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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-09-01 · 1 (9.1929) · p. Seite 12

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
1 (9.1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 lasset uns das Denken und Reden, wie es unser Aller Vater zum unveräußerlichen Erbgute beschieden, als ein unwandelbares Recht eingegeben hat. Bahnet einer glücklichen Nachkommenschaft wenigstens den Weg zu jener Höhe der Kultur, zu jener allgemeinen Menschenduldung, nach welcher die Vernunft noch immer vergebens seufzt. Belohnet und bestrafet keine Lehre, locket und bestechet zu keiner Religionsmeinung! Wer die öffentliche Glückseligkeit nicht stört, wer' gegen die bürgerlichen Gesetze, gegen Euch und seine Mitbürger rechschaffen handelt, den lasset sprechen wie er denkt, Gott anrufen nach seiner oder seiner Väter Weise und sein ewiges Heil suchen, wo er es zu finden glaubt. Lasset Niemanden in Euren Staaten Herzenskündiger und Gedankenrichter sein, Niemanden ein Recht sich anmaßen, das der Allmächtige allein sich vorbehalten hat. Wenn wir dem Kaiser geben, was des Kaisers ist. so gebet Ihr selbst Gott, was Gottes ist! LiebetdieWahrheit! Liebetden Frieden!" „Ich halte." schrieb Kant im August 1783, als er seinen „Jerusalem" gelesen hatte, an Mendelssohn, „dieses Buch für die Verkündigung einer großen, obzwar langsam bevorstehenden und fortrückenden Reform, die nicht allein Ihre Nation, sondern auch alle andere treffen wird. Sie haben Ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen gewußt, die man ihr gar nicht zugetraut hätte, und dergleichen sich keine andere rühmen kann. Sie haben zugleich die Notwendigkeit einer unbeschränkten Gewissensfreiheit zu jeder Religion so gründlich und so hei vorgetragen, daß auch endlieh die Kirche unserer Seits darauf wird denken müssen, wie sie alles, was das Gewissen belästigen und drücken kann, von der ihrigen absondere, welches endlich die Menschen in Ansehung der wesentlichen Religionspunkte vereinigen muß; denn alle das Gewissen belästigenden Religionssätze kommen uns von der Geschichte, wenn man den Glauben an deren Wahrheit zur Bedingung der Seligkeit macht." Die wohltätigste und nachhaltigste Einwirkung ist diejenige, die von einer edlen Persönlichkeit ausgeht' Die Thatsache, daß der Jude Mendelssohn zu den würdigsten Repräsentanten der Zeitbildung gehörte, daß man ihn mit den Besten seiner Zeit in freundschaftlichem Verkehr sah, daß, ein Lessing ihm vor den Augen der Welt die Hand zum dauernden Freundschaftsbunde reichte, die bLoße Existenz Moses Mendelssohns mußte die Scheidewand zwischen Juden und Christen in's Wanken bringen, mußte da, wo das überhaupt möglich war, das Vorurteil gegen die Juden schwinden machen. Der „Haflooh" und die Bibelübersetzung. Es ist oft behauptet worden, daß der unter dem Namen „Haflooh" bekannte Frankfurter Oberrabbiner Pinchas Horowitz, eine der größten taknudischen Autoritäten seiner Zeit, über die deutsche Bibelübersetzung Mendelssohns öffentlich den Bann verhängt habe. Diese Behauptung ist unrichtig, wie sich aus den nachstehend wiedergegebenen Darlegungen von Markus Horovitz (Frankfurter Rabbinen, Heft IV, S. 52 ff., ersch. 1885) ergibt. Ein Auszug aus der angeblichen Bannpredigt, der in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums (20. Jahrg. — 1871 — S. 465 ff.J abgedruckt ist, zeigt, daß diese Predigt sich viel mehr gegen W e s s e 1 y richtet. ,,... Moses Mendelssohn, der darin ein gleiches Geschick mit R. Nathan Adler hatte, daß er eine Umgebung besaß, deren herausforderndes Auftreten auch die gerechteste Sache hätte in schlechten Ruf bringen müssen, hatte den Pentateuch ins Deutsche übersetzt und zur Abfassung einer unter seiner Leitung gearbeiteten hebräischen Erläuterung mehrere ausgezeichnete Gelehrte vereinigt. Gleich nach dem Erscheinen des ersten Probebogens erhoben sich einige Stimmen gegen den persönlich von allen Seiten geachteten Philosophen und gegen sein bedeutsames Unternehmen. In Frankfurt schwieg man jedoch zunächst, was ja der Vorsicht, die R. Pinchas überall an den Tag legte, entsprach. Er wollte vielleicht das Erscheinen des ganzen Werkes abwarten, um sich ein genaues Urtheil zu bilden. Vollständig waren die Bücher Moses zwar erst 1783 erschienen, aber schon 1782 waren einige Theile, etwa bis zum dritten Buche in den Händen der Abonnenten. In Frankfurt hatte gleich diese erste Ausgabe nicht weniger als sieben und vierzig vorgemerkte Abnehmer. Ein Band nach dem andern war hierher gekommen, ohne daß der Oberrabbiner Veranlassung genommen hätte, etwas dagegen zu unternehmen. Da erschien von Mendelssohn ein „kleines' Schriftchen", in welchem ein Bibelvers in einer von der traditionellen Auffassung abweichenden Weise erklärt wurde. Dieser Erklärung vollständig entsprechend übersetzt Mendelssohn auch jenen Vers in seiner Pentateuch-Ausgabe, und ebenso enthielt die hebräische Erläuterung eine Begründung jener Auffassung- Das erregte die Unzufriedenheit R. Pinchas. Dazu kam, daß außer der scharfen Verurteilung, die die neue Pentateuch-Ausgabe in einigen deutschen Gemeinden, besonders in Altona und Fürth fand, auch in Wilna der Kampf gegen das Unternehmen Mendelssohns sich regte. Dort hatte man 1781 die Schriften eines Kabbalisten verbrannt und bald darauf die Theile des Mendelssohn'schen Werkes, soweit sie erschienen waren, öffentlich ins Feuer geworfen. In derselben Reihenfolge kamen die Kämpfe auch in Frankfurt, selbstverständlich in milderer, "weniger leidenschaftlicher Form. Fast um dieselbe Zeit, als R. Nathan Adler, dem Kampfe ausweichend, nach Boskowitz zu gehen im Begriffe war, trat R. Pinchas in die Bewegung gegen Mendelssohn ein. Im Sommer 1782 — es war am Dienstag, am Vorabend des Neumondes Tamus — hielt er vor der versammelten Gemeinde in der Synagoge eine Ermahnungsrede, die in flammenden Worten davon sprach, daß -von der neuen Pentateuch-Ausgabe dem traditionellen Judenthum eine Gefahr drohe, und daher jeder dieses Werk zui-ückweisen solle. Diese denkwürdige Rede unterscheidet sich von dem, was man von ihr erwarten dürfte, in zwei für Form und Inhalt besonders wichtigen Beziehungen. Einmal kommt in der ganzen Rede das Wort „C h e r e m", Bann, nicht vor. Der „große" Bann, das heißt die Ausschließung aus der Gesammfcheit, das Verbot, mit dem Gemaßregelten geschäftlich oder freundschaftlich zu verkehren, ist in Frankfurt überhaupt nicht zur Anwendung gekommen. Was hier unter „Oberem" gemeint war, ist, wie wir es schon öfter gesehen haben, nur eine Entziehung des Rechtes, bei öffentlichen religiösen Handlungen mitzuwirken und zu Festlichkeiten eingeladen zu werden, die eine religiöse Grundlage haben. — Aber auch in dieser milderen Auffassung wich der Oberrabbiner dem Worte aus. Allerdings spricht R. Pinchas gegen diejenigen, die diesen Pentateuch „gedruckt haben", in einem Tone, dessen Heftigkeit in keinem Verhältnisse zu dem steht, was an dem Werke thatsächlich getadelt wird. Allein in der Verurtheilung der Meisten, die damals als „Mitarbeiter" Mendelssohns sich ausgegeben und mit der Verbreitung des neuen Pentateuchs am Eifrigsten sich beschäftigt haben, herrschte eine solche Einmüthigkeit, daß selbst der Mann, der einen grundlegenden Antheil an dem Werke hatte, Salomo Dubno, der die meisterhafte hebräische Erläuterung zum ersten Buch schrieb, und bis an das Ende seines Lebens seine innige Verehrung für Mendelssohn treu bewahrte, 1789 schrieb: „Ich habe keine Ursache zu bereuen, mitgearbeitet zu haben, auch der erste Antrieb gewesen zu sein, daß Mendelssohn seine Uebersetzung drucken ließ. Jeder Einsichtsvolle erkennt den großen Nutzen für unsere Jugend, durch die schöne Uebersetzung und den Biur (Erläuterung) die Herrlichkeit des göttlichen Wortes würdigen zu können. Aber einige zur Ausführung des Werkes hinzugezogenen Helfer und namentlich diejenigen, welche man mit" der Expedition des ersten Buches Mosis an die Subscribenten betraut hatte, standen so sehr in Verdacht, das Joch der Thora abgeworfen zu haben, daß warlich geboten war, sich von ihnen zu trennen." Von weit größerer sachlicher Bedeutung jedoch ist, daß die Rede mit keinem einzigen Worte die deutsche Uebersetzung tadelt, daß das Prinzip, die heilige Schrift in ein gediegenes Deutsch zu übertragen, hier in keiner Weise eine Mißbilligung findet In dieser Rede steht dem Philosophen nicht eine bildungsfeindliche Leidenschaft, sondern der Scharfblick und die Ueberzeugungstreue eines großen Mannes gegenüber, der wohl sehr scharfe Worte ausspricht, aber die schärfsten unterdrückt, der das, was er für einen Angriff gegen das Heiligste hält, schonungslos geißelt, dabei aber es vermeidet, an dem Werke, das er tadelt, auch das einen Fehler zu nennen, was er nicht für einen Fehler hält. Er wendet sich in dieser Rede einzig und allein gegen die Auffassung, die das Bibelwort bei Mendelssohn gefunden hat und macht ihr den Vorwurf, die Erklärungen des "Talmud verworfen und die neuen eigenen Deutungen im Tone voller Sicherheit vorgetragen zu haben. Um diesen. Vorwurf zu begründen, führt R, Pinchas eine Stelle an, die er in dem erwähnten „kleinen Schriftchen" Mendelssohns schon früher gelesen hatte. Sie betrifft die Auffassung eines Wortes im dritten Buche Mosis, welche Mendelssohn auch in seiner Uebersetzung aufrecht hielt. Der betreffende Satz lautet bei Mendelssohn: „Du kannst deinem Nächsten Verweise geben". Eingeschaltet fügt der Uebersetzer hinzu: „Wenn er Dich be-

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