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Die Wahrheit · 1928-01-20 · Heft 3 (20.1.1928) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 3 (20.1.1928)
Date
1928-01-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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wiihiiuiiiuwi^^ gcj^ 3 für die Beurteilung der jüdischen Welt jener Epoche schon darum spruchbefugt, weil ihr dank der lebendigen Kenntnis der Sprache und des Kulturkernes die Originalquellen sich leichter erschließen und reichlicher fließen. Die Kontinuität des jüdischen Geistes macht in dem Juden von heute jene Vergangenheit seines Volkes in ihren Grundanschauungen und Empfindungstiefen zur unmittelbaren Gegenwart. Und selbst der flüchtigste Blick in diese, jetzt selbst von christlichen Stimmführern beachteten, von dem jüngst verstorbenen Gressmann sogar zu kameradschaftlicher Arbeitsgemeinschaft herangezogenen jüdischen Wissenschaft hätte den Dichter belehren müssen, mit welchem aller Wissenschaftlichkeit und historischen Gerechtigkeit Hohn sprechenden gehässigen Hochmut, mit welcher „Willkür" bis vor kurzem und vielfach heute noch die sonnenklarste Erkenntnis beiseite geschoben wird, wenn sie von jüdischer Seite kommt. Werfel hat aber auch diesen Blick unterlassen und muß es sich nun gefallen lassen, daß seine Darstellung, die auf historische Wahrheit Anspruch erhebt, an Glaubwürdigkeit den „amtlichen Verlautbarungen" aus den verschiedenen „Hauptquartieren" verzweifelt nahe gerückt ist. Welch eine Sippschaft, diese Werfel-Juden! Mancher augenscheinlich aus persönlicher Erfahrung, nicht gerade wohlwollend, erfaßt und über Jahrtausende hinweg in die Vergangenheit projiziert. „So ist es! So war es!" „Ein kleiner rundlicher Jude, dessen Schultern von schlechtem Gewissen gekrümmt sind". Ist das nicht ein Ausschnitt aus dem „Kikeriki"? Dieser Hohepriester, dem sein eigen Fleisch und Blut vorhält, daß er in allem nur „Rom und die Welt" in Rechnung zieht! Vielleicht eine unliebsame Erinnerung an qualvolle Religionsstunden? Oder dachte zunehmen, und weder die jüdischen Jünglinge noch die jüdischen Mädchen haben infolge der verfehlten Erziehung moralischen Halt. Paula Lipowitz hatte einen Bräutigam, der sie über alles liebte und vergötterte, hinter seinem Rücken aber flirtete die Tochter des jüdischen Schenkers mit einem Nichtjuden und als die Stunde kam, in der sie dem jüdischen Manne angetraut werden sollte, rief sie ihren Liebhaber. Seit altersher war die jüdische Frau die Zierde des jüdischen Hauses. Sie war es, der die Erziehung der Kinder anvertraut wurde und sie entledigte sich ihrer Pflichten in bewährtester Weise, weil sie selbst eine jüdische Erziehung genossen und religiöse Gefühle in sich aufgenommen hatte. Während aber heute eine von Geburt christliche, ihrem jüdischen Manne zuliebe zum Judentum übergetretene Frau die Vorschriften der neu angenommenen Religion oft respektiert und befolgt, kann man bei vielen jüdischen Frauen eine Lebensweise wahrnehmen, die alles andere, aber nur nicht als jüdisch, geschweige denn als sittlich bezeichnet werden kann. Auch für das jüdische Mädchen ist die religiöse Erziehung eine ungemein notwendige, das lehrt uns der tragische Fall im kleinen Judenstädtchen Russisch-Polens, den man in den jüngsten Tagen mit dem größten Bedauern in den Zeitungen las. So lange die tiefe Religiosität, der wahre Glaube in der Familie fest wurzelte, die jüdische Lehre und ihre heiligen Gebote dort gehalten wurden, hatte das jüdische Leben seine zaubervolle und wunderschöne Romantik unü einem talentvollen Dichter, wie Scholem Asch, fiel es nicht schwer, aus diesem Milieu sein bestes Werk zu schaffen. Mit dem Aufgeben der traditionellen Gebräuche, der Nichtbeachtung der religiösen Vorschriften, hat auch das kleine Judenstädtchen seine Eigenart eingebüßt und welche erschütternden Folgen ein derartiges unreligiöses Leben zeitigt, beweist uns das Drama von Kutno. Werfel an lebende Priester in leitender Stellung in anderem Lande mit Rom im Blickpunkt? Und nun gar seine Söhne! Der eine ein Otto Weininger redivivus. Der andere mit den Feinden im Komplott. Ein „Rabbiner" ist als „Beschwörer" frei erfunden. An die Wunderheilungen und Beschwörungen im Neuen Testament bei dieser Figur zu denken, dürfte Werfel als Blasphemie fern gelegen haben. Um so treuer folgt er dieser Quelle in der Charakteristik dieses „Rabbiners" genau nach der Schablone der neutestamentlichen „Pharisäer". Der einzige menschliche Jude, Rabban Gamliel, ist — im Innern — Christ. Christi Fehler war einzig der, „das Gesetz zu früh erhellt" zu haben. Sein Tod bedeutet ein „Fehlurteil in Israel". Er selbst scheitert daran, daß er in Christus nicht den „Messias, die leibgewordene Schekina, Gottes Sohn" zu erkennen vermag. Der Zweifel zerbricht ihn. Ganz folgerichtig nach bewährtem Rezept bilden diese „Gesetzesmenschen, die finsteren, spitzfindigen, listigen Schriftgelehrten" die Folie zu den Nazaräern. In deren Wesen ist „eine lichte Verklärung, ein Abglanz göttlicher Berührung und der Vorschein eines unsterblichen Schicksals", sie sind „brave Arbeiter, verlegen wie alle kleinen Leute, die zu einer Führerrolle ausersehen sind". Sie geben ihr ganzes Geld, das sie redlich und schwer erworben, für die Armen. Christus wollte ja im Gegensatz zur Umwelt, einer „Welt der Reichen, der Unterdrücker, der Priester", eine Welt „der Armut, der Gleichheit und des Geistes" bringen. Er „hat nie eine Münze berührt, schon im Blick von Geburt an seine Göttlichkeit bekundet und ist tatsächlich, leiblich auferstanden". So spricht Werfel, der Jude, über Juden und Christen zu Christen und Juden von jenen Brettern herab, die, nach dem alten Heiden Aristoteles, Leidenschaften läutern sollen. Auch für Paulus hat Werfel so viel übrig, als ihm für die Juden fehlt. Gamaliel nennt ihn „den verkörperten Selbsthaß Israels". Nach diesem Paulus hat Jesus „seine Rolle als Christus selbst nicht ganz erfaßt", d. h. zutreffend mit anderen Worten: Paulus machte aus dem Jusus, wie er ihm überliefert war. was Clemenceau aus Wilsons 14 Punkten gemacht hat. Fein beobachtet ist dieser Römer: „ein blonder Athlet" natürlich der Germane. . Teder Germane wird als Judenfeind geboren." Unser Publikum schlürft all das mit Wonne, wie schon Shakespeare seinem „Zeitgeist" einen Leckerbissen hinwerfen, im Shylock Geschichte fälschen mußte. Aber besteht dieses „Muß" noch heute? Besteht es für einen Juden? Für Werfeis Juden gibt es eine Entschuldigung, nämlich die, daß sie nie existiert haben. Aber welche gibt es für ihn selbst? Wenn die heutigen Juden ohnehin durch Hetzlegenden über die alten Zeiten schwer genug leiden müssen, müssen diese alten Juden auch durch solche Juden von heute leiden? Dieses Stück ist in Wahrheit eine „geschichtliche Tragödie". Es zeigt wieder einmal die Tragik der Geschichte unseres Volkes, daß solche Geister ,',der verkörperte Selbsthaß Israels" sind. UkcbdJlbcnnentmfiizDk ffiahtbtt!

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