Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 5 (1926-1927)
- Issue
- 8 (4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3094266-3094312-3094319--0947-3095660- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
jüngste Kind bei Tisch die bekannten vier Fragen stellte. Auch das'Gesinde nahm am Seder teil, der Unterschied zwischen Herrn und Diener war an diesem Abend aufgehoben. Nachdem man zum vierten Male die Becher gefüllt hätte, wurde auch in den großen silbernen Pokal in der Mitte der Tafel, den Becher für den Propheten Elia, Wein gegossen. Man glaubt, der Prophet komme ungesehen herein und nippe an dem Becher, und wenn sich nur die Oberfläche des Weines ein wenig bewegte, galt dies den Kindern als Zeichen, daß der Prophet zugegen sei. In manchen Gegenden lehnt man vor dem Oeffnen der Tür eine Ofengabel an sie. Sobald diese dann mit Gepolter umfällt, rufen die Binder: „Der Elia Hanowi und der Moschiach kommt". Zum Schluß ^ang der Vater mit den Söhnen das „Hohelied" vor. Das Mittagmahl bestand aus den vier traditionellen Gängen: gefülltem Truchahnhals, der Jahreszeit entsprechenden Gemüsen, Pfefferfisch und Knödeln. Am zweiten Abend aß man: Brühe oder Borscht und gekochtes Geflügel. Braten gab es nicht, weil die Seroa, das gebratene Beinfleisch, auf dem Tische stand. Der Aphikoman mußte noch vor Mitternacht verspeist werden. Bei manchen Juden wird er wie ein Talisman auf Reisen mitgenommen und zwischen die Wäsche gelegt. Grones Unheil entstand, wenn man im Geflügel etwa ein Hafer- oder Gerstenkorn entdeckte. Das ganze Geschirr konnte dadurch unbrauchbar werden. Um besonders im Verkehr mit der nichtjüdischen Nachbarschaft stets des Chamezverbotes eingedenk zu bleiben, trägt man da und dovt ganz Pessach ein Stückchen Mazza in der Hand. Nach den alten Statuten der Gemeinde Kuttenplan m Böhmen wird die Reihenfolge des Mahlens des Ostermehles nach dem Los bestimmt. So wie es aus der Mühle kommt, muß es, um die Armen nicht z>u beschämen, sofort in das Gemeinidehaus. Niemand darf es vom Wagen in seinem Hause Maden. In der Kahalstube bezahtt jeder fein Mehl, worauf es ihm ausgehändigt wird. Beim „Mazz-abacken" legt man in Polen und anderwärts besonderes Gewicht darauf, den „ersten Ofen" zu bekommen, lder als besonders rein und „koscher" galt. Da Pflegte die Hausfrau schou in aller Frühe in das Backhaus zu gehen, um die Arbeiter zu überwachen und aufzumuntern. Diese Leute waren in der Mehrzahl keine ständigen Bäckergesellen, deren ja nicht genug für den vorübergehenden austerordentlichen Bedarf gab, auch würden sie nicht gleichmäßig entlohnt, sondern je nach Art ihrer Tätigkeit als Kneter, Schieber und „Rödler" nach einem eigenen Tarif. In Böhmen, ebenso in Unaarn und anderen Ländern, wird der Mazzateig mit dem Ruppelholz. d. h. kleinen zuaespikten Stäbchen, durchlöchert. Der ,Mehriner" saus dem Mittelhochdeutschen) mißt das Mehl dem Kneter zu, dieser reicht den Teig dem Schiester, d. h. dem Bäcker, der gewöhnlich ein Richlinde ist. Das Verbrennen des Chamez auf dem Friedhof, oder wo sonst diesev Akt stattfindet, ist ein Gaudium für die Kinder, die jubelnd die Flamme nmtanzen. In manchen Orten ging am Vorabend des Erew-Pessach der Schammes von Haus zu Haus, um Wachskerzen zum ChameKattelin auszuteilen. Er erhielt dafür Eier. Am nächsten Morgen, beim Einsammeln des Chamez, wurde er neuerdings mit Eiern bezahlt. Das Chamez wurde gegen 10 Uhr mit Resten vorjähriger Mazza, Kochlöffel und Federn verbrannt. AuH am Erew-Pessach, ebenso wie am Erew-Jom Kippur, versammelten sich in der Vorhalle der Synagoge die Vorsteher des Armenvereins und der Beerdigungsbruderschaft. Auf Tischen waren die „Pinkase", d. h. die Schuldbücher, aufgeschlagen. Wer seine Rückstände nicht beglich, wurde zum Kaufen der Ehrenverrichtungen an den weiteren Sabbaten und Feiertagen nicht zugelassen und durfte das Jomkippurlicht im Tempel nicht aufstecken. In Pole> n trägt der Hausherr am Seder den Weißen Sterbekittel. Er ist der „Melech" (König), die Hausfrau die Malka" (Königin). Um den Durchzug Israels durch das Rote Meer zu veranschaulichen, nimmt in manchen Gegenden Polens der Hausherr vor der Mahlzeit ein Bündel an einem Stock über den Rücken und schreitet durch ein Wasser, das die Hausfrau in der Mitte des ungedielten Bodens ausgeschüttet hat, oder man springt über ein Schaff voll Wasser. Ein wesentlicher Bestandteil des Speisezettels an Pessach sind die Mazzaklöße in der Suppe und der bereits erwähnte Borscht- Auf dem Mittagstisch paradiert die Mazzakugel. Das Gänsefett für Pessach wird schon seit Chanukka vorbereitet. Zur Erinnerung an die Söhne Hamans, die nach der Ueberlieferung am zweiten Tage Pessach -am Galgen endeben, ißt man an diesem Tage Ochsenzunge. Dagegen genießt man im Monat Nissan keine Linsen, weil sie ein Zeichen der Trauer sind; mit Eiern überschlagene Mazzot, Chrim.sel, Ladkes, Klimpe! (aus Zucker), Johannisbrot und andere Leckereien bilden einen Ersatz für die einfallenden Mehlspeisen, Meth wird aus Honig, Hopfen und Hefe vom Borjährigen hergestellt, allgemein nimmt man zum Fleisch Meerrettich, das Bitterkraut des Seder. Manche merkwürdigen V o ük s b e l u st i g u ng> e n sind in Böhmen mit dem Fest verbunden, z. Bdas viel mißdeutete Verbrennen einer Strohpuppe, die der „chomezdige Borchu,, genannt wurde, und vielleicht eine Analogie zum „Winteraustragen" darstellt. Eine andere Belustigung wird aus Eisen sta dt berichtet, wenn ein Ziegenbock als Erstling bei einem Juden geboren worden war, also nach der Tradition nicht geschlachtet werden durfte. Ein solcher Ziegenbock war gewissermaßen unantastbares Gemeindeeigentum, er weidete herrenlos auf dem Friedhofe, lief Wohl auch frei in der Gasse herum und verursachte den Gemüsetzändlerinnen und Hausfrauen manchen Aerger. Am letzten Tage Pessach bemächtigte sich nun seiner die Jugend, putzte ihn mit KleideTN, Bändern, einem Hute usw. festlich auf und jagte das Tier mit lautem Hallo durch die Gassen. (Vergl. den „Pfingstochsen" .und die Entstehung des Wortes „Tragödie" vom griechischen „tragos" Bock.) Bei den Bergjuden im Kaukasus wird im allgemeinen das Pessachfest nach demselben Ritual wie bei den westlichen Juden gefeiert. Die Mazza, ziemlich dick und rund, wirD mit Beimischung von Erbsenmehl, gebacken. Für den „Aphikomen" wird eine besondere, nicht große, aber sehr dicke und harte Mazza gebacken. Hülsenfrüchte und insbesondere Reis sind erlaubt. Tee trinkt man mit Rosinen und Datteln. Zum Abendessen während der ersten Abende des Pessachfestes bereitet man als Pessachopfer Geflügel, nicht selten aber auch ein ganzes Lamm. Das Lesen der Haggada beginnt mit den Worten „Kaddesch ur' chaz", die bekanntlich bei uns nicht gelesen werden, sondern nur als Programm- Punkt dienen. Während des Lcsens des Stückes, dessen Verse mit dem Worte „dajjenu" endigen, bewaffnen sich alle Anwesenden mit jungen Zwiebelstengeln, mit denen sie einander scherzend schlagen Das bei uns übliche Austropfen des Weins an gewissen Stellen der Haggada ist hier unbekannt. Das Haggadalesen selbst geschieht langsam, mit Unterbrechungen, während derer man Wasserpfeifen raucht und an Blumen, Orangen und anderen Früchten, an Rosenwasser u. dergl. riecht. Das letztere geschieh: speziell, um die Gelegenheit zu haben, den entsprechenden Segen!-.- spvuch herzusagen. Nach Beendigung der Haggada nimmt man irgendeinen Gegenstand auf die Schultern, einen Stab in die Hand, und begibt sich in das Haus des Nachbars, wobei sich folgender Dialog entwickelt: Auf das Anklopfen an die Tür fragt der Nachbar: — Ki'jst? (Wer ist dort?) — Israel. — As kudscha omadi? (Woher bist du gekommen? — As Misraim. (Aus Aegypten.) nsw. in entsprechender Art. il- >v Bei den Jemeniten begännt man auch schon am Tage nach Purim mit den Vorbereitungen für Pessach. Man weißt oie Wände, scheuert sorgfältig den steinernen Fußboden und die Mahlsteine der Handmühle. Das Getreide für die Mazzot wird Körnchen für Körnchen von alten Frauen gemahlen, das Mehl schichtweise zwischen grüne Kräuter gelegt und zugedeckt. So bleibt es zweimal vierundzwanzig Stunden liegen, bis es ganz weiß geworden ist. Am Sabbat vor dem Feste wird d'en Gemeindemitgliedern vom Rabbiner eingeschärft, auf die jungen Frauen zu achten, daß sie die Vorschriften über das Chamez nicht übertreten. Beim Gottesdienste am ersten Abend wird im Wechselgesang ein Psalm vorgetragen und von der Gemeinde das Halleluja wie ein Triumphruf laut wiederholt. Im Hause werden dann die Lampen angezündet, und man bespricht religiöse Gegenstande, während in der Küche die Mazzot gebacken werden. Eine Frau hält in der linken Hand ein Gefäß mit Wasser, mit der rechten knetet sie den Teig mit Zusatz von Salz, das Wasser dazu aus jenem Gefäße aufgießend. Vom Hausherrn oder einem anderen Mann wird vor der Tür ein Hammel geschlachtet. Dann richtet man auf einem niedrigen Tische den Seder an. In einem Kreise häuft man bis zu einer Höhe von 50 Ztm. Rüben, Lattich und Petersilie an. In diesen Kreis stellt man Töpfe mit den Festspeisen. Die Petersilie soder Sellerie) wird hier nicht, wie sonst im Orient und Okzident, ,in Essig getaucht, sondern, zu Kugelin von Olivengröße geballt, in das „Charosset" das aus 13 Ingredienzien: Datteln, Aepfeln, Mandeln, Sesam, Nelken u. a. besteht. Der Hausherr zerbricht eine Mazza, hüllt sie in ein Tuch, legt dies auf die Schulter und zieht damit im Hause umher, so den Auszug aus Aegypten darstellend. Bei den Worten „kamma maalot" setzen sich alle um den Tisch herum und halten ihn in die Höhe. Bei dem Worte „Za.sjsnn" läßt man ihn fallen. Nach dem „seb.'koen" wird das Hohelied rezitiert. Es folgen: „TebaZ ini joäea" und „ebacl xaäja". Die 8 Tage des Festes werden gleich streng gehalten. Zur Thora. ruft man junge Leute und Kinder auf, wie auch am Sabbat als sechster stets ein Knabe aufgerufen wird. Sobald das Kind lesen kann, wird es als Mitglied der Gemeinde betrachtet. Das Wort ,M fikoma n", das aus dem Griechischen stammt uud bei uns das Stück Mazza bezeichnet, das die Kinder Verstecken, um es vom Vater gegen ein Geschenk auslösen zu lassen, fassen die Jemeniten anders aus. In der Tossefta heißt es: „Man beschließe das Pessachfest nicket mit einem Afrkoman, z. B. Nüssen, Datteln oder gerösteten Körner." Dementspvechen zerlegen die Jemeniten das Wort Afikoman in seine Buchstaben und betrachten diese als Anfangsbuchstaben der hebräischen Worte: e^sim (Nüsse), xeiot (Früchte), Z^in (Wein^, kollotb. (geröstete Getreide- . körner), raaM (Wasser), ubassar (und Fleisch), verÄÄira (Mit Narden parfümiert^. In den Kiddusch fügt man dort einen