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Die Wahrheit · 1928-01-20 · Heft 3 (20.1.1928) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 3 (20.1.1928)
Date
1928-01-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 «fliffliHHUiuin^^ oiE WAHRHEIT die Bächer, die er für sich und seine Nachkommen nicht benötigen wird, — armen und fleißigen Studenten." Findet man Worte, um diese Gesinnung recht zu würdigen? Wir wollen nicht überschwenglich sein, aber das kann gesagt werden: wir beugen uns in Ehrfurcht vor der Persönlichkeit eines Professors Pascanu, der über den Tod hinaus mit dem Preis seines Körpers einstehen will für fremde Schuld. Wir schwer muß dieser Mann gelitten haben unter dem haßerfüllten Treiben der Studenten, seiner Studenten! »Wie groß muß sein Schmerz gewesen sein, als zu ihm die Kunde drang von ihrem vandalischen Treiben! Wird die rumänische Studentenschaft das Opfer verstehen, das ihnen ihr Lehrer auf dem Sterbebette gebracht? Wird sie es verstehen, daß er dieses Opfer gebracht hat, um ihre Ehre, um die Ehre der rumänischen Intelligenz, um die Ehre Rumäniens vor aller WTelt zu retten? Wird sie es verstehen? . .. . Die Erfahrung läßt uns daran zweifeln. Paulus unter den Juden. Von Dr. Max Grunwald*). Werfeis „dramatische Legende", die vorstehenden Titel trägt, erinnert in der Buchausgabe (Paul Zsolnay Verlag, Wien) mit einer Aeußerlichkeit an die Buchdramen Bernhard Shaws. Wie Shaw seinen Dramen eine ausführliche Einleitung vorausschickt, so läßt Werfel diesem Werke ein *) Anläßlich der angekündigten Neuauflage dieses Buches bringen wir hier eine Besprechung, deren Veröffentlichung sich aus technischen Gründen bis heute verzögert hat. Die Red. Seuilletcti Das Drama von Kutno. Eine Reminiszenz. Von Josef Grob. Fast mehr als ein Vierteljahrhundert ist es schon her, seitdem das Erstlingswerk des bekannten jüdischen Schriftstellers Schalom Asch erschienen ist Es hieß „Das Städtchen" und hatte einen durchschlagenden Erfolg. Bis heute noch ist es vielleicht das beste Buch, das Asch geschrieben, und diesem Erstlingswerk hat auch der Dichter seine Berühmtheit zu verdanken. Der junge Asch, der bis dahin vielleicht aus den Gemarken seines heimatlichen Provinzstädtchens Kutno nicht herausgekommen war, beschrieb in diesem Buche sein „Städtel". Er ließ in seiner jungen Naivität und Wahrhaftigkeit die jüdischen Typen und Gestalten seines Geburtsortes Revue passieren, schilderte in ungeschminkter Weise das Leben im kleinen Judenstädtchen und dies gefiel so sehr, daß es fast in alle Sprachen übersetzt wurde und dem Autor in der Reihe der Prominenten, wie Perez, Dinesohn, Abramowitsch, einen Ehrenplatz verschaffte. Kein Wunder: wurde doch in diesem Buch das tief religiöse Leben eines Judenstädtchens vor Augen geführt, wie man sich es schöner und idealer kaum vorstellen kann. Arm waren die Juden dieses kleinen Marktfleckens in Russisch-Polen, dafür aber reich an Glauben und Gottvertrauen, das ihnen über alle Lebensklippen hinweghalf und ihnen das Leben zur wahren Romantik machte. Wie farbenreich schön waren die Sabbate und Festtage im kleinen Jadenstädtchen, wie mystisch-fröhlich die Familienfeste. Wie Nachwort folgen. Er nennt es „Argument". Es soll die Stellung begründen, die er in seinem Drama zu den Ueberlieferungen über die Entstehung des Christentums einnimmt. „Dilettantische Naseweislieit" wirft Werfel den Forschern vor, von denen „die Existenz Christi kritisch geleugnet wird". Seine Darstellung hingegen ist „ohne Willkür". „So ist es! §P war es!" Aehnlich wie Juarez in Werfeis „Maximilian-Tragödie im Hintergrunde bleibt, gewahren wir in dieser „historischen Tragödie nur die Wirkung'des „Göttlichen", das, nach ihm „die Geschichte aufhebt". Werfel auf das Gebiet der Christologie zu folgen, ist hier nicht der Ort. Uns beschäftigt hier nur die Frage, ob er „ohne Willkür" die „jüdische. Mutterwelt" wiedergibt, „von der sich das Christentum losgelöst hat". Wir glauben es ihm aufs Wort, daß er dem Judentume jener Zeit gerecht zu werden, den redlichen Willen hatte. So malt es sich wirklich und ehrlich in seinem Kopfe. Wenn aber bei anderen Stoffen, wie etwa in Wassermanns „Juden von Zirndorf" oder in Feuchtwangers „Jud Süß" der poetischen Lizenz der breiteste Spielraum zugestanden werden darf, so ist doch der Boden, auf den sich Werfel hier begeben hat, zu heiß umstritten und jeder Fehlschritt auf ihm von zu weittragenden praktischen Folgen, als daß man es ohne gründliche Kenntnis der Quellen tun sollte. Die alten Mysterien und Passionsspiele, Anreiz und oft unmittelbarer Anlaß zu grausigen Judenmorden, standen auf dem damals unangefochtenen Grunde der Dogmatik. Eine „historische Tragödie" sollte -aber doch voraussetzen, daß man die Dinge nicht einseitig mit den Augen der christlichen Theologie betrachtet, sondern auch den Ergebnissen jüdischer Forschung gerecht wird. Schließlich ist sie herrlich klangen die „Unisonotöne" der Talmudjuden, die Tage und Nächte im alten Beth-Hamidrasch über die Folianten der Heiligen Gemarah saßen und fleißig die Gotteslehre studierten. Ein Zauber, eine himmlische Musik verbreitete sich über das ganze Städtchen und die Juden konnten nicht anders, sie mußten es glauben: Hier, in diesem kleinen, wahrhaft religiösen Judenstädtchen ruht die heilige Schechina, hier, über diese ärmlichsten Judenhütten breitet der Allmächtige seine göttlichsch'ützende Hand .... Und so war es auch.....Es war..... Heute aber, nach 25 Jahren, nach dem unheilbringenden Weltkriege dringt ein Nichtjude in das Heiligtum des kleinen Judenstädtchens ein, zieht aus der Rocktasche einen geladenen Revolver, streckt zuerst das Brautpaar, das vor dem greisen Rabbi unter dem Traubaldachin steht, durch sichere Schüsse nieder und entleibt sich dann selbst vor den Augen der ganzen Judengemeinde. Ströme von Blut färben den grauen Steinboden des alten jüdischen Gotteshauses, Blut von Menschen zweier Glaubensbekenntnisse, das sich im Leben nicht vereinen konnte, wird im Tode vermengt. Der Mörder kam nicht von selbst, sondern wurde von der Braut, der Tochter des jüdischen Schenkers David Lipowitz, telegraphisch berufen, sie aus den Händen ihres jüdischen Bräutigams zu befreien, und in einigen Sekunden wurde ein jüdisches Hochzeitsfest zum Schauplatz eines blutigen Dramas. Der jüdische Schenk er David Lipowitz meinte mit dem Zeitgeist Schritt halten zu müssen und ließ sein einziges Töchterchen studieren, schickte es in ein großstädtisches Mädchenpensionat, unterließ es aber, wie es die armen Juden in Kutno in erster Reihe zu tun pflegten, sein Kind in jüdisch-religiösem Sinne zu unterweisen, und so stellten sich die Folgen der verfehlten Erziehung ein. Nicht mit Unrecht sind in den letzten Jahren in ernsten jüdischen Kreisen die Zustände bei den Eheschließungen kritisiert und verurteilt worden. Für das Judentum ist es gewiß nicht von großem Vorteil, wenn die Mischehen in erschreckender Zahl

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