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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1929-09-01 · 1 (9.1929) · p. Seite 11

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
8 (1929-1930)
Issue
1 (9.1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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11 Mendelssohn als Deutscher und Jude. Auszug aus einer am 10. Januar 1886 im Philanthropinge h alt enenFestrede. Von Hermann Baervvald. — Noch Leibnitz klagte über die Untaugliehkeit der deutschen Sprache zur Behandlung philosophischer Fragen. Mendelssohn bewies durch seine Schriften, daß dem nicht so sei; er fesselte seine Leser durch die Klarheit und Anmut seiner Darstellung. Kant schreibt von Mendelssohns Schriften: „Wenn sich die Muse der Philosophie eine Sprache erkiesen wollte, so würde sie die Sprache Mendelssohns erkiesen". Gerade durch seine Schriften drangen die Ideen der Aufklärung in die weiten Kreise der Gebildeten, und er hatte ein Recht in seinen „Morgenstunden" es auszusprechen: „Nur unsere Muttersprache scheint diese Art von Ausbildung zu haben, daß sich die Sprache der Vernunft in derselben mit der lebendigen Darstellung verbinden läßt". Gleich in seiner ersten Schrift erhebt er seinen Tadel gegen die Gallomanie. „Werden denn," so ruft er aus, „die Deutschen niemals ihren eigenen Wert erkennen? Wollen sie ewig ihr Gold für das Flittergold ihrer Nachbarn vertauschen?" Ist es aber möglieh, so ganz im tiefsten Innern, nach seiner innersten Natur, mit ganzem Herzen und ganzer Seele ein Deutscher zu sein und dabei doch ein Jude? Kann man im Kreise derer stehen, von denen Lehre der Weisheit, Mahnung zu allem Guten, Anleitung zu allem Hohen und Edlen ausgeht, zu welchen die Besten im Volke aufblicken, um bei ihnen Belehrung, Rath und Trost zu suchen, kann man in diesen modernen Zeiten ein Lehrer in vollem und bestem Sinne des Wortes, ein Lehrer nicht bloß seiner Glaubensgenossen, sondern ein Lehrer des deutschen Volkes, ein Lehrer der Menschheit und dabei doch aus voller Ueberzeugung ein Jude sein? Diese Frage wurde von den großen Zeitgenossen Mendelssohns gar nicht erst gestellt, weder Lessing noch Kant noch auch Herder haben sie aufgeworfen, aber sie beschäftigte und beunruhigte doch manche Gemüter, und deren Wortführer wurde Johann Caspar L a v a t e r. Dieser, welcher auf seinen Reisen Mendelssohn in Berlin kennen gelernt hatte, übersetzte die Schrift eines Genfer Professors Bonnet „Untersuchung der Beweise für das Christentum" aus dem Französischen und ließ derselben eine Zuschrift an Mendelssohn Vordrucken, in welcher er ihn auf die allerfeierlichste Weise beschwor, „diese Schrift zu widerlegen, wofern er die wesentlichen Argumentationen, womit die Thatsaehen des Christenthums unterstützt sind, nicht richtig finde; sofern er aber dieselben richtig finde, zu thun, was Klugheit, Wahrheitsliebe und Redlichkeit ihn thun heißen — was ein Sokrates gethan hätte, wenn er diese Schrift gelesen und unwiderleglich gefunden hätte", d. i. die Religion seiner Väter zu verlassen und sich zu derjenigen zu bekennen, die Herr Bonnet vertheidiget Mendelssohn war durch diesen Schritt auf das Schmerzlichste verletzt. Er war Religionsstreitigkeiten durchaus abgeneigt. „Die verächtliche Meinung, die man von einem Juden hat", so schrieb er, „wünschte ich durch Tugend und nicht durch Streitschriften widerlegen zu können. Meine Religion, meine Philosophie und mein Stand im bürgerlichen Leben geben mir die wichtigsten Gründe an die Hand, alle Religionsstreitigkeiten zu vermeiden und in öffentlichen Schriften nur von den Wahrheiten zu sprechen, die allen Religionen gleich wichtig sein müssen." Wir aber müssen Lavater danken. Er lenkte Mendelssohns schriftstellerische Tätigkeit auf ein Gebiet, das er ganz beherrschte, auf welchem seine ganze Glaubensinnigkeit und Wahrhaftigkeit, seinß Menschenfreundlichkeit und Friedfertigkeit, seine Bescheidenheit und Tapferkeit zum vollen Ausdruck gelangten. „Die Bedenklichkeit, mich in Religionsstreitigkeiten einzulassen," so antwortete er Lavater auf seine Herausforderung, „ist von meiner Seite nie Furcht oder Blödigkeit gewesen. Ich darf sagen, daß ich meine Religion nicht erst seit gestern zu untersuchen angefangen. Die Pflicht, meine Meinungen und Handlungen zu prüfen, habe ich gar frühzeitig erkannt, und wenn ich von früher Jugend an meine Ruhe- und Erholungsstunden der Weltweisheit und den schönen Wissenschaften gewidmet habe, so ist es einzig und allein in der Absicht geschehen, mich zu dieser so nötigen Prüfung vorzubereiten. Andere Beweggründe kann ich hierzu nicht gehabt haben.....Wäre nach diesem vielfältigen Forschen die Entscheidung nicht völlig zum Vorteil meiner Religion ausgefallen, so hätte sie notwendig durch eine öffentliche Handlung bekannt werden müssen . . . Da sie mich aber in dem bestärkte, was meiner Väter ist, so konnte ich meinen Weg im Stillen fortwandeln, ohne der Welt von meiner Ueberzeugung Rechenschaft ablegen zu dürfen. Ich werde es nicht leugnen, daß ich bei meiner Religion menchliche Zusätze und Mißbräuche wahrgenommen, die leider! ihren Glanz nur zu sehr verdunkeln. Welcher Freund der Wahrheit kann sich rühmen, seine Religion von schädlichen Menschensatzungen frei gefunden zu haben? . . . Allein von dem "Wesentlichen meiner Religion bin ich so fest, so unwiderleglich versichert, als Sie oder Herr Bonnet nur immer von der Ihrigen sein können, und ich bezeuge hiermit vor dem Gott der Wahrheit, Ihrem und meinem Erschöpfer und Erhalter, bei dem Sie mich in Ihrer Zuschriften beschworen haben, daß ich bei meinen Grundsätzen bleiben werde, so lange meine Seele nicht eine andere Natur annimmt.- Mit Lavater söhnte sich Mendelssohn bald aus. Lavater nahm .seine unbedingte Aufforderung zurück, bat Mendelssohn um Verzeihung, und Mendelssohn beeilte sich, ihm in einem Schreiben zuzurufen: „Kommen Sie. wir wollen uns in Gedanken umarmen! Sie sind ein christlicher Prediger und ich ein Jude! Was thut dieses? Wenn wir dem Schafe und dem Seidenwurra wiedergeben, was sie uns geliehen haben, so sind wir beide Menschen. Wir wollen uns einander aufrichtig alle Unruhe vergeben, die wir uns wechselweise gemacht haben." Aber was von Lavater begonnen, wurde von Anderen fortgesetzt. Mendelssohn hatte sich neuer Angriffe zu erwehren. Er tat es in einer für alle Zeit mustergiltigen Weise. Was er von der Schrift seines Freundes Christian Wilhelm Dohm Hirschel Levin (Loebe ) 1721—1800) Oberrabbiner von Berlin, approbierte Moses Mendelssohns deutsdie Bibelüberseiznng ..Ueber diebürgerliche Verbesserung der Juden" sagte, das gilt von seinen hieher gehörigen Schriften: „Er schrieb weder für das Judentum, noch für die Juden eine Apologie, er führte bloß die Sache der Menschheit und verteidigte ihre Rechte. Ein Glück für uns Juden, wenn m;in auf die Rechte der Menschheit nicht dringen kann, ohne zugleich die unsrigen zu reklamieren. Der Weltweise aus dem achtzehnten Jahrhundert hat sich über den Unterschied der Lehren und Meinungen hinweggesetzt und in dem Menschen nur den Menschen betrachtet". Dies gilt besonders von der noch heute sehr beachtenswerten Schrift: „Jerusalem, oder über religiöse Macht und Judentum". Was dort über die Grenzen der Einwirkung des Staates auf die Religion, über bürgerliche und geistige Verfassung, weltliche und kirchliche Macht gesagt ist, hat eine weit über das Judentum und die bürgerlichen Verhältnisse der Juden hinausgehende allgemeine Bedeutung. Der erhabene Standpunkt des Verfassers und sein milder Sinn charakterisieren sich in den Worten, mit denen das Werk schließt: „Brüder," ruft er aus, „ist es Euch um wahre Glückseligkeit zu thun, so lasset uns keine Uebereinstimmung lügen, wo Mannigfaltigkeit offenbar Plan und Endzweck der Vorsehung ist. Regenten der Erde! Wenn es einem unbedeutenden Mitbewohner derselben vergönnt ist, seine Stimme bis zu Euch zu erheben, trauet den Räthen nicht, die Euch mit glatten Worten zu einem so schädlichen Beginnen verleiten wollen. Sie sind entweder selbst verblendet und sehen den Feind der Menschheit nicht, der im Hinterhalte lauert, oder suchen Euch zu verblenden. Es ist gethan um unser edelstes Kleinod, um die Freiheit zu denken, wenn Ihr ihnen Gehör gebt! Um Eurer und unser aller Glückseligkeit willen, Glaubensvereinigung ist nicht Toleranz, ist der wahren Diddung gerade entgegen. Um Eurer und unserer Glückseligkeit willen, gebet Euer vielvermögendes Ansehn nicht her, irgend eine ewige Wahrheit, ohne welche die bürgerliche Glückseligkeit bestehen kann, in ein Gesetz, irgend eine dem Staate gleichgültige R e 1 i g i o n s - m e i n u n g in Landesverordnung zu verwandeln! Haltet auf Thun und Lassen der Menschen, ziehet dieses vor den Richterstuhl weiser Gesetze und über-

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