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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-12-01 · 4 (12.1929) · p. Seite 133

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
4 (12.1929)
Date
1929-12-01
Page
Seite 133 (sequence 17)
Language
German
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133 Ludwig Lazarus Samenhof. Anläßlich seines 70. Geburtstages am 15. Dezembert1929 Von S. Meiseis. Von jeher hat die Sprachforschung zweierlei zu ergründen versucht: erstens ob es eine Ursprache gegeben habe, und dann ob eine Universalsprache möglich sei. Zu allen Zeiten haben Sprachkenner und Geschichtsforscher ganz ernsthaft Untersuchungen hierüber angestellt, ohne freilich etwas mehr als ein hypothetisches Ergebnis zu erzielen. Von Wissenschaft in strengem Sinne kann dabei nicht die Rede sein, da die Frage nach der Ursprache außerhalb jeglicher Erfahrungsmöglichkeit liegt und das Problem der sogenannten Pasilalie, der Allsprache, bisher nicht gelöst worden und offenbar unlösbar ist. Die Frage nach der Ursprache des Menschengeschlechts hat bereits im grauen Altertum die Menschen beschäftigt. Herodot weiß uns von einem Versuch zu berichten, den der ägyptische König Psammetich zur Lösung dieser Frage angestellt habe. Dieser ließ nämlich zwei Knaben abgesondert von allen Menschen erziehen, so daß kein Laut einer menschlichen Sprache zu ihnen dringen konnte. Damit sollte der sprachbildende Nachahmungstrieb bei den Kindern ausgeschaltet und sie sonach gezwungen sein, sich eine eigene Sprache zu erfinden: ihre selbsterfundenen Worte sollten darüber Aufschluß geben, welches die erste Sprache des Menschengeschlechts war. Es ist nicht uninteressant, daß auch die Weisen des Talmud die Frage erörtern, welche Sprache Adam im Paradiese gesprochen habe. Im Laufe der Zeiten wurde abwechselnd jeder einzelnen der orientalischen Sprachen die Ehre zuerkannt, die gemeinsame Ursprache der Menschen gewesen zu sein. Die moderne Sprachwissenschaft tut jedoch die „Ursprache" als eine Art Fabelwesen ab. Wird die Ursprache in das Reich der Fabel verwiesen, so die Universalsprache in das Reich der Utopie. Der Plan, ein „Lingua universalis" zu schaffen, stammt von keinem Geringeren als L e i b n i z, der allerdings nur eine allgemeingültige, jedem Denkenden leicht verständliche „philosophische Weltsprache'1 zu schaffen unternahm. Ganz anders verhält es sich mit den in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gemachten Versuchen, eine vorwiegend praktischen Bedürfnissen dienende Weltsprache zu schaffen. Bei diesem Plane war die Möglichkeit der Ausführung wohl gegeben, scheiterte aber zumeist an den allzu weiten Grenzen, die sich der Erfinder einer solchen Sprache gesteckt j hatte. Den meisten dieser Versuche war kein Erfolg bej schieden. Einzig das „V o 1 a p ü k" schien einen Siegeslauf I durch die Welt zu nehmen; es verschwand indes bald wie- \ der in der Versenkung. Das Volapük hatte sich von vorn- 1 herein als „Weltsprache" präsentiert und wollte offenbar mehr als vorwiegend praktischen Zwecken dienen. Der Erfinder des Volapük, Pfarrer Schleyer, war ein sprachkundiger Mann, ein Gelehrter, dessen Ehrgeiz danach strebte, eine Universalsprache im Sinne Leibniz', wenn auch nicht in seinem Geiste zu schaffen. Einen andern, bei weitem bescheidenem Weg beschritt Dr. Ludwig Lazarus Samenhof, der Erfinder des „Esperant o". Er bezeichnete das „Esperanto" nicht als eine Universalsprache, sondern als eine „internationale Hilfssprache"; Esperanto sollte nichts anderes sein als Mittel der Verständigung in der Welt des Verkehrs. Mit seiner Hilfssprache wollte Samenhof, nach seinem eigenen Geständnis, eine Brücke schlagen von Mensch zu Mensch und von Volk zu Volk; er -wollte ein Instrument schaffen, das die Menschen verschiedener Nationen, die aneinander vorbeireden, weil einer die Sprache des andern nicht versteht, näher zueinander bringt. Daß hier der Idealist nicht zugleich der Utopist war, beweist die Verbreitung des Esperanto. Ludwig Lazarus Samenhof wurde am 15. Dezember 1859 als Sohn eines Gymnasiallehrers in Bialystok in Litauen geboren. Wie einst Moritz Lazarus schon als Knabe von seinem damals gegen 3000 Einwohner zählenden, ungefähr in gleicher Zahl von Juden, Deutschen und Polen bewohnten Geburtsstädtchen Filehne den Keim zur Idee der Völkerpsychologie empfing — so empfing Ludwig Lazarus Samenhof aus den ersten Eindrücken seiner Kindheit den Gedanken an eine Menschen und Völker verbindende neutrale Welthilfssprache. Der Boden Litauens war wie eigens dazu geschaffen, die Idee einer internationalen Hilfssprache aufkeimen zu lassen. „In diesem kleinen Lande" — so schreibt ein hervorragender Esperantist in einer biographischen Skizze über Samenhof — „lebten fünf verschiedene Völker zusammen oder richtiger gegeneinander. Die angestammten Litauer besiedelten als Bauern das Land, die Polen saßen in Schlössern, Kirchen und Schulen, die Russen übten als Beamte und Militär die Gewalt aus, die Deutschen bildeten städtische Kolonien, und die Juden belebten als Handwerker und Handelsleute die Straßen. Jedes der fünf Völker betonte seine völkische Eigenart in Sprache, Glauben und nationaler Gesinnung. Es hatte sich eine Atmosphäre des Mißtrauens und der Feindschaft unter diesen Völkern gebildet. In diesem Milieu gewann Samenhof seine ersten Eindrücke." Hier auch kam ihm die Idee, durch eine neutrale Weltsprache die Annäherung der Völker praktisch zu verwirklichen. Und eben dieses Aufkeimen eines praktischen Gedankens aus edlem, höherem, rein sittlichem Antrieb ist für den Schöpfer des Esperanto höchst bezeichnend. Samenhof ist nicht auf Grund reicher Sprachkenntnisse und eingehender Sprachforschung zu der Idee einer Weltsprache gekommen, sondern umgekehrt: die' Idee, eine neue Weltsprache zu schaffen, veranlaßte ihn, sich durch Selbststudium Sprachwissenschaft und Sprachenkenntnis in reichem Maße anzueignen. Er war von Beruf Augenarzt; seine Studien lagen demnach ziemlich abseits von der Linguistik, sodaß man füglich sagen kann, er war von Berufs wegen zum Schöpfer einer neuen Weltsprache durchaus nicht bestimmt. Der Gedanke entsprang bei ihm vielmehr einem rein sittlichen Idealismus. Die Weltsprache Esperanto, diese eminent praktische Erfindung, die vornehmlich praktischen Zwecken dienen soll, ist das Werk eines Idealisten. Samenhof erkannte, daß die Menschen nie einander verstehen werden, wenn sie sich nicht miteinander werden verständigen können. Nach der ältesten Ueberlieferung war das goldene Zeitalter jenes, da noch „alle Welt einerlei Zunge redete" und unter den Menschen noch „einerlei Volk und einerlei Sprache" war. Die Vielheit der Sprachen wird in der Bibel geradezu als Fluch für die Menschheit bezeichnet, denn die Vielheit der Sprachen brachte Verwirrung in die Welt, da keiner des andern Sprache verstand. Aus solchen alten und neuen Erwägungen heraus schuf Samenhof sein Esperanto. Im Jahre 1887 wurde die neue Weltsprache der Oeffentlichkeit übergeben. Die Sprachgelehrten runzelten die Stirn und sprachen höhnend von der neuen künstlichen „Universalsprache", die gar keine Sprache sei, sondern eine zum Spiel erfundene Scheinsprache, die weder dem Dichter noch dem Gelehrten genügen könnte"; sie spotteten über den kindlichen Versudi, künstlich eine Sprache aus dem Rockärmel zu schütteln, und prophezeiten der neuen Weltsprache ein ebenso rasches Ende, wie es ihr Vorgänger, das verheißungsvoll entstandene und rasch verblichene Volapük, gefunden hatte. Es kam indes ganz anders: aus dem Spiel wurde ein Ernst. Esperanto machte riesige Fortschritte, und seine Anhängerschar wuchs von Jahr zu Jahr. Die Anwendungsmöglichkeit dieser Sprache wird heute von niemand mehr bezweifelt. Die internationale Hilfssprache Esperanto sprechen heute Hunderttausende. Auf dem letzten Esperanto-Kongreß in Nürnberg waren nicht weniger als 6000 Esperantisten aus 41 Nationen anwesend. Esperanto wird heute vielfach in Privat- und Staatsschulen gelehrt, Esperanto-Lehrbücher sind in der ganzen Welt in Millionen von Exemplaren verbreitet und überall in allen Ländern und fast in allen Städten, gibt es Esperanto-Vereine, wo der Esperantist aus der Fremde seine Sprachgenossen findet. Das ist der große Erfolg von Samenhofs Werk. Unter dem Decknamen „D oktoro Esperanto" hat Samenhof seine Weltsprache in die Welt geschickt, und lange Zeit wußte niemand, wer eigentlich dieser Doktor Esperanto war. Frei von jeder Eitelkeit, auf Dank und Anerkennung nicht erpicht, war Samenhof nur auf den Erfolg seines Werkes bedacht; um diesen Erfolg in keiner Weise zu beeinträchtigen, hielt er sich mit wohlbedachter Absicht im Hintergrund. Jahrelang hütete er sich, den Schleier seines Pseudonyms zu lüften. Er hatte dafür einen triftigen Grund und verfolgte damit einen löblichen Zweck. Auf dem zehnten Esperanto-Kongreß hat er sich selbst über diesen Punkt geäußert. Er meinte, als Jude habe er kluge Zurückhaltung üben müssen, um sein Werk nicht zu gefährden; als Jude, der allenthalben Mißverständnissen ausgesetzt und überall von Mißtrauen umgeben ist, habe er befürchten müssen, seine Erfindung zu diskreditieren, wenn der Name des Erfinders bekannt würde. Denn wie leicht hätte es kommen S. & D. LOWENTHAL Schillerstrasse 1 SILBERWAREN CHANUKA-LEUCHTER

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