Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 19 (11.5.1928)
- Date
- 1928-05-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 nwuiiiniMiiuuiiiiHuiMiHmiiM DIE WAHRHEIT Kuttrt und Literatur Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, 72. Jahrgang, Nr. 3/4. Dem zehnjährigen Todestage Abr. Epsteins widmen .1. El bogen, Apto witzer und AI b e c k Beiträge. Max Grunwald behandelt Rothenburg. D. Herzog einen Grazer Grabstein, A. Löwkowitz H. C o h e n, H. M. W i e n e r die Pentateuchliteratur, K. P r e i s die Medizin im Sohar u. a. m. „Das neue Europa" (Wien—Zürich—Berlin). In den langen Jahren ihres Bestandes fand man diese von Dr. Paul Hohenau herausgegebene Zeitschrift immei jn der vordersten Reihe der Kämpfer für Völkerversöhnung und Weltfrieden, sie verfolgt dieses Ziel auch weiter mit ungeschwächter Beharrlichkeit und Ueberzeugungskraft und dies erklärt, daß ihr die vornehmsten Geister der diplomatischen, politischen und wirtschaftlichen Welt wertvolle Mitarbeit leihen. Aus den meisten der Artikel. d;ie das eben erschienene Mai-Juni-Heft enthält — wir finden unter diesen wieder Namen von Weltklang — klingt der tiefe Glockenton des Friedens heraus. An leitender Stelle finden wir in bildkräftiger Sprache die überaus gedankenreichen Ausführungen des auf beiden Kontinenten gleich volkstümlichen amerikanischen Politikers und Staatssekretärs Herbert H o o v e r, über diie „Werkstätten für Regie- * rungskunst": sie zeigen von einer hohen ethischen Auffassung und einem Weitblick, wie er eben nur Staatsmännern dieses Ranges zu eigen ist. Senator F r a n q o i s M a r s a 3, ehemaliger Ministerpräsident Frankreichs, erklärt durch überzeugende Beweisführung die absolute Notwendigkeit internationaler Zusammenschlüsse der WeltindustrieiL Die Worte des Reichsaußenminister Dr. Stresemann bilden eine hochwillkommene Bekräftigung des Friedensgeistes, der die Politik dieses Staatsmannes erfüllt. Von eminentester Aktualität ist der offenbar aus bester Quellenkeiintnis stammende Artikel über die den Weltfrieden bedrohenden enormen Rüstungsausgaben Rußlands. Die Aeußerungen des Königs Alfons von Spanien in einem Interview über „Diktatur und Tradition" sind besonders interessant und eindrucksvoll. Was der bekannte amerikanische Finanzier Otto H. Kahn über die Wirtschaftspolitik der Nachfolge- und Balkanstaaten und das starre Festhalten an ihren Zollschranken sagt, wird ernsteste Beachtung finden, ebenso der Artikel des lettländischen Völkerbunddielegiierten Karl D u z m a n s über die Schicksalsgeoieinschaft der kleinen Staaten, Die Aeußerungen des ungarischen Außenministers Valkö präzisieren in staatsmännisch kluger Weise die Direktiven der Außenpolitik Ungarns. Dr. Alexander Salkind erweist sich in* seinem Artikel „Oesterreich und das Ausland" als gründlicher Kenner der einschlägigen Verhältnisse. Auch alle übrigen Aufsätze und namentlich jene von L. Persius, Walter Maitland, Graf Szapäry, Fürst Lichnowsky, Curt Sigmar Gutkind, Ricardo Gömez, Reichsgraf v. Kageneck usw. sind von Interesse und lesenswert. Auslieferung: Wien IX., Türkensitraße 9. B. Molden: Ist Religion in Zukunft möglich? Wien, 1927, Mor. Perles. Im Sinne der überlieferten Religion fällt die Antwort des Verfassers verneinend aus. „Ein persönlicher oder überpersönlicher Gott kann meines Erachtens nicht mehr Gegenstand der religiösen Ueberzeugung sein." Auf dem Wege, den Molden einschlägt, konnte er zu keinem anderen Ergebnis gelangen. Er tritt an seine Frage mit dem Rüstzeug heran, das die bisherige Entwicklung des menschlichen Gedankens dem Forscher an die Hand gibt. Doch Gott kann man nur suchen mit dem Verstände, ihn finden nur mit dem Herzen. Können wir in dieser Grundanschauung mit Molden nicht übereinstimmen, so müssen wir seinen Mangel an Kenntnis des Judentums geradezu bedauern. „Ein Wust von Aberglauben, ein Sack voll Aberglauben", so schreibt er auf Seite 118 über das Judentum, „wurde auf gebeugtem Rücken willig durch die Jahrhunderte geschleppt." Gerade der Umstand, daß die Grundlehre des Optimismus, die Thora, in Brauch und Sitte der Juden ihren Widerhall fand, trug wesentlich zu seiner Erhaltung bei. Einiges Eindringen in diesen Zusammenhang hätte Molden vor der Mißachtung dieses Volkslebens und Volksglaubens bewahrt. Das ist aber auch das Einzige, worin wir uns im Gegensatze zu Molden fühlen. Für das Buch ist aber so viel zu sagen, daß wir seine Lektüre mit ruhigem Gewissen nicht warm genug empfehlen können. Hier spricht ein Denker, der sein Problem gründlich durchdacht und seine Lösungen an den Urteilen der Spruchbefugten geprüft hat. Eine Fülle glücklicher Wendungen, wie überhaupt eine gewinnende Darstellungsgabe erhöhen die Anziehungskraft des lesenswerten Buches. Dr. G. Jul. Weill: La foi d'Israel, Paris, 1926. Presses Universitäres, 49. Boulevard, St.-Michel. Der Vorzug dieses ausgezeichneten Büchleins besteht hauptsächlich darin, daß mit meisterhafter Präzision kurz und klar zusammengefaßt ist, was den Inhalt einer ganzen großen Bibliothek seit Jahrhunderten bildet. Unter dieser Kürze und Knappheit leidet aber nicht der Genuß, mit dem man die inhaltsreichen Kapitel liest. Streng induktiv werden aus dem Hin- und Herwogen der Diskussionen die bleibenden, allgemein gültigen Grundlagen des Judentums herausgeschält. Gegen die Auffassung des Judentums als Dogmenreligion wird sein Wesen als Leben und Empfinden ins Treffen geführt, wobei mancher Leser zum ersten Male mit Philos Katechismus Bekanntschaft machen dürfte. Für die Wahrheit des Judentums und die Existenz Gottes wird mit den Propheten zutreffend die Existenz des jüdischen Volkes als Bewejs betont. Wie bisher haben wir Juden uns als berufen anzusehen, die „Geulla" vorzubereiten, die Erlösung der Menschheit. Wir sind noch immer das Licht der Völker und das Werkzeug ihres Heils. W. Jansen: Die Kinder Israel. Braunschweig 1927, G. Westermann. „Ein furchtbares Buch". Damit legt man als jüdischer Leser diesen „Moses-Roman", wie der Untertitel lautet, aus der Hand. Spannend, wie wenige, von einer Kunst und Intuition, die Staunen erregen, wird dieser Band auf dem Bücherbrett der Rassenfanatiker einen Ehrenplatz einnehmen. Moses ist hier Bastard, Sohn des ägyptischen Wesirs (!) Amram und der Prinzessine Bithja. In Unkenntnis seiner Herkunft aufgewachsen, vom Könige zum Thronfolger bestimmt, wirft er, als ihm das Geheimnis sich lüftet, alles, was an diese Erde ihn fesselt, von sich, um ganz der Stimme seines Geburtsblutes sich zu verhalten und der Erlösung seines Volkes seine ungeteilte Kraft zu weihen. Seine Feuerseele schmilzt jeden Widerstand. Gigantisch ragt sein Werk über alles Menschenmaß, hinreißend Feind wie Freund zur Bewunderung und Verehrung — der Macht des Blutes. Was dieses Buch so gefährlich macht, ist nicht so sehr die Willkür, mit der hier Geschichte durch Dichtung verdrängt und verfälscht wird, sondern weit mehr die irreführende Schilderung der Hebräer in Aegypten. Hier spricht ein echter Hakenkreuzritter. Kein Laster, das diesen bösen Semiten nicht anhaftete. Ist der Verfasser selbst irregeleitet, dann ist es ebenso zu beklagen, wie daß er solche Kraft so gegen Wahrheit und Gerechtigkeit mißbraucht. Dr. G. Ludwig Huna: Granada in Flammen. (Verlag Grethlein u. Co., Leipzig-Zürich.) Ludwig Huna, ein gewesener österreichischer Offizier, ist sich dessen bewußt, daß sich bei ihm der sacnliche Blick des Militärs mit der Sprache des Dichters paaren und so suchte er sich schon in seinen früheren Werken stets ein Milieu von Politik und Romantik. Vorerst aus Deutschlands Mittelalter, später aus Italien waren die Gestalten seiner Romane geholt. Das Buch „Granada in Flammen" führt uns nach Andalusien zur Zeit der Schrecken der Inquisition unter Philipp II. Aus den Sätzen der Erzählung, deren Wortschmuck anmutet wie die Arabesken maurischen Stils, spricht das Stöhnen eines untergehenden Volkes. Die streitende Kirche mit ihrer Askese der damaligen Zelt steht den lebensbejahenden, kunstfrohen Mauren gegenüber. In der Tragödie dieses Volkes, das aus seiner Heimat vertrieben wurde, spiegelt sich die ganze Weltgeschichte. Es war dem fanatischen Katholizismus jener Zeit gelungen, die Mauren zum Teil auszurotten, zum Teil zu vertreiben, aber mit diesen auch die Kultur der Pracht und Aesthetik des Islamitischen Andalusien. (Einen ähnlichen Pyrrhussieg haben in späteren Zeitläufen noch andere Machtfaktoren des Augenblicks errungen!) Durch die Qual des gepeinigten Volkes zieht sich der Hoffnungsstrahl einer Liebe zweier Menschen, die die Gegensätze der Inquisition überbrückend, den spanischen Granden Don Pedro de Solar und die Tochter des letzten Maurenkönigs, Reija, auf den Trümmern einer untergehenden Kultur sich finden läßt. Es ist kein leichter Roman, in dem man blättern könnte, sondern ein Stück Weltgeschichte, in schöner Sprache, mitfühlend geschildert. Dr. Hans Kronengold.