Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 35 (31.8.1928)
- Date
- 1928-08-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT iiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiüiiiiiiiiiiü« Seite 5 bilden das ständige und hier besonders eindringlich mahnende: „Memento morü", das auf das große Leichenfeld gleich nebenan hinweist. — Und dennoch — alle diese Mumien, die oft aus ganz ungeahnten Tiefen ans Tageslicht befördert wenden müssen — deren Körperbau noch ab und zu wirklich Spuren einer vergangenen zionistischen Tätigkeit aufweist (besonders kenntlich an hypertrophisch entwickelten Mundhöhlen und vorzüglicher Durchbildung des Handgelenkes), haben eine charakteristische Eigenart, die sie von allen sonst im ägyptischen Museum zu Kairo, oder sonstwo deponierten Mumien und Ausgrabungsreliquien ganz wesentlich unterscheidet. Sie sind nämlich nicht ganz tot! Sie sind nur sozusagen zionistisch tot! Und manchmal auch nur zionistisch partiell tot. Nämlich überall dort, wo eine zionistische Leistung, eine zionistische Tat, ein zionistisches Opfer gefordert wird. — Aber es gibt Augenblicke im Leben dieser traurigsten aller Mumienerscheinungen (da in ihnen zum Unterschiede von anderen Mumien wirklich einmal etwas wie Idealismus vorhanden gewesen sein soll!), wo sie nicht erst der liebenden und vorsichtigen Hand des Archäologen bedürfen, um noch einmal Sonne tiber die toten Leiber strahlen zu lassen — wo ein ganz eigenartiges Regen und Surren und Summen in diesen toten Körpern beginnt und sie sogar aus ihren Gräbern aufstehen und — arbeiten! Arbeiten!!! — Und dieses Wunder vollbringt aufs neue, wie der Frühling in der Natur, die Wahl in diesem Totenreich. So oft nur irgendwo in dieser Welt gesellschaftlicher Ordnung und Organisation SteMen ausgeschrieben werden — sei es in der Kehilla, der kleinen, die auch K u 1 tu s gemeinde, oder der großen, die auch Stadtgemeinde geheißen wird— da beginnt ein Drängen und Hasten und Jagen, sie stehen auf aus ihrem Schlafe, schütteln die Arbeitsmüdigkeit, die wie A 1 b d r u c k auf ihnen lastet, wie im Spiele aus den morschen Gliedern und laufen, laufen! Laufen, bis sie außer Atem kommen, damit ja keiner zu spät komme! „Kultur? Neues jüdisches Leben in Erez Israel? Menschheitsprobleme? Uebermenschliche Opfer einer idealistischen Jugend? Was hat all dies mit Mumien und Leichnamen zu tun! Laßt uns schlafen! Wir haben unsere Pflicht erfüllt. Wir waren treue Abonnenten aller jüdischen Blätter, wir haben sogar jährlich vier Kronen in der Keren-Kajemeth-Büchse gehabt. Wir waren auf Kongressen — und Herzl schon hat uns die Hand gedrückt: Wir haben hier in diesem Orte alles gegründet — was Sie nur wollen. Waren Präses, Vizepräses! Sogar getanzt haben wir manchmal für Erez Israel — aber jetzt, lieber Bruder Archäologe, lasse uns schlafen — den wohlverdienten Schlaf!" Das ist das Raunen, das all dies morsche Gebein durchweht, wenn die bei aller Liebe doch immerhin etwas rücksichtslose Hand des Archäologen in die Ruhe der zionistischen Gräber greift und die Mumien kitzelt! „Aber wie doch, Brüder?" fragt der in seiner Eitelkeit etwas verletzte Archäologe, „wie doch? Wenn ich komme, wenn ich frische Luft und Sonne in eure Grüfte bringe, Euch wieder ein bißchen ans Leben zerren will — dann schreit Ihr nach Schlaf und Ruhe! Und wenn die Wahlen komrn e n, Kehilla, Stadt, Land, Reich usw., dann, was ist dann? War-um. werdet Ihr aus eigenem Willen dann lebendig? Warum braucht Ihr dann keinen Archäologen, der Euch sanft wieder ins Leben befördert? Warum eilt Ihr dann hin beflügelten Fußes aus Euren Gräbern, so ganz von selbst, wie von einem inneren Impulse getrieben!" „Weil wir", — tönt der düstere Chorus dunkler Grabstimmen, wie verrostet unter der Patina der Zeit — „weil wir doch — zionistische Interessen zu vertretenhaben! Das jüdische Volk ist bedroht! Wir müssen seine Wirtschaft schützen! Unsere zionistische Pflicht ist es, hier das politische Leben zu entsumpfen! Wir leben ja hier und nicht in Erez Israel! Die Steuern, Bruder Archäologe, die Steuern, Sie utopistischer Herr Gesinnungsgenosse, verstehen Sie! Wir erfüllen hier zionistische Pflicht! Wir sind die Chaluzim der Politik!" Das ist der Refrain meiner Zwiesprache mit den Seelen der hingeschiedenen Zionisten, die eigentlich nur scheintot sind — und unter den eben erwähnten Umständen zu produktivem Leben erwachen! „Und Sie glauben, Herr Kollege," sagt mir ein liebenswürdiger Bruder vom Fache, den ich ab und zu auf meinen wissenschaftlichen Streifzügen begegne, „Sie glauben, Hert Kollege, daß nur Ihr Arbeitsfeld in der Slowakei heute so ergiebig ist und solches zu Tage fördert? Lieber Herr Kollege, ich habe schon größere Ausgrabungen, auch in anderen Ländern gemacht — aber es scheint mit geringen A us nahmen überall das gleiche zu sein. Sie stehen mit Ihren sensationellen Entdeckungen nicht allein! Leider!" (Was ich auch in tiefstem Forscherschmerze stöhne, da es für einen Forscher, auf welchem Gebiete immer, ungemein schmerzlich ist, mit seinen Ergebnissen und Resultaten nicht allein zu stehen!) Und die jüdischen Frauen, auch darunter solche, die sich Zionistinnen nennen, haben ein neues Lebensideal gefunden — Rummy! Rummy und Hasard, das sind die Pole, um die sich alle ihre Träume heute bewegen! Und fragt man, ob wenigstens die Gewinste aus dieser irrsinnigen Ermordung der Zeit dem Keren Kajemeth zugeführt werden, so begegnet man einem ignoranten Lächeln, das zu sagen scheint: „Herr, aus welchem Jahrhundert kommen Sie eigentlich? Ist dies vielleicht eine Institution aus dem babylonischen Exil?" — Und wie die alten — Sie verzeihen schon — zionistischen Mumien sungen, so zwitschern auch die jungen. — Leider sind auch sie vielfach Mumien geworden — ohne eine Spur von Idealismus — ohne eine Spur von Hingabe an die Idee, oder überhaupt irgendeine Idee! Kaffeehaus, Sport- und Flirtbetrieb, Tanzsaal und ein paar erotische Abenteuer — das ist der Kreis, in dem sich das Leben dieser Jugend — auch der Provinzjugend größtenteils — bewegt! Wenn es sehr hoch geht, kommt momentan noch ein bißchen, allerdings geistig unverstandener, nur als Modesache betrachteter Pan-Europafimmel dazu. Versucht man es aber, diesen Mumien, wenn man sie schon so weit ausgegraben hat, daß sie bei einem Tische beisammensitzen, etwas vom aufopferungsvollen Leben unserer Pioniere, unserer Chaluzim, unserer Lehrer und Schaffenden in Erez Israel zu erzählen, von den großen sozialen und Menschheitspflichten, die speziell die Jugend als Trägerin des Idealismus hat, versucht man, von Idealismus zu sprechen oder einen und den anderen nur für eine einmalige Büchsenarbeit für den Keren Kajemeth, also das Minimum an Arbeitsleistung, zu gewinnen — dann sieht man nur stumpfsinnige und teilnahmslose Gesichter, über die hier und da, wenn man sich um der heiligen Sache willen besonders ereifert, oder die innere Wut einem das Blut der Schani ins Gesicht treibt, ein blödsinniges Lächeln der Ironie huschen. Eindrücke von der liberalen Weltkonferenz. Von Rabbiner Dr. Max Dienemann (Oifenbach). Es ist eine besondere Freude, in diesen Blättern über die erste Tagung des Weltverbandes für das religiös-liberaLe Judentum zu berichten, die zum erstenmal nach der Gründungsversammlung von 1926 in London, vom 18. bis 20. August 1928 in Berlin stattfand. Eine Freude vor al'Ien Dingen deshalb, weil dadurch wieder einmal Gelegenheit geboten wird, an dieser Stelle, an der man so oft gezwungen ist, sich mit Widerwärtigkeiten auseinanderzusetzen, von einer Arbeit zu berichten, die ausschließlich zur Befestigung des Judentums geleistet wird, bei der einzig der Wille vorhanden ist, die positiven Werte des Judentums der gesamten Gemeinschaft zu erhalten. Diese Freude wird noch verstärkt dadurch, daß dabei auch der innere Kampf innerhalb des Judentums schweigt. Wir berichten hier nur über den Gesamteindruck der Tagung und über das, was ihr Wert im großen und ganzen ist. Wir dürfen damit beginnen, die Begrüßung der Tagung durch den Vertreter der deutschen Reichsregierung, Legationsrat Graf Tattenbach, hervorzuheben, der ausführte, welchen Wert die Reichsregierung darauf lege, daß in einer Zusammenkunft wie in dieser durch die in ihr angeknüpften gemeinsamen Beziehungen über die Grenzen hinaus die Sache des Völkerfriedens und der allgemeinen Verständigung gefördert werde. Er hob mit besonderem Nachdruck hervor, welche Freude darüber herrsche, daß dies eine Tagung sei, die keinerlei materiellen Zwecken diene, sondern einzig und allein einem religiösen und also einem idealen Zwecke. Warum wirkt die Tatsache einer solchen Begrüßung so erfreulich? Warum