Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 4 (12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 132 (sequence 16)
- Language
- German
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132 Jonas Fraenätel Zacharias Frankel Leser Lazarus Schwager, der Graezist Leopold Cohn! Dann meine eigenen Lehrer, deren ich in Verehrung gedenke: Israel Lewy, der Talmudist mit der schier unermeßlichen Fülle des Wissens, mit der scharfen Kritik literarischer Forschung und mit der glutvollen Gläubigkeit seiner Religiosität; der Geschichtsschreiber und Bibelexeget Marcus Braun mit und aufrecht erhielt. Und wie in mancher Familie, so gab es seiner sicheren Gelassenheit; der so vielseitig gebildete, ein wenig skeptisch überlegene Religionsphilosoph und Talmudkenner, der spätere Seminarrabbiner Saul Horovitz! Sie alle sind seit langen Zeiten oder doch seit Jahren schon in die Heimat des ewigen Friedens gezogen, fortlebend in ihren Werken und im Wirken der von ihnen herangebildeten Zöglinge. Auch unter diesen so viele klangvolle Namen, die in die Geschichtstafeln des neuzeitlichen Judentums mit unverlöschlichen Lettern eingegraben sind, wie David Kaufmann-Budapest, Güdemann-Wien, Maybäum-Berlin, Vogelstein -Stettin, Werner-München, Jakob Guttmann -Breslau. Von Rabbinern der lebendigen Gegenwart seien nur genannt: unser verehrter Gemeinderabbiner Dr. Seligmann, Dr. Freudentha 1-Nürnberg," Dr. Jacob -Dortmund Dazu käme eine stattliche Reihe von Männern einer jüngeren Generation, die gerade auch in den Nachbargemeinden Frankfurts sich segensreich betätigen. Wenn unter den heutigen Dozenten der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, Professor E1 b o g e n und Professor Julius Guttmann den Glanz dieser Anstalt erhöhen, so ist auch dies eine Auswirkung des Breslauer Seminars, aus dem sie hervorgegangen sind. Vielleicht ist für die geschichtliche Leistung des Seminars, gerade die Tatsache bezeichnend, daß sein Aufbau und seine Lehrweise beispielgebend geworden ist für alle anderen Anstalten dieser Art, die nach Breslau entstanden sind. Neben der Berliner „Hochschule" das dortige orthodoxe Rabbinerseminar, vorher > schon London, später dann Cincinnatti, Budapest, New-York, Wien. An der Spitze eben dieses Seminars steht auch ein Schüler Breslaus, der hochverdiente greise Gelehrte Professor Dr. Schwarz. Worin hat nun wohl die besondereEigentüinlichkeit des Breslauer Seminars bestanden? Es hat verschiedene Eigenschaften wertvoller Art in sich vereinigt. Zunächst war es durch das große Stiftungskapital und das dazu gehörige Anstaltsgebäude, die beide aus~ der Hinterlassenschaft des hochherzigenKommerzienrats Jonas Fraenckel stammten, wirtschaftlich durchaus unabhängig, (bis freilich die Nöte des letzten Jahrzehnts auch hier mit rauher Hand eingegriffen haben). Ebenso aber hatte das Seminar zur Wahrung seiner geistigen Selbständigkeit den Grundsatz durchgeführt, sich in seiner Arbeit, die auf enge Vereinigung von jüdischem Wissen und moderner Wissenschaftlichkeit gerichtet war, frei zu halten von der aktivenTeilnahme an innerpolitischen Bestrebungen der verschiedenen Parteien des Judentums. Besonders war man gemäß der Geistesrichtung, die einst Zacharias Frankel im Sinne des Stifters gewiesen hatte, allem extremen Radikalismus abhold. Wohl vertrat ein jeder der Lehrer seine eigene persönliche Auffassung den Schülern gegenüber mit dem mehr oder minder starken Nachdruck der Persönlichkeit. Aber die Anstalt als solche oder gar die ihr angehörenden Zöglinge waren nicht von vorneherein auf irgend eine ganz bestimmte Parteirichtung des Judentums eingeschworen. Diese echte Freiheit gewährleistete auch die freie Entwicklung der jungen Menschen, die dort ihre Ausbildung zum praktischen Rabbiner gesucht haben. Als ein besonders günstiger Umstand ist es zu betrachten, daß früher wenigstens viele Dozenten kürzere oder auch längere Zeit im praktischen Rabbinerberuf gestanden und sich so ein klares Bewußsein von den Notwendigkeiten erworben hatten, die ihren Schülern dereinstmals im Berufsleben erwachsen sollten. Die Tatsache, daß die Dozenten mit ihren Familien im Anstaltsgebäude selbst wohnten, und jene oben erwähnte Zurückhaltung gegenüber aller Gemeindepolitik schloß das „graue Haus", wie das Seminar im Volksmund genannt wurde, ein wenig vom breiten Strom des allgemeinen öffentlichen Lebens ab. Diese Abschließung bewirkte einen engeren und innigeren Zusammenhang der Dozenten mit den Hörern und wiederum der Studenten untereinander. Es war wie das Zusammenleben einer großen Familie auf einer ein wenig abgeschiedenen Insel, die freilich auch ihre Verbindung mit der Außenwelt immer wieder fand natürlich auch liier nicht immer bloß völlige Uebereinstimmung aller Beteiligten, vielmehr auch gewisse Unterschiede, die hie und da in Erscheinung traten und im Zusammenstoßen oft gegensätzlich gestalteter Charaktere Bewegung in dem stillen Kreis hervorbrachten. Dessen Kleinheit hinderte nicht, daß auch ein besonderes Vereinsleben dort blühte. Da war es der Verein Liwjath-Chen, der von den Seminaristen gebildet und geführt, die Unterstützung bedürftiger Hörer in wirtschaftlicher Beziehung sich zum Ziele setzte. Der „Homiletische Verein" hieß die jungen, ja bereits die ganz jungen Theologen sich im schwierigen Amt des Predigens üben; die scharfe unerbittliche Kritik der Aelteren und der gleichaltrigen Kollegen hat manchem Kanzelredner die ersten Schritte seiner schwierigen Laufbahn gelenkt. Auch die Geselligkeit kam nicht zu kurz. Die früheste jüdische Studentenverbindung, die in der Art deutscher Studentenkorporationen gegründet worden ist, war die am Seminar existierende Vereinigung jüdischer Theologen „Amicitia". Sie hat über fünf Jahrzehnte bestanden und, wie ihr Name sagt, in den Jahren ernsten Studiums im Rahmen jugendhehen Frohsinns viele herzhehe Freundschaftsbande auf Lebenszeiten gestiftet. Die Nachkriegszeit hat diese Verbindung eingehen lassen. Das gleiche Schicksal ereilte den „Literarischen Verein jüdischer Theologen", der neben den gleichen Zwecken wie die Amicitia auch jüdisch-wissenschaftliche Ziele verfolgte. Wie eben angedeutet, hat die Nachkriegszeit in mancher Hinsicht umgestaltend und zerstörend eingegriffen. Die gegenwärtigen Kuratoren der Anstalt haben eine schwere verantwortungsvolle Aufgabe übernommen. Es galt die durch die Inflation zerstörte wirtschaftliche Grundlage wieder herzustellen. Die Herren Dr. Kober, Lacruer und Peiser haben sich ihrer Amtspflicht in vorbildlicher Weise gewidmet. Möge es auch den heutigen Dozenten gegönnt sein, die hohen Werte des Breslauer Rabbinerseminars unter veränderten Umständen zu wahren und, wenn möglich, zu steigern. Prof. Michael Guttmann wirkt jetzt als Seminarrabbiner in Breslau, und seine literarisdi-wissenschaftliche Tätigkeit reicht weit hinaus über den Rahmen seines Lehramts. Ebenso ist Dr. Albert Lewkowitz, der ReHgionsphilosoph, mit Arbeiten an die breitere Oeffentlichkeit getreten, in denen er die Beziehungen des Judentums zur Geisteswelt der neueren Zeit in eindringlicher und anschaulicher Weise darzulegen verstanden hat. Dr. Isaac Heinemann, der gebürtige Frankfurter, der hier einst als Lehrer gearbeitet hat, ist in unserem Kreise wohlbekannt. Aber in der ganzen deutschen Judenheit gilt sein Name als der eines ausgezeichneten Redners. Er ist heute der an der Spitze stehende Vertreter der Wissenschaft vom hellenistischen Judentum und bedeutungsvoll vor allem als Herausgeber der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentum s", jener Zeitschrift, die einst von Zacharias Frankel begründet, von Heinrich Graetz und dann von Marcus Brann Fortgeführt worden ist und gewissermaßen den Niederschlag der wissensdiaftlichen Arbeit des Seminars und seines Kreises in der Hauptsache dargeboten hat. Der Historiker und Bibelexeget unter den Dozenten, Dr. IsraelRabin, der ja eine Reihe von Jahren in Frankfurt gelebt hat, dieser vorzügliche Hebraist, schließe mit seinem Namen die Reihe der jetzigen Lehrer ab. Die Hörersdiaft des Seminars setzt sich heute vielfach auch aus jungen Leuten zusammen, die aus den Ländern des Ostens kommen. Sie wollen-im Verein mit ihren deutschen Kommilitonen bei der ehrwürdigen „alma mater" die geistigen Kräfte finden, die das Judentum aus seiner alten stolzen Vergangenheit in diese lebendige Gegenwart gerettet hat, um sie mit deutscher WissensdiaftÜchkeit zu durchleuchten und an die nahe und ferne Zukunft weiterzugeben. Mögen kommende Geschlechter einst wieder in Dankbarkeit den Ruhm des Breslauer Jüdisch-theologischen Seminars künden!