Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 8 (4.1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- Seite 253 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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elitische Gemeinde zu erkennen gab, daß sie ihre Subventionen, nur einer geordneten zentralen Wohlfahrtspflege zur Verfügung stellen werde. Die Verwaltung der Gemeinde nahm starken Anteil an der ideellen Führung der Wohlfahrtspflege, indem sie fünf Mitglieder aus Vorstand und Gemeindevertretung in die Leitung entsandte, unter der ausdrücklichen Betonung, daß die Gemeinde nur einen Zuschuß geben könne, daß aber die Grundlage der Frankfurter Wohlfahrtspflege auch weiterhin die Opferfreudigkeit und das Verantwortungsgefühl der Gemeindemitglieder bleiben müsse. Die Bestrebungen, mit der Israelitischen R e I i g i o n s g e s e l l s ch a f t ans dem neutralen Boden der Wohlfahrtspflege zusammenzuarbeiten, mußten bis zur Wahl des neuen Rabbiners dieser Gemeinde verschoben werden; zwei Sitze im Vorstand sind für ihre Vertreter freigelassen, während eine Reihe von Persönlichkeiten aus diesem Kreis wie bisher in den Kommissionen mitarbeiten. Die Offene Jüdische Wohlfahrtspflege Frankfurt a. M. ist neu gegründet. In ihr sind zusammengefaßt: 1. Die Zentrale für jüdische Wohlfahrtspflege, 2. der Almosenkasten der Israelitischen Gemeinde, 3. der israelitische Hilfsverein nnd seine Abteilungen, 4. die Wirtschaftsbeihilfe, 3. die Weibliche Fürsorge, Abteilung offene Fürsorge, 6. Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose unter den Juden. Statt dieser sechs Systeme wird in Zukunft e i n System gute und Zielsichere Fürsorge gewährleisten. Eine glückliche Ergänzung bildet die Jüdische Leihkasse, die in Verbindung mit der Darlehenskasse für Handwerker und Gewerbetreibende arbeitet und 35 000 Mark von der Gemeinde als Betriebskapital erhielt; die übermäßige Inanspruchnahme der Wohlfahrtspflege soll durch diesen organisierten Kleinkredit vermieden werden. Die auf dem Gebiete der Offenen Jüdischen Wohlfahrtspflege tätigen Organisationen vereinigen sich unter Beibehaltung ihrer Aufgabenkreise, die sie bisher als einzelne Organisationen bearbeitet haben und jetzt als Abteilungen der Gesamtorganis-ation bearbeiten. Aus den Vertretern dieser zusammengeschlossenen Organisationen und den Vertretern der Gemeinde ist ein Vorstand gebildet, welcher der Mittelpunkt der gesamten jüdischen Wohlfahrtspflege ist. Die Aufgaben dieses Vorstandes sind: 1. Die Vertretung der jüdischen Wohlfahrtspflege gegen- ' über den Behörden. 2. Die bürotechnische Regelung des inneren Dienstes. 3. Der Weiterausbau des Wohlsahrtswesens in Frankfurt. 4. Die Erledigung der Geschäfte der einzelnen Organisationen, die bisher von verschiedenen Stellen für sich ausgeführt wurden: so Propaganda und Sammlung von Geldmitteln. Die Gesamtverantwortung liegt bei dem Vorstand, in welchem jede Organisation vertreten ist. Dem Vorstand untersteht die Geschäftsführung durch Beamte, welche die Arbeiten des Vorstandes büromäßig erledigt, und der die Durchführung laufender Aufgaben obliegt, d. h. die der Verwaltung, der Propaganda, Geldbeschaffung und dergleichen. Die bewährten und besonders geeigneten ehrenamtlichen Kräfte in jeder Organisation werden ihre Arbeiten weiterhin leisten und sich für die gesamte offene jüdische Wohlfahrtspflege betätigen. Wir müssen an a l l e S ch i ch t e n unserer Bevölkerung herantreten, damit sie das ihrige zur Linderung der Not tun, denn es ist nur ein gewisser, nicht allzu großer Teil der Frankfurter Judenheit, welcher die einzelnen jüdischen Organisationen unterstützt hat. Aber eine wirksame Fürsorge kann und soll nicht auf einigen wenigen Schultern ruhen, sondern auf der breiten Basis der Gesamtheit. Infolge des festgestellten Rückgangs der Einnahmen genügt die Zahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter nicht mehr. Es werden derer weit mehr benötigt, auch um die erforderlichen Mittel zum Ausbau der modernen Wohlfahrtspflege zu schaffen. Es ist notwendig, daß im Propaganda- und Sammelausschuß Vertreter aller Stände und Gesellschaftskreise mitarbeiten. Der aufopfernden Tätigkeit Einzelner ist es bisher gelungen, auch in den schwierigsten. Zeiten der Inflation fast Unmögliches zn leisten, um die Mittel hcrbei-zubringen. Aber die Drganisatwn muß. in der Lage sein, einen Haushaltsplan aufstellen zu können, und sie bedarf hierzu der festen monatlichen und jährlichen Einnahnien, nicht nur gelegentlicher Spenden. Wir wollen die Gemeindemitglieder, die bis jetzt mit Briefen und Ausrufen überschüttet wurden (vergl. die an anderer Stelle dieser Nummer abgedruckte Zufchrift an das Gemeindeblatt), an diefe regelmäßigen Beiträge gewöhnen und 3000 Steuerzahler, die bis jetzt abseits standen, für uns gewinnen. Jeder soll an seine Pflicht erinnert werden, denn wer heute Geber ist, kann morgen Nehmer sein. Es gibt soviel Gelegenheit, bei Feiern und Festen freudiger und ernster Art, der Aermsten zu gedenken. Jeder muß so viel geben, wie es in seinen Verhältnissen steht, denn auch Besitz verpflichtet. Wir wollen auch dahin wirken, wie es früher hier Regel war und in Amerika und England Sitte ist, daß bei den Testamenten, ob es sich um große oder kleine Vermögen handelt, dicse mit einem Legat für wohltätige Zwecke eingeleitet oder geschlossen werden. Die Tätigkeit der Jüdischen Wohlfahrtspflege Frankfurt a. M. muß so bekannt werden, daß diese Erkenntnis Allgemeingut wird. Die für die Offene Jüdische Wohlfahrtspflege bestimmten Mittel dürfen nur an die Zentralstelle abgeliefert wer den; spezielle Wünsche der Geber für besondere Zwecke werden erfüllt. Bei der Schwierigkeit und der Vielfältigkeit der Wohfahrtsarbeiten kann der Einzelne die beste Anwendung der Mittel kaum beurteilen. Auch die Hilfsbedürftigkeit ist leichter zentral festzustellen, und die berechtigten Ansprüche an Stadt und Staat sind leichter durchzusetzen. Die Bearbeitung der einzelnen Fälle erfolgt diskret in der zuständigen Abteilung der Offenen Jüdischen Wohlfahrtspflege. Die Abteilungen sind in ihren Aufgabenkreisen scharf voneinander getrennt, jedoch hängen sie organisch zusammen durch ihre Verbindung mit der Geschäftsstelle und dem Vorstand. Fünf Fachabteil u ngen sind gebildet: 1. Abteilung Allgemeine Fürsorge. Sie wird die umfangreichste Abteilung der neuen Fürsorgestelle sein. Sie muß Beihilfen zur Linderung allgemeiner Not zur Verfügung stellen, Mieten aufbringen, damit Hilfsbedürftige nicht aus ihren Wohnungen herausgesetzt werden. Sie muß weiterhin versuchen, in Verbindung mit anderen in Betracht kommenden Stellen Sanierungen durchzuführen. Die Beschaffung von Wanderscheinen, die Abwendung der Durchführung von Zwangsvollstreckungen und ähnliches gehören in ihr Gebiet. Zur Zeit betreut diese Abteilung 1555 Fälle mit 2600 Personen und einem Aufwand von 165 000 Rm., von denen die Israelitische Gemeinde allein 105 000 Rm. beisteuert. Das Defizit der Abteilimg berrägt zirka 60 000 Rm. 2. Abteilung Jugendfürsorge. Die Fürsorge für Kinder und Jugendliche steht dieser Stelle zu. Schutz vor körperlicher und erzieherischer Verwahrlosung, zweckmäßige Unterbringung in geeigneten Pflegestellen oder Heimen, Verschickung zur Erholung, gerichtliche und außergerichtliche Vertretung der Unehelichen durch die Sammelvormundschaft, sind die wichtigsten, wenn auch nicht alle Aufgaben dieser Abteilung. Die Abteilung bearbeitet zur Zeit 1030 Fälle mit einem Kostenauswand von 135 000 Rm. 3. Abteilung Sonderfürsorge. In ihr werden die Fälle Erledigung finden, die wegen ihrer besonderen Art in den anderen Abteilungen nicht bearbeitet werden können: a.) Anträge auf Studienzuschüsse für Studierende und in der Ausbildung begriffene Lehrer; b) Maßnahmen für Strafgefangene, Entlassene, Gefährdete; o) Anträge Tuberkulosekranker auf Verschickung in ein Heim. Der Bedarf beläuft sich zur Zeit auf 30 000 Rm. 4. Abteilung Wanderfürsorge. Ihr steht die Erledigung der Fälle der DurchWanderer zu: Unterkunft und Verpflegung im eigenen Heim, Ausgabe von Fahrkarten, Beschaffung fehlender Ausweispapiere. — Produktive Arbeitsfürsorge. 5. Abteilung Kasse. Zentralstelle für sämtliche Eingänge und Ausgänge, Gesamtbuchhaltung für alle Abteilungen, Generalkartei, durch welche alle seitherigen Geber an alle Organisationen erfaßt und bearbeitet werden. — Sie ermöglicht den Ueberblick über den Ausbau des Sammlungs-. und Beitragswesens. Die technische Durchführung der Arbeit erfolgt in allen Abteilungen in derselben Weise. Die Abteilungen sind in der Hauptsache, und vor allem an den wichtigsten Stellen, mit beamteten durchgebildeteten Sozialarbeitern besetzt, die ihren schweren Dienst mit größter Hingabe leisten. Die Abteilungen haben die Fälle zu prüfen und die Verhandlungen mit den Stellen der öffentlichen Fürsorge zu führen, kürz gesagt, die Falle so vorzubereiten, daß der in jeder Abteilung vorhandene Ausschuß aus ehrenamtlichen Kräften