Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 7 (1928-1929)
- Issue
- 8 (4.1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- Seite 251 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/3094266-3094336-3094343--1759-3096492- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
uns im Unterbewußtsein als mit' diesen 'betbrecherischen Artrieben mitbehaftet fühlen sollen, und daß diese Urtriebe nach Art der Zwangsneurose manchmal beim heutigen Geschlechte noch den Dürchbruch zum Bewußtsein erzwingen, daß in uns Angst, Reue, Zerknirschung und Schuldgefühle ' hervö'rgerüfen werden, die auch bei uns die Form von Gebeten. Bitten um Gnade und Vergebung für sündhafte Wünsche usw., kurz alles, was wir Religion und religiöses Bekenntnis nennen, zur Folge haben sollen. Ist -wirklich '-die Angstneürose die Quelle aller Religionen und aller' religiös-ethischen "Webräuche? "Wirken bei der Hinwendung zum Göttlichen nicht noch ganz andere als Urhorden-Jnstinkte in uns mit: Das Bedürfnis nach dem Metaphysischen, nach der' Hingabe an ein Unendliches, "Zeitloses, Heiliges, Gnadenvolles und Vollkommenes,' die Erlösüngssehnsücht, die Sehnsucht nach der Versenkung im Absoluten u. a. m.? Ist es nicht eine doktrinäre Verirrung, anzunehmen, daß Urtriebe, Urinstinkte, wenn auch auf primitiver Stufe der Menschheit vorhanden, in alle Ewigkeit im Unbewußten dynamisch existierend fortwirken und niemals bis zu einem solchen Grade sublimiert werden könnten durch Erziehung, Gewissenszucht und kategorische Grundsätze, so daß der Normale und Gesunde — und das ist die Mehrzahl der Menschen — sich frei vbn ihnen erklären und demgemäß Händeln könnte? So wie es ^erworbene" Eigenschaften der Rasse gibt, so muß es doch auch wohl umgekehrt Triebe und Anlagen geben können, die, im Urtypus vorhanden, im Jahttausende währenden Kampfe der Kutturmenschheit gegen sie verloren gehen oder doch wenigstens unwirksam gemacht werden. Ist es nicht vor allem ein grundlegender Irrtum aller Freudschüler, daß sie große und allgemeine Phänomenkomplexe des Seelenlebens ganzer Völker, alle Aeußerungen religiös-ethischer, metaphysischer, künstlerischer Natur aus einige wenige Triebe, Zumeist Sexualtriebe, zurückführen wollen Und dabei meist die aus' pathologischen Fällen gewonnenen Resultate zur Erklärung normaler Erscheinungen und täglicher Seelenprozesse in oft gekünstelter Weise heranziehen? -Doch diese und andere Zweifel und Fragen sind mehr theoretischer Nätur und betreffen nur'die Genesis, die Entstehungsgeschichte der Religionen. Bedenklicher wird es/wenn die Psychoanalytiker ihre Lehren auf das Praktisch -R e l i g iöse übertragen .und Forderungen an die 'Religionsgemeinschaften stellen. ^Freud fordert (in seiner ,)ZukUnft einer Illusion") 'die r a d i k ä l e B e seitigung ' der Religion aus ^dem Erziehüngsplane der Jugend. Da die Zeremönien aller 'Kirchengemeinschaften (auch der jüdischen) nach Freud nur dadurch entstanden find, „daß und welche Primitive Triebe, die gesellschaftsfeindlich sind, beherrschbar-gemacht Werden sollten" (f. den Aufsatz vbn Dr. Karl Landauer in dieser Nummer), da die kirchlichen Feierlick)keiten nichts sind als zweckhäfte gesellschaftliche Funktionen und menschliche Konventionen, so sollten sie für uns Kinder des 20. Jahrhunderts, die wir ihren zwangsideenhaften Ursprung erkannt haben, doch 'endlich abgeschafft werden. Die religiösen Zwangsverbote sollten doch' endlick) 'Wen! 'Rationale' Förderungen, wisseUschästlich-wirtschaM Exaktheit sollte "doch endlich an Stelle angeblich gottgewollter -Ge- und Verbote Ansporn Unseres sittlichen Handelns werden. Manbelüge unsere uaend öor ^Mem nicht mit symbolischen-Ve^ MtMndigen^MltÄr^öWrMn. 'Freud 'fordert "den r i-m a t d e r V e rn u n f t in der'Erziehung d'es^ Kindes. Man lehre es niemals etwas,-was es nicht mit der Vernunft 'begreifen-kann, lehre ' stets nur das Mützkiche/"Bern«ÄW:t»räße"hmt^»AbwÄMg aller Jenseitsforderungen. „Erziehung zur Realität" sei das Losungswort alles künftigen Erziehungswerkes! Die Gefahren des bisherigen Erziehungssystems und der religiösen Praxis erblickt Freud darin, daß die Religion bei ihren Bekennern die natürlichen Triebe nicht nur einzudämmen und umzuleiten suchte, sondern „man maßte sich an, sie zu vernichten und (bis auf die' wenfgenWchgMMten^ie sie Mlimieren) zu verleugnen". Wir haben an "MAer'Stelle (Jeschurun, 15. Jahrg., Heft 11/12) im Gegensatz zu "Freuds'Behauptungen auszufuhren versucht, daß die modernen Külturreligiönen, namentlich die jüdische, weit entfernt, eine Gefahr für die geistige - Entwicklung der Jugend zu fein, 'die größten Förderer schöpferischer Kräfte in allen Geistesbestrebungen und Errungenschaften der Menschheitskultur gewesen, 'ja daß das ' Erziehungswerk der Menschheit ohne die Religion/d. h.' ohne^Beziehüng zu Gott, in ihrer heutigen Gestali m'ndeitkbar wäre. -Man kann Mt gutem Recht behaupten, daß gerade"die' größten'schöpferischen Leistungen der Kunst: Literatur, Musik,' Baukunst, Malerei, In ihrer Beziehung zu Gott, im'Widerstreit für oder gegen eine Gottesidee entstanden sind (man denke nur an das biblische Schrifttum und die durch es erzeugten religiösen Genies, an den Buddhismus, die Mystik, die Faustidee; man denke nur an die Schöpfungen der biblischen Malerei, Musik, die antike Baukunst, die beim Tempel begann, u/ a. m.). -Ohne die Voraussetzung eines transzendenten VollköNtmenheitsideäls,' öhne das 'Streben nach dem Geheimnisvollen, Ewig-Idealen, nach einem Unfaßbaren, ünmechanistisch Numinösen als schöpferischer Triebkraft, ist kein Schöpfungsakt des Künstlers denkbar. Völlig verfehlt aber wäre die Verwirklichung der Freudschen Forderung (die'Frvud wdhl ernstlich auch nur als Platonische Idee, als Versuch bei einzelnen Schülern durchgeführt wissen möchte), die Religion aus dem Erziehungsplan der Schule eliminieren und den Primat des Intellekts, die Lehre vom Nützlichen, d. h. eine natürlich e Morallehre, an deren Stelle zu setzen. Kein nüchternes Moralisieren kann auf die Dauer das Herz des'Mndes ausfüllen, die Anschauung und die intuitiven Kräfte in ihm wecken. Das Moralpredigen und Anpreisen guter Handlüngen und Gesinnungen hat noch lange nicht die Weckung von Motiven und 'tatgebärenden Willenskräften zum Guten im Kinde' zur Folge und kann das Seelenleben des Kindes nicht in dem Maße befruchten, wie es d i e B ibe l 'mit ihren ahnungsreichen und ihren in UUerreichbärer Fülle und Tiefe sich darbietenden M'en'schen- - ündj''BoÄWern für den Gläubigen tut. Landauer spricht von dem unnötigen Kraftaufwand und den allzuvielen und drückenden Bindungen, die für die Gemeinschaft (durch die'Religionen?) geschaffen werden zur Meidung von SchädigunHn'än-der kulturellen Gemeinschaft und am Einzelmenschen. Die Folge'-dieses Systems Von Festungen und'Umzäunungen der sich gegenseitig bekämpfenden Menschheit seien Kriege und Massenmorde, die Millionen Verschlingen, die besser zur Bekämpfung der Tuberkulose usw. verwendet werden könnten. Soll dieses ein BoÄckirf'seW Hege'n die^vön der Religiön, speziell der jüdischen R e l i g i ö n, geschaffenen gesetzlichen Umzäunungen und Eindämmungen der Sinnentriebe, so trifft er nicht zu: Nie und nirgends ist im Namen der jüdischen Religion ein religiöser Krieg oder 'Mord Vorgeschrieben worden, nie gewaltsame Bekehrung. Seit SO ^Ä^l-Sn Sll^S U^ vÄU^s' ÄllSN Ws^Sti k^ttviii 5n.^L^ok^r«<.z s