothnagel 1893: „Auf jeder Seite dieses j Buches findet man neue Tatsachen und neue Ideen. Es ist j ein Meisterwerk ersten Ranges und eine wahre Fundgrube j wissenschaftlicher Schätze." Wohl die originellste und bej deutungsvollste, wissenschaftliche Leistung Schiffs ist folgende: Er hat zuerst am Tierversuch nachgewiesen, dass die J Schilddrüse ein lebenswichtiges Organ ist und dass j Tiere, welchen man die Schilddrüse entfernt hat, elend zu | Grunde gehen. Diese Versuche wurden allgemein angezweifelt, j und noch im Jahre 1895 bestritt der bedeutende Anatom Karl ' Gegenbauer die lebenswichtige Bedeutung der Schilddrüse, die er zu den sogen, rudimentären, also eigentlich überflüssigen Organen rechnete. Als dann der Berner Chirurg Kocher, der Begründer der Kropfchirurgie, nach operativer Entfernung der Schilddrüse beim Menschen gleichfalls schwere zum Tode führende Störungen auftreten sah, war Schiff glänzend gerechtfertigt. Schiff zeigte aber auch, dass man solche der Schilddrüse beraubte Tiere durch Verfüttern mit Schilddrüsensubstanz oder durch Einpflanzen von Schilddrüsengewebe wieder am Leben erhalten kann. Durch diese Versuche ist Schiff der Begründer der Lehre von den Drüsen mit innerer Sekretion und der sogen. Organtherapie geworden. Dieser Zweig der Medizin hat sich gerade in den letzten zwei Dezennien mächtig entwickelt. Als dritter unter den bedeutenden Frankfurter jüdischen Medizinern ist der Pathologe Arthur Nathan Hanau zu nennen. Ueber seinen Lebenslauf konnte ich leider nur sehr dürftige Daten erhalten. Hanau entstammte gleichfalls einer Altfrankfurter Familie, die vermutlich 1641 hier aufgenom- Arthur N. Hanau (1858-1900) men wurde. Er wurde am 11. 5. 1858 geboren, machte 1882 in Bonn seinen Doktor, war dann an der Universität Zürich Privatdozent für Pathologie und pathologische Anatomie, dann Prosektor am Kantonsspital in St. Gallen, und starb Ende August 1900 nach längerer Krankheit in Konstanz. Hanau hat in seinem Spezialfach eine grössere Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten, hauptsächlich über Tuberkulose, Kretinismus, Darmresektion usw. veröffentlicht, die aber rein fachärztliches Interesse haben und vielfach in der Literatur citiert werden. Wichtig aber, und wohl auch für Nichtmediziner interessant ist seine 1889 in den Fortschritten der Medizin erschienene Abhandlung: „Gelungene Uebertragung von Krebs". In dieser kleinen aber inhaltsreichen Abhandlung teilt er Versuche mit, durch die es ihm gelungen ist, Krebsgewebe von einem Tier auf ein anderes zu übertragen. Damit erbrachte er als erster den Nachweis einer Ueberimpfbarkeit des Krebses, und ist so der Begründer der experimentellen Krebsforschung geworden. In scharfsinniger Weisewies er nach, dass die Erreger des Krebses nicht Kleinlebewesen (Mikroorganismen) sind, — damals hatte die bakteriologische Aera in der Medizin ihren Hochstand — sondern, wie auch heute die Mehrzahl der Krebsforscher annimmt, in eigentümlichen Veränderungen der Zellen selbst gesucht werden müssen. Er versuchte daher durch Teerpinselungen künstlich Krebs zu erzeugen. Diese Versuche scheiterten aber, und erst in 1922/23 ist es mehreren Japanern gelungen, mit dieser Methode bei Kaninchen Krebs zu erzeugen. Hanau selbst scheint sich später allerdings mit diesen Versuchen nicht mehr beschäftigt zu haben, wahrscheinlich weil ihm die Mittel dazu fehlten. Erst durch die bekannten Frankfurter Forscher Paul Ehrlich und Apolant, ferner durch Ferdinand Blumenthal, August von Wassermann und neuerdings O. Warburg, um auch hier die bedeutendsten jüdischen Forscher zu nennen, sind wichtige Fortschritte erzielt worden.

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