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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-02-01 · 6 (2.1930) · p. Seite 221

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
6 (2.1930)
Date
1930-02-01
Page
Seite 221 (sequence 5)
Language
German
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Mediziner nicht mehr antreffen, so ist der Grund wohl im wesentlichen der, daß äußere Beschränkungen und wohl auch religiöse Hemmungen die Juden hinderten, an diesen Forschungen teilzunehmen. Eine um so größere Rolle haben sie dafür das ganze Mittelalter hindurch als praktizierende Aerzte gespielt, trotzdem ihnen in vieler Hinsicht die Ausübung des ärztlichen Berufes erschwert war. Aber ungeachtet aller Schwierigkeiten und Vorurteile war ihr Ruf so groß, daß man zu einer gewissen Zeit geglaubt hat, man müsse jüdischer Hei-kunft sein, um in der Heilkunde Erfahrung zu haben. Die abergläubische Menge des Mittelalters war, wie .T. M ü n z ') ausführt, sogar überzeugt, jeder Rabbiner sei der Heilkunde beflissen, so daß es nicht selten v».rkäm, daß angesehene Christen in Krankheitsfällen zum Rabbi schickten, um Rat und Hilfe zu erlangen. Der große Einfluß jüdischer Aerzte und die hervorragende Stellung, die manche von ihnen einnahmen, hatte oft eine Bedeutung, die weit über den Rahmen des rein ärztlichen hinäusreichte. Die Kenntnis der Heilkunde eröffnete den Juden vielfach Zugang zu Fürsten und Machthabem, in deren Händen so oft das Geschick ihrer bedrängten Glaubensbrüder lag. Die Geschichte 2) erzählt, wie oft ein einflußreicher jüdischer Arzt in der Stunde der Gefahr für seine Glaubensgenossen eintrat und von einem Herrscher, der ihm Leben und Gesundheit zu verdanken hatte, Aufhebung bedrückender Maßnahmen erlangen konnte. Es ist verständlich, daß die jüdische Anschauung, die Pflege und Erhaltung der Gesundheit als hohes religiöses Gebot betrachtete, ein die praktische Ausübung der Heilkunde unter den Bekennern des Judentums außerordentlich förderndes Moment sein mußte. So finden wir denn diese schon in den frühen Perioden des Mittelalters unter den gebildeten Juden sehr verbreitet. Dies war bereits in der Blütezeit des spanischen Judentums der Falk später auch in Polen, das den Juden bekanntlich als Zufluchtsstätte vor den zahllosen Verfolgungen diente, sowie in Italien und den Niederlanden. In Deutschland lagen in der zweiten Hälfte des Mittelalters die Verhältnisse für die Ausübung des ärztlichen Berufes viel ungünstiger. Ergreifend schildert Marcus Horovitz3), wie schwer die Abgeschlossenheit des Ghettos es seinen Söhnen machte, die Stätten des medizinischen Studiums aufzusuchen, um die notwendige Ausbildung zu erlangen. Einzelnen gelang dieses, und sie kehrten freudig in die Enge der Judengasse zurück, um den Ihrigen als Aerzte zur Seite zu stehen; Aus der Tragik und Bedrängnis des Ghettos wird auch eine alte Sage verständlich, die den Ursprung der Heilkunde in die Zeit der Sintflut verlegt und die ich der Schrift von Horovitz entnehme. „Als Noah und seine Söhne mit ihren Frauen in der Arche waren, hatten sich zu ihnen Scharen von quälenden und verderbenbringenden Geistern eingeschlichen, vor denen sie nicht entrinnen konnten. Da kam ein Engel und nahm einen der Söhne Noahs auf seine Fittiche und trug ihn in den Garten Eden, lehrte ihn dort die Heilkunde und brachte ihn nun dem Vater wieder zurück. Nun wichen die Unholde und die Menschen konnten in der x\rche ausharren, bis die Fluten schwanden." So sandte, wie Horovitz sagt, der Herr auch oft einen Engel, der einen Jüngling aus der Judengasse in seine Fittiche nahm, ihn in die weite Ferne trug nach einem vom Hasse unberührten freundlichen Eden, wo die Pforten des Wissens sich für ihn auftaten. Als er wieder in die engen Verhältnisse zurückkehrte, wurde er seinen Glaubensgenossen ein Helfer in Not und Krankheit. Es ist interessant, daß die jüdische Gemeinde in Frankfurt in der zweiten Hälfte des Mittelalters dazu überging, besoldete Gemeindeärzte anzustellen, um die ärztliche Hilfe für die Mitglieder sicherzustellen. Dabei stellte die Gemeinde )ffenbar hohe Anforderungen an die Qualität ihrer Aerzte; denn 'tian berief öfters auswärtige medizinische Autoritäten in dieses Amt. Bemerkenswert sind auch die Vorschriften, die die Tätigkeit des Gemeindearztes regelten, u. a. durfte er die Stadt nicht ohne Einwilligung des Vorstandes verlassen, selbst >venn ein Fürst ihn berufen hatte. Weil die jüdischen Aerzte zu jener Zeit sehr gesucht waren, wollte man vorbeugen, daß der Gemfcindearzt zu lange aus der Stadt abwesend sei. Es scheint, daß das Studium der Medizin den Ausgangspunkt einer freieren Bewegung für die Juden bildete. Im- Anfange des 18. Jahrhunderts begannen die deutschen Universitäten, zuerst die zu Gießen, Juden nicht nur zu den Studien, *) J. Münz, Die jüdischen Aerzte im Mittelalter, Verlag J. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1922. . 2) Beispiele dafür finden sich bei J. Münz, a. a. 0. 8) Marcus Horovitz, Jüdische Aerzte in Frankfurt a. IL, Verlag von J. Kauflmann, Frankfurt a. M. 1886. sondern auch zu den Prüfungen zuzulassen, so daß um die Mitte des 18. Jahrhunderts jüdische Aerzte in Frankfurt a, M. bereits im Besitze der Doktorwürde waren. Damit stehen wir am Eingange einer neuen Zeit. Rückschauend können wir sagen, daß sich die Juden auch in den düsteren Zeiten des Mittelalters mit besonderer Hingabe dem Studium der Medizin gewidmet haben. So mögen sie denn auch durch diese jahrhundertelange Tradition vorbereitet gewesen sein, um ihrerseits mitzuwirken am Ausbau der Medizin, als deren moderne Epoche um die Mitte des vorigen Jahrhunderts anbrach. Es mußte auch für jüdische Gelehrte mit ihrer Vorliebe zur Naturbeobachtung und ihrem Bedürfnisse, Tataachen der Beobachtung zu kombinieren, mit ihrer jahrhundertelang gepflegten Kunst, aus äußeren Erscheinungen auf innerhalb des Körpers verlaufende Vorgänge zu schließen, besonders reizvoll gewesen sein, sich an der medizinischen Forschung in ihrem modernen Gewände zu beteiligen. Das ist auch in großem Stile geschehen. Ich muß es mir versagen, hier Daten und Namen all der Männer aufzuzählen, die mit der Entwicklung der neueren medizinischen Wissenschaft untrennbar verbunden sind. Denn ihre bloße Aufzählung würde dem wenig sagen, der <ieh nicht in die Werke dieser Männer vertieft hat. Aber mit Stolz dürfen wir daran erinnern, daß hier in Frankfurt drei jüdische Forscher gelebt haben, denen die geistvollsten Gedankenschöpfungen auf medizinischem Gebiete, die sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen haben, zu verdanken sind: Carl Weigert, Paul Ehrlich und Ludwig Edinger. Daß jüdische Mediziner im ersten Jahrhundert ihrer Mitarbeit auf wissenschaftlichem Gebiete sich in die erste Reihe der Forscher stellen konnten, ist wohl Folge der systematischen Geistesarbeit, die die Juden jahrhundertelang selbst hinter den Mauern des Ghettos leisteten, ihrer Schulung, Probleme aufzuwerfen und zu behandeln. Die für viele jüdische Gelehrte typische Verknüpfung methodischer, exakter Forschung mit einem Hange zu philosophischer, spekulativer Betrachtung findet einen besonders günstigen Boden auf dem Gebiete der medizinischen Wissenschaft. Ich sehe es daher nicht als Zufall an, daß gerade hier so viele hervorragende Leistungen jüdischer Forscher zu verzeichnen sind. Das alte Judenspital (Hekdesch) nach dem Wiederau/bau 1711

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