Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1927-04-01 · 8 (4.1927) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
5 (1926-1927)
Issue
8 (4.1927)
Date
1927-04-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3094266-3094312-3094319--0946-3095659
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

anderseits vonseiten der Chabiru auf alles Böse gefaßt sein mußte, sich über die in Gosen,-demEingangstor von Palästina nach Ägypten, wohnenden israelitischen Stämme große Sorgen machen und sprechen mußten „wenn sich Krieg ereignet, wird es sich unsern Feinden anschließen und gegen unZ kämpfen" (II.W. M. l,10.), Waren doch die Israeliten, welche die Ägypter meist nur unter dem Namen „Ebräer" kannten, nicht nur Vettern, sondern auch Namensvettern der Chabiru-Ebräer. Nun ist der Anreiz, die Chabiru, die uns die Amarna-Urkunden in Palästina kämpfend und erobernd zeigen, mit Israels Kriegführung unter Josua zu identifizieren gewiß begreiflich. Allein zu dieser Annahme ist kein Anlaß vorhanden. Denn „Ebräer" wurden sämtliche semitische Bewohner der Länder westlich des Euphrats genannt. Außerdem stellt diese Identifizierung die ganze biblische Geschichte auf den Kopf. Die in den Amarnabriefen gemeldeten Chabiru-Ebräer-Kämpfe liegen weit mehr als ein Jahrhundert vor dem Auszuge Israels aus Ägypten. Wer die Chabiru waren, und in welchem Verwandschaftsverhältnis sie zu Israel gestanden haben, darüber zu handeln ist hier nicht der Ort. Jedenfalls haben sie, wie wir sahen, Israels Geschick am weitesten beeinflußt, denn sie haben die Verschärfung des Druckes der Pharaonen indirekt veranlaßt. Sethos I. hat Israels Sklaverei verhärtet, wie ausseiner Inschrift deutlich herauszulesen ist. An seinem Hofe wird Moses großgezogen worden sein, was die Berechnung der Jahre ergibt. SeinSohn und Nachfolger,RamsesII. der für deninnern Ausbau seines Landes Unvergleichliches geleistet hat, muß tatsächlich Hunderttausende von Menschenkräften beschäftigt haben. Seine Nilkanäle, Tempel, Riesenstatuen u. s.w., zu denen gewaltige Steinkolosse von den entferntesten Steinbrüchen herbeigeschleift werden mußten, werden die sklavisch arbeitenden Menschenmassen geradezu aufgerieben haben. Die Reste seiner Schöpfungen bezeugen uns alles, was die Bibel von ihm meldet. Von den beiden Städten, die er von den Israeliten bauen ließ. „Pithomund Ramses" (II. B. M. 1, l 1,) ist die erstere wieder gefunden worden, und ihre Bloßlegung hat auch die „Vorratshäuser" zutage gefördert Die Stadt Ramses, deren Lage noch nicht feststeht, ist in inschriftlichen Liedern vielfach besungen und beschrieben, in denen die Menge der Fische, Gurken, Zwiebeln sowie der andern Leckerbissen, deren sich.die Israeliten in der Wüste lechzend erinnerten, besonders.hervorgehoben werden. Diese Stadt wird dort als die Residenz dieses Königs gerühmt. Hier ist der Punkt, auf den mit Nachdruck hingewiesen werden muß, weil er nirgends e?wäl)nt wird, und weil er die Überlieferungstreue der Bibel in besonderem Maße bewundern läßt. Sämtliche Pharaonen der 18. wie der 19. Dynastie haben nämlich in dem fast 1<>0 Meilen südlich der Provinz Gosen liegenden Theben residiert, nur Ramses hat aus Gründen, die wir kennen,,seinen Sitz nach der hier benannten Stadt verlegt. Dies haben wir erst aus den Inschriften erfahren. Die biblische Geschichte läßt aber in jedem Satze erkenen, daß der König mit Moses und den Hauptmassen Israels in derselben Stadt gewohnt haben muß. (Vergl.besonders II.B.M. 12,30u. 37.) Auch die berühmten inschriftlichen Arbeitsbescheinigungen, in denen über die von den „Ebräern" geleistete Arbeit, sowie über die von ihnen empfangenen Lebensmittel quittiert wird, und die aus der Zeit dieses Ramses herrühren, sind gleichfalls hervorzuheben. Ramses der jung ans den Thron kam, und über 90 Jahre alt geworden ist, hat fast 70 Jahre lang regiert, sein Vater kaum 20 Jahre und im 7. Regierungsjahre seines Sohnes Menephta waren die Israeliten nicht mehr in Ägypten. Auch dies stimmt mit der mündlichen Tradition überein, wonach die verschärfte Knechtung nur 86 Jahre gedauert hat. Die weitere Frage, unter welchem Pharao der Auszug Israels aus Ägypten stattgefunden habe, ist ein anderes Problem und bedarf gesonderter Behandlung. 2 pessachbräuche Von Sr. Max Grunwald (Wien) Da kein jüdisches Fest so reichlich mit Sitten und Bräuchen ausgestattet ist, wie Pessach, liegt es nahe, bei den Juden verschiedener Länder Umschau zu halten, inwieweit sich diese Pessach- .bräuche bei ihnen unterscheiden. Ans ihrer Kindheit berichtet Pauline Wengeroff über die Pessachfeier in ihrem Elternhause. Nach dieser Schilderung, die im wesentlichen noch heute für die aschkenasischen Juden gilt, begann in Litauen schon am Tage nach Purim die Zurüstung des Pessachsestes. Es wurde ein Fah „gekaschert", d. h. gründlich gereinigt, um über die Dauer des Festes vor jedem Stäubchen „Chamez", d. i. Ungesäuertem, bewahrt zu bleiben, unld «darin wurden die Rüben sür den „Barscht", eine säuerliche polnische Suppe aus roten Rüben, angesetzt, -die in dem knappen „pessachdigen" Speisezettel einen breiten Raum einnahm. Dann wurde Mehl geprüft, um das beste für die „Mazzot" zu bestimmen. Einen Tag vor dem Neumond Nissan nähte man für dieses Mehl einen Sack, der gleichfalls sorgfältig von allem Chamez ferngehalten werden mußte. Alles im Hause, Eltern, Kinder und Gesinde, wurde zu dieser wichtigen Pessachvorbereitung herangezogen. Nachdem man das Mehl in Töpfen abgemessen hatte, verwahrte man es in dem eigens dafür hergestellten Sacs an einer Stelle, der niemand mit Brot oder anderem Chamez nahen durfte. Mit einem Weißen Ueberzuge über den Kleidern siebte man das Mehl, wobei das Sprechen verboten war, damit ja kein Tröpfchen in das Mehl falle. Nun wurden die großen Kisten gescheuert, die später die Mazzot aufnehmen sollten, ebenso alle Tische und Bänke, sowie alle Spinde, in die man dann Bretter und Tücher oder frisches Papier einlegte. Selbst Bücher wurden auf Chamez untersucht. Alles Metallgerät warf man in ,e>inen großen Kessel. Man legte rotglühende Eisenstälbe oder glühende Kohlen hinein und goß zuerst heißes, dann kaltes Wasser darüber, bis der Kessel überlief. Danach wurde alles aescheuert und blank geputzt, bis es funkelte. Am Vorabend des Neumonds Nissan wurde aus dem Fw-sse oder Brnnnen das Wasser zumMazzotbacken geholt. Da dies als große „Mizwa" aalt, beteiligten sich alle männlichen Personen des Hauses daran. Das Wasser goß man in aroste Halbster, die mit Leinwand überzoaen waren. Gleichzeitia „kascherte". d. h. alüht«' man den Backofen ans, und zwar mit bartem, harzigem Holz, das man den Winter über zu diesem Zwecke gesammelt hatte. Am nächsten Moraen beaann das Mazzotbacken. Um einen langen, mit Blcchplatten bedeckten Tisch standen Frauen, di? den Teia mit RallbölZern bearbeiteten. Eine andere war unansaesekt mit dem Kneten des Teiges, eine weitere mit dem Backen beschäftiat. Das „Radeln", d. b. Löchern der Mazzot. besnraten Mannsversonen der Familie. Die Hausfrau prüfte di? Mazzot, ob nicht die eine oder die andere ausaebacken, d. b. „chamez" aeworden sei und warf ein Stück Mazza als „Challa" iu den Owi. Nachdem auch für Festkleider und alle Wirtschaftsanaelegenbeiten. die für das Fest in Betracht komen. gesorat worden war, kam am Bortaa des Festes das „Bedikat Cbämez" an die Reibe. Was sich an Brotr->sten noch im Hause befand, mußte binaus-- aeschafft werden. Man umwickelte einen hölzernen Löffel und einiae Gänsefedern mit einem weisen Lappen, und beim Schein eines Wachskerzchens suchte abends nach dem Abendaebete der Vater, nachdem er einen bestimmten Segen gesvrockien batte. mit den Söbnen das aanze Haus nnch Chamez ab. . Mo sich ein Krümchen findet, wird es mit den Federn in d-m Löffel gescharrt und in einen Lappen gebunden. Um zu Verbindern, dak Mäuse oder .sonst wer etwas von diesen Krümeln im Hause verstreuen könnte, 'befestigte man das Päckchen etwa an einem Hänaeleuchter. Damit die Suche nie ohne Erfolg bleibe, leat die Hausfrau selbst vorher Brotstückchen an bestimmte Stellen bin, und zwar an 10 Stellen, entsprechend den 10 Plagen Aegvptens. Am nächsten Moraen wird das Chamez. in manchen Gegenden zusammen mit dem Lulab vom letzten Hüttenfest, wieder mit einem entsprechenden Seaen, verbrannt, alle Cbamez-Geräte werden auf den Boden geschafft und das Pess^chaeschirr von dort heruntergeholt. Ein männliches Familienmitalied stellt, wäbrend die Frauen andere Teile des Seders zubereiten, aus Aepfeln, Walnüssen und Zimt das Cbarosset her, das an den Lebm erinnern soll, aus dem die hebräischen Sklaven in Aegypten Zieael zu kneten hatten. Man füllte damit beim Seder hier und da kleine silberne Schiebkarren, um das Svmbol noch zu steigern. Auf den Sedertisch kamen u. a. die Schmura-Mazzot, auch „Mizwot" aenannt, die vom Schnitt des Getreides an unter beständiger Obhut gestanden hatten. Bei ihrer Herstellung werden hier und da alte Etroqim und das Laubdach der Sukka verwandt. Auf den Sessel für den Vater breitete man zur Linken das sog. Hessebett laus dem Hebräischen, eiaentlich „Hassiba-Bett^, auf das er sich beim Seder „üchnen" sollte. Mit dem Nahen des Abends legte alles seine 'besten Kleider und den wertvollsten Schmuck an. Die Hausfrau, sowie sämtliche Töchter über 12 Jahre, zündeten wie am Freitagabend Kerzen an. Vor dem Sitze des Vaters brannten zwei besonders kostbare Kerzen, die sog. Ma-nischtana-Kerzen, weil bei ihrem Schein das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.