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Die Wahrheit · 1927-09-26 · Heft 39-40 (26.9.1927) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 39-40 (26.9.1927)
Date
1927-09-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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OHE WAHRHEIT Bin Seite 9 Was verdankt die Welt den Wiener Juden? Von Dr. Max Grunwald.*) Wien! Ein Zauberwort. Ein Meer von Schönheit taucht auf. Süße Walzerklänge und sehnsuchtsvolle Schubertlieder tönen im Ohr. Erinnerungen an die selige Schulzeit werden wach: die Kaiserstadt an der schönen blauen Donau, etliche Friedensschlüsse, der Wiener Kongreß. Aus älterer Zeit: der lustige Augustin, Abraham a Santa Clara. Der Zeitungsleser stößt auf Namen wie H e r z 1 und Freud. In diesen Rahmen gebettet, zeigt uns die jüdische Geschichte die Schicksale dreier Judengemeinden. Eine die andere ablösend, weisen sie alle drei Leistungen auf, die das Gesamtbild der Judenheit mitbestimmt haben, zum Teil darüber hinaus noch heute lebendig fortwirken. Die frühesten Nachrichten über Wiener Juden führen in das blutige Düster der Kreuzzüge und der Judenmetzeleien in deren Gefolge. Gerade Wien war ein Hauptsammelplatz der Reisigen. Die alberne Mär der Hostien Schändung erhebt ihr Medusenhaupt. Die Blutlüge beginnt grausige Opfer zu fordern. Mit dem Pesthauch des Hasses vernichtet der schwarze Tod ganze Judengemeinden. Besonders in Oesterreich, rings um Wien, wütet Schlag auf Schlag das Unheil. Wien selbst bleibt verschont. Einsichtige Landesherren schützen mit starkem Arm ihre Hoheitsrechte gegen jeden Eingriff und damit gegen jeden Angriff auf ihre Juden, ihrer Kammerknechte Leben und Habe. Gastlich öffnet Wien seine Pforten verfolgten Juden. Selbst gegen Kaiser und Kirche. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts erteilt der letzte Babenberger, Friedrich IL, der streitbare Gegner des gleichnamigen Staufers, seinen Juden ein Statut, das mitten in der barbarischen Gesetzgebung des Mittelalters ein leuchtendes Dokument der Menschlichkeit darstellt und den umliegenden Staaten, die später von den Habsburgern zur Monarchie vereint wurden, als Muster diente. Auch waren Wiens Juden nicht — wie sonst üblich — in Ghettomauern yon ihrer Umgebung abgesperrt. Zu dieser einzigartigen Gestaltung ihres äußeren Schicksals haben diese Juden ihr gut Teil selbst beigetragen. Sie beeinflussen nicht nur die Wirtschaftspolitik Oesterreichs, sondern spielen auch bei zwischenstaatlichen Verträgen, so mit Ungarn, als Bankiers eine entscheidende Rolle. Hohes Ansehen genoß die Wiener Gemeinde im In- und Ausland als geistiger Mittelpunkt. An die Stelle der großen Meister am Rhein waren die Oesterreichs getreten. In Wien lehrte Isak 0 r s a r u a, der u. a. dem unlauteren Wettbewerb einen religionsgesetzlichen Riegel vorschob, ein M e i r H a 1 e v i, der das bedrohte Ansehen des Rabbinerstandes auf sichere Grundlagen stellte. Unruhige Zeitläufte, besonders die Hussitenwirren, beschatteten aber im 14. Jahrhundert dieses Bild des Friedens durch Wetterwolken, die sich vernichtend entladen sollten. Im Jahre 1421 endete *) Mit freundlicher Erlaubnis des Berliner „Jüdischen Gemedndieblattes". diese erste Wiener Judengemeinde auf dem Scheiterhaufen. Aus einem gelobten Lande wurde Oesterreich für die Juden aller Welt „das Blutland". * * * Zwei Jahrhunderte später weist Wien, nunmehr die Kaiserstadt, eine neue Judengemeinde auf. Ein „Tausfes Jontef" (LipmannHeller) hatte ihr Statuten gegeben. Wieder blüht in Wiens Judenstadt geistiges und wirtschaftliches Leben. Wieder bietet sie Zufiucht Opfern der Verfolgung, vor allem 1648 den Flüchtlingen aus Polen. Doch nach kaum einem halben Jahrhundert — 1670 — muß Wiens Judenschaft selbst unter dem Drucke klerikalen Uebcreifers zum Wanderstabe greifen. Ein Teil, vom Großen Kurfürsten gastfrei aufgenommen, führt die Gründung der Berliner Gemeinde herbei. Einer ihrer berühmtesten Söhne, Meyerbeer, stammt auf Vaters wie auf Mutters Seite von Wiener Juden ab. Je mehr Wien aber in den Mittelpunkt der europäischen Politik rückte, um so unentbehrlicher wurden den Kaisern Finanzkräfte von internationaler Reichweite, wie sie in einigen westdeutschen Juden sich darboten. So kamen nach Wien Samuel Oppenheimer und Simson Wertheimer, zu dessen Nachkommen auch Moritz Hirsch de Gereuth zählt. In ständigem persönlichen Verkehr mit den Hofstellen werden diese Juden die Fürsprecher der gesamten Judenheit, ein wichtiges Rad im Getriebe der Staatswirtschaft. Ohne sie hätte Oesterreich damals kaum seine großen Kriege führen und seine herrschende Stellung behaupten können. Trotz dem Widerstande der Geistlichkeit und trotz dem Krämerneide der Wiener Bürgerschaft kristallisiert sich um diese jüdischen Handelshäuser ein neues, drittes jüdisches Gemeinwesen. * * * Das Toleranzedikt Josefs IL, die erste Schwalbe eines Freiheitsfrühlings für die Juden Deutschlands, weckte vor allem in den Wiener Juden einen Drang nach bürgerlicher Gleichberechtigung, der sich durch keine Gegenwirkung, sei es von oben oder von unten, mehr hemmen ließ. Geistig, sozialethisch und gesellschaftlich hatten sie den Beweis ihrer Ebenbürtigkeit erbracht. Der Judenstämmling Sonnenfels, Enkel eines Berliner Rabbiners, hatte die Abschaffung der Folter durchgesetzt. Alle gemeinnützigen Werke sahen Juden im Vorderteffen. Die finanziellen Berater Metternichs, die Arnstein und E s k e 1 e s, dieser Groß-Schwiegervater des Siegers von Trautenau (Gablenz), und ganz besonders die jüdischen Begründerinnen der Wiener Salons, in hervorragendem Maße die Berlinerin Fanny von Arnstein, machten auf dem Wiener Kongreß ihren Einfluß auf die führenden Staatsmänner zugunsten ihrer jüdischen Gemeinschaft geltend. Auch danken ihnen, wie später dem gesellschaftlich tonangebenden Hause W e r t h e i mstein, zahlreiche Berühmtheiten geistige Anregung und wirtschaftliche Förderung. Einen festen Angelpunkt erhalten die jüdischen Emanzipationsbestrebungen im Jahre 1826 durch eine moralische Tat, mit der sich die Juden

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