Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 4 (12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 131 (sequence 15)
- Language
- German
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1S1 Aber an anderer Stelle darf die Frage laut werden. Freilich ist es die ewige Frage, immer wieder gestellt, mit stets neugeformter, stets wieder zerbrechender Antwort. Die Frage nach der Ordnung, nach den Gesetzen, nach Bild und Grenze, und deren Zusammenhang, deren Geineinschaft mit den Mysterien: also ihrem Quellpunkt. Ist was wir sind, was uns umgibt, woraus wir wählend und rückstemmend in Tun und Leiden unsre Wirklichkeit sich aufbauen oder sie zerbröckeln fühlen, Widerschein, Abglanz, Schatten — oder zittert darin haüchhaft, wirbelt in seiner Mitte und allen seinen Teilen gleichfalls jenes „Jenseits der Worte"?? Immer wieder, durch alle Bedrängnisse hindurch, über alle Irrungen und Aengste hinaus, hat der Mensch diesen Zweifel überwunden. Das Erscheinen, Handeln, Wirken des Ewigen im Begrenzten nicht bloß als Einbruch, Aufhebung oder Lntrückung, nicht bloJi als Zeus vor Semele oder Himmelfahrt des Propheten, sondern als währendes, pulsendes, ein — und — weiterströmendes Bilden und Verklären, als „Siun-geben", das ist ureigendste, immer wiederkehrende Erfahrung alles Menschentums zu allen Zeiten. Eine Erfahrung, gleichfalls jenseits des Beweises und, auchsie die Angeln aushebend einer Vv e^t, jener dritten, der Sachwelt nämlich, die gänzlich im Bann der Kegel stockt, im Bann von Zahl und Messen und Verknüpfung, die nur sich selber kennt und kennen kann, und die immer wieder zersprengt wird. Dann fährt ein Sausen durch das Leben, wie im Eisgang türmt sich nochmals gewaltig auf, was nun weichen muH: aber schon beblümen sich die Fluren. Es sind Frühzeiten der Seele, der Einzelseele, und auch der von einem einzigen gleichgearteten Drang und Auftrieb erfaßten, aus dem gleichen Urgeist erstandenen oder erneuten Volkseinheit. So lange die erste Kraft noch nicht ganz vergoren ist, ausgeschüttet ist, kann sie stets wieder keimend den Rundlauf beginnen. Nie greift das Leben rückwärts, glüht aber ein Funke noch auf seiner Esse, dann steht seine Welt immer neu „Im Anfang". Nach Menschenmassen wird hier nicht gemessen, Formen zerbrechen. Haben wir es nicht rausdien hören durch die Wipfel des ältesten Menschheitsbaumes, sehen wir nicht Blüten hervorbrechen aus seinem übers ganze Erdrund gebreiteten Aestewerk? Das hebräische Menschentum hat heut eine Bühne in seiner eigenen Sprache. Zum ersten Mal, soweit wir wissen. Ein jüdisches Theater in den Sprachen des Galuth, den europäischen wenigstens, gibt es seit Jahrhunderten. Uralte Purimspiele sind erhalten oder bezeugt. Fahrige, gehezte, höhnische Handlungen, Furcht und Triumph zugleich. Engster Rahmen, doch voller Spannungen. Ueber das neuere und neueste jiddische Theater braucht hier nichts ausgesagt zu werden. Aber so wenig, von ganz gelegentlichen, rein literarischen durdiaus bühnenfernen Versuchen abgesehen, das hebräische Schrifttum ein Drama kannte, auch jetzt noch nidit kennt, so wenig, ja noch weniger, gab es die hebräische Scene. Nun haben wir sie, haben sie ganz rein, wie aus sich selber entstanden, aus zeugender Not. Wir haben Ha bim a: Ja, wir haben es, das hebräische Schauspiel, als Raum, als Bild, als Bewegung. Wir haben den hebräischen Sdiauspieler, Sprecher und Chor, haben den hebräischen Gestus in Gebärde, Rede und Widerhall. Vor allem haben wir die besondere hebräische Spannung zwischen Innen und Außen, das Gestoßenwerden, den Drang und die furchtbare Erschütterung. Wir haben also das hebräische Schaugebilde. Wir haben nur Habima, aber sie ist dennoch kein Einzelfall: aus fesselloser Hingabe geboren ist Habima dennoch nidit bloßes Willens- oder Wunschwerk seiner Träger. Diese selbst sind die Ausführer, wirklich die Dar-Steller von Kräften, die nach Form begehren. Wer über die Urbedingtheit des heutigen Hebräisch — gleichgültig wie es sich zur überlieferten Gottessprache verhalte — Zweifel hatte, der sehe, der höre Habima, Beides in Einem, denn Beides ist Eins. Er empfängt das Erlebnis einer durchaus hebräischen Scene (nicht einer ostjüdisch oder sonstwie gefärbten), eines Raumgefühls, eines Farben- und Lichtausdrucks, der von nirgendher stammt, rein aus sich selber stammt, er vernimmt und merkt das Hebräische als Hebräertum, verspradilichtes, verleiblichtes Hebräertum, mit der vollkommenen Sicherheit seines besonderen Fugs, besonderen Zwangs (vielleicht noch nicht, so früh ist's noch, der besonderen Freiheit), er spürt, er weiß: hier ist Hebräische Welt. Nur ein heutiger Spätling kann staunen, nur ein Unkundiger bemäkeln, daß diese Welt ihr Recht aus sich selber ziehe, nur sich woller daß wir zwar die hebräische Scene haben aber kein hebäisches Drama. Daß Habima übersetzte Stücke jüdischer und andrer Autoren „spielt" — nein, als rohen Stoff an sich reißt, knetet, durchfeuert, zum eignen Werke umschichtet und schmilzt, gerade dies, so es einer Stütze von außen bedürfte, wäre ein Zeichen der tiefen Notdurft des Geschehens Habima, des Vorganges, der Welt Habima. Immer und überall wo die Kräfte schaubar werden wollten, wo der Mensch sich selber erblicken wollte, überall wo es zur Scene kam (mit und ohne Aufnehmende; „Zu- Schauer", das ist ein Kapitel für sich) überall da gab es erstlich den Drang nach Verbildlichung, erstlich Wut und Gier der Darstellung. Der Selbstdarstellung, die nur sich wollte, preßte, hervorstieß, die sich selber trug, aJs eigenes Mysterium, die nichts ausdrückte, Bild war und Wiedergabe. I rn Anfang war die Scene, als Umgang, Gabe für den Gott, oder als volkhafter Ueberschwang. Dann erst, befruchtet durdi diesen Sturm und Stoß, konnte das Werk ersdieinen. Das Drama ist das Kind der Scene, nicht ihre Voraussicht. An dieser Stelle steht, in diesem Blick und Nu befindet sich Habima, die Hebräische Welt. Nur über ihre Echtheit kann schon gesprochen werden, ihre grundsätzliche Realität. So völlig Vorstufe ist sie, daß alle, auch der Klügsten Versuche sie einzuordnen, sie zu begreifen, aus dem Bestehenden, dem sonstigen Theater — oder — Schauwesen, haben scheitern müssen. Sie ist das einzige Zeugnis einer trächtigen Frühzeit, dem wir begegnet sind. Alle Hoffnungen, alle Pliantastik, alle Angst und alle Seligkeit der Sdiwangerschaft 'ist in Habima. Schon ist das Tor gesprengt, das aus dem Judentum führt in die Hebräische Welt. Wieder blicken wir in eine Verheißung. Das Breslauer Jüdisch-theologische Seminar. Ein Gedenkblatt zu seinem 75jährige'n Jubiläum. Von Gemeinderabbiner Dr. Arnold Lazarus.! ■ Es sind mehr als 50 Jahre, daß ich selbst mit dieser Anstalt, die ihre Jubelfeier am Anfang des Monats November 1929 begangen hat, persönlich verknüpft bin. Mein sei. Vater war Direktor des Seminars, als ich in diesem Hause geboren wurde. So übersehe ich im Rückblick fast die ganze Reihe der bedeutenden, vielfach berühmten Persönlichkeiten, die als Lehrer oder Schüler dieser Anstalt verbunden waren. Nur ihren ersten Direktor habe ich nicht gekannt, den früheren Dresdner Oberrabbiner Zacharias Frankel, der dem Seminar sein geistiges Gepräge gegeben hat; auch aus der ältesten Zeit einen der hervorragendsten Dozenten nicht, den großen Altphilologen Jakob Bernays. Aber fast mit all den anderen, die zum Seminar gehörten, hatte ich als Knabe oder als junger Mensch Berührung, mit vielen von ihnen auch näheren oder gar vertrauten Umgang. Welche Reihe von stolzen Namen! Unter den Dozenten: der weltbedeutende Historiker des Judentums Heinrich Graetz; die vornehme Persönlichkeit des vorzüglidien Pädagogen David Rosin; die eigenartige Erscheinung des scharfsinnigen Mathematikers B. Zuckermann; der Philosoph Jacob Freudenthal; der Nachfolger meines sei.Vaters, Seminarrabbiner David Joel; dessen Bruder der überragende Kanzelredner Manuel Joel; mein