Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 8 (4.1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- Seite 252 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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252 Nirgends ist in unseren heiligen Schriften der Geschlechtstrieb als ein Uebel, dessen Betätigung als sündhaft bezeichnet. „Alle Jenseitsreligionen sind geschlechtfeindlich", erklärt Leopold v. Wiese apodiktisch. Er hätte ruhig die jüdisch-monotheistische Religion als Ausnahme nennen sollen. Die jüdische Bibel kennt keine Verdammung des Animalisch-Kreatürlichen, kennt kein Asketenideal. Auch kennt die jüdische Staats- und Zeremonialverfassung, die von Haus, aus als eine agrarisch-hirtenmäßige Theokratie gedacht war, keine blutigen Eroberungskriege zum Zwecke der Erweiterung der Grenzen des Heiligen Landes. Das Judentum kennt keinen Imperialismus, keinen Panjudaismus. Demgemäß ist auch der Charakter ihrer Vorschriften und Feiern ein durchaus friedlicher. Ihr Zweck ist, das wird immer wieder im Pentateuch betont, die Menschen Gott näher zu bringen, Gottes Herrschaft auf Erden zu festigen. Wir können somit abschließend sagen: Die jüdische Religion und Zeremonialwelt hat keine Ursache, auf Grund der Auswirkungen der Psychoanalyse eine Revision ihres Glaubens- und Ritualbestandes vorzunehmen oder an der erzieherischen Kraft und Wertbeständigkeit der Thoragesetze zu zweifeln. Sie kann die Psychoanalyse als Forschungsmethode in vollstem Sinne bejahen und begrüßen, muß sich jedoch vorbehalten, ihre subjektiven Hypothesen von Fall zu Fall zu prüfen und eventuell abzulehnen. Die Neuorganisation der offenen jüdischen Wohlfahrtspflege. Von Julius Bloch, Vorsitzender der „Jüdischen Wohlfahrtspflege". Fritz Reuter läßt >an einer Stelle Onkel Bräfig sagen: „Die Armut kommt von der Po wert eh." Man brauchte also nur die Armut aus der Welt zu schaffen, und die Frage wäre gelöst. Solange Menschen in Gemeinschaft leben, gibt es Arm und Reich. Ebenso lange wartet man auf die Lösung dieses mit der Menschenwürde so eng verbundenen Problems. Die uns rühmlichst bekannten j ü d i s ch e n S o z i a lg e se tz e suchten die^Lösung schon frühzeitig. Zedokoh zu empfangen, ist ein Anspruch der Bedürftigen an >die Besitzenden. Die Abgabe des Zehnten vom Gewachsenen und Erworbenen, die Neuverteilung des Besitzes im Jobeljahr, die Befreiung der Sklaven, all dies waren soziale Großtaten. Die Juden, in aller Welt zerstreut, hatten gleiches Leid, gleiche Bedrängung von außen erfahren. Die Verbundenheit des Glaubens, die gegenseitige Verantwortlichkeit, hat sie unauflöslich verkettet. Das nahe Zusammenwohnen in den Gassen und Gäßchen des Ghettos hat dieses Gefühl verstärkt und vertieft. In Frankfurt konnte in alten Zeiten die Armut leichter behoben werden als dies heute der Fall ist: Viele lokale Einrichtungen sind durch Stiftungen und Legate geschaffen wordm und haben, um der jüdischen Not zu steuern, segenspendend und vorbildlich gewirkt, nicht nur für Frankfurt, sondern weit über seine Grenzen hinaus. Werfen wir einen Blick zurück, so finden wir in den Akten der Gemeinde, daß im Jahre 1473 zwölf zahlende Mitglieder vorhanden waren, während in dem Armenhaus der Gemeinde, dem eine Verwalterin Vorstand, 23 erwerbsunfähige Menschen liebevolle Verpflegung fanden. Das 16. Jahrhundert, das auf so vielen Gebieten neu und umgestaltend wirkte, brachte eine Persönlichkeit zur Geltung, Rabbi A k i b a-F ra n k f u r t. Er rief einen Verein nach dem andern ins Leben, so daß der nicht lange nach ihm wirkende David Gans in ihm den Begründer des Vereinswesens überhaupt sah. In der gleichen Richtung betätigte sich Rabbi Joseph Hahn im 17. Jahrhundert. Von ihm wurde der Hausbettel untersagt, da das jüdische Gesetz jede entwürdigende und beschämende, erniedrigende Wohltätigkeit verbietet. Im Jahre 1635 hatte der Gemeindevorstand den Beschluß gefaßt, daß die verschiedenen Almosens er Walter der Ge- Qeäenkt dei allen kreudiZen ^nlä88en cZer ^ücliscken VVokttakrtspfleZe Frankfurt a. Postscheckkonto Nr. 54893 meinde sich täglich versammeln sollten, um sich von ihrer Tätigkeit untereinander zu verständigen, damit kein Würdiger benachteiligt werde und kein Zudringlicher den Vorteil habe. Wir haben also hier schon den G eda n k e n d e r Z e n t r a l i s a t i o n der einzelnen Zweige als Mittelpunki der Wohltätigkeit, — ein Stück 20. Jahrhunderts im alten Wohlfahrtswefen. Die Gemeinde ist der Träger der Wohlfahrt. Markus Horovitz erwähnt in seiner Schrift über Wohltätigkeit ein Gutachten, das ein Rabbi Isaak aus Wien über Frankfurt abgibt: Frankfurt habe mustergültige soziale Einrichtungen jeder Art, aber keine ausreichende Verwendung für die Armenspenden ini Orte selbst, da es keine Armen gäbe. Die Folge war, daß der Wohltätigkeitssinn sich in die Ferne richtete und den Blick schärfte für die großen Angelegenheiten der Gesamtheit. Diese Verhältnisse haben sich leider so gründlich wie möglich geändert. Einrichtungen und Stiftungen edler Menschen und Geber, die segenspendend arbeiteten, sind heute verarmt und sogar zu einer Belastung der Gemeinschaft geworden. Von den weit über hundert noch 1914 vorhandenen Vereinen, Stiftungen und Institutionen sind die Vermögen vernichtet; nur noch wenige können sich weiter betätigen, trotz unermüdlicher Anstrengungen. Die Verantwortung ist gewachsen: Die Geber von gestern sind Nehmer von heute. Große Geber, die oft in wenigen Stunden auf dem Plan waren, jüdischer Not hier, im Inland und Ausland mit großen Summen zu steuern,, die das Vorbild aller Schichten der Gemeinde waren, sind verarm:, wie heute der große Teil des Mittelstandes. Der wirtschaftliche Schwerpunkt hat sich auch durch Wegzug verschoben, und Frankfurt droht immer mehr Provinzstadt zu werden. Die notwendigen Mittel fehlen, die alten Methoden reichen nicht mehr aus, wogegen die Not gestiegen ist. Die Not der Alten, die Not des M i t t e l st an d e s mit der Kapitaleinschrmnpfung im Handel und Gewerbe, die Not derer, die aus dem Beruf herausgerissen und arbeitslos sind, die Not der Kinder, die Zukunft der Gemeinschaft verlangt, daß große Mittel aufgebracht werden, denn groß ist die Zahl der Kinder, die heute die richtige Erziehung und Pflege entbehren. Und was gibt es Schöneres, als den Kindern zu helfen! Früher konnte trotz der Zersplitterung, trotz oem Gegeneinander und Nebeneinander der vielen Vereine, Einrichtungen und zuständigen Stellen der Not begegnet werden. Jetzt bedeutet eine solche Zersplitterung eine nicht zu verantwortende Kraftvergeudung, einen Leerlauf an Arbeit und gutem Willen, ein Unrecht an denen, die unsere Hilfe gebrauchen. Die Einsicht und Not der Stunde gebot, planmäßig in der Wohlfahrts- Pflege vorzugehen, der Zersplitterung der konkurrierenden Organisationen ein Ende zu machen, die Verärgerung der Geber zu vermeiden, um den weiteren Rückgang der Einnahmen zu hemmen. Gleichartige oder ähnliche Arbeitsgebiete dürfen nicht mehr ohne Fühlungnahme von mehreren Stellen zugleich mit unnötigem Zeitverlust betrieben werden. Im Interesse der Bedürftigen muß jeder Leerlauf bei der Betreuung wegfallen. Grundsätzliche Regelung für ein einheitliches Arbeiten war zu schaffen. Verwaltung und allgemeine Aufgaben, die jede Organisation für sich löste, mußten zentral an eine Stelle gelegt werden, um zu vermeiden, daß an vielen -Stellen Zeit und Kraft für die eigentliche Wohlsahrtsarbeit verloren geht. Es mußte ein tatsächlicher Mittelpunkt zur Vereinigung der Kräfte und Mittel geschaffen werden. Der Jdealzustand in budgetärer Hinsicht wäre die Uebernahme der sozialen Fürsorge durch die Gemeinde resp. die Gemeinden, wie es schon im 16. Jahrhundert der Fall war. Das ist aber aus begreiflichen Gründen heute noch nicht möglich. Die Notwendigkeit der planmäßigen einheitlichen Wohlfahrtsarbeil hatte man bei der Schaffung der Zentrale für jüdische Wohlfahrtspflege schon frühzeitig erkannt, aber auch dieser Gedanke brauchte zu seiner Durchsetzung lange Zeit. Nach endlosen Verhandlungen auf langem Leidensweg kam man Schritt für Schritt vorwärts. Dem einheitlichen Gesamtbemühen gelang es schließlich, bei der Offenen Jüdischen Wohlfahrtspflege die Grundlage zu schaffen. Der Notwendigkeit einer Aenderung konnten sich die großen Organisationen der offenen Wohlfahrtspflege endlich nicht mehr verschließen. Fördernd wirkte, daß die Jsrae- Ls Ildt ksirvsn. dssssrsn.-vns WMMMM