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Die Wahrheit · 1927-09-26 · Heft 39-40 (26.9.1927) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 39-40 (26.9.1927)
Date
1927-09-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 II DIE WAHRHEIl Wiens vor der Oeffentiichkeit als Gemeinschaft, als Juden bekannten. Es war die Errichtung einer würdigen Andachtsstätte. Der in dieses Bethaus von Mannheimer und SuIzer eingeführte Kultus war eine jüdische Kulturtat; er hielt die glückliche Mitte zwischen der reformfreundlichen Kolonisierung vom Westen und der konservativen Polonisierung vom Osten her. Dieser Wiener Ritus hat sich einen großen Teil der jüdischen Welt erobert. Neben dem Bethaus erhob sich nach Jahrzehnten ein Lehrhaus (Beth hamidrasch), aus dem, wie aus der später errichteten Lehranstalt, bedeutende Schüler und grundlegende Werke hervorgegangen sind. Im politischen Freiheitskampfe 1848 finden wir einen Fischhof an leitender Stelle. In der Wissenschaft ist das Wiener Judentum durch Namen vertreten, deren Glanz in alle Welt strahlte. Allgemein bekannt sind u. a., wenn wir die Gegenwart mit einbeziehen, W i n t e r n i t z, der wissenschaftliche Begründer der Wasserkuren, die Brüder Zuckerkand lt Freud, Steinach, Adler, Gomperz, Fried jung, Prib r a m. Von Wiener jüdischen Malern nennen wir nur Horowitz, Kaufmann, Kohn, Epstein, Krestin, von Erfindern Markus, den Erbauer des ersten Automobils, Schwarz, den des ersten lenkbaren Luftschiffes, Popper- Lynkeus, der zuerst den Gedanken der elektrischen Kraftübertragung gefaßt und ausgeführt, auch als Sozialpolitiker und Literat wohlverdienten Lorbeer geerntet hat. Wie vor oder neben ihm Frank 1, Kompert, Franzos, Mosenthal, Spitzer, Benedikt, Seps, Schnitzler, Beer-Hofmann, Hof mannsthal, Wassermann, Lothar, Saiten. In der darstellenden Kunst erwarben sich einen Weltruf Dawison, Sonnentha 1, Robert, in der Musik Moscheies, der Freund Beethovens, Goldmark, Brüll, Mahler, Grünfeld, Kreißler, Schönberg, als Pazifist Fried. Die tatkräftige Auflehnung gegen das Sklavenjoch hatte endlich zum Ziele geführt. Die liberale Aera war in Oesterreich angebrochen. Nicht allein in der Finanzwelt, in Gewerbefleiß und Handel (Rothschild, Erbauer der Nordbahn, Gutmann, Förderer der jüdischen Wissenschaft), sondern nicht weniger — wie schon angedeutet — auf den Gebieten der Geisteskultur wie auch im Heeresdienst standen Wiener Juden an hervorragender Stelle. Da kam der Rückschlag. Wien wurde die Stadt Luegers. Er zertrümmerte das Lebenswerk eines Kuranda, der — ein Freund Ad. Jellineks und seiner so mannigfach bekannt gewordenen Familie — den Typus des liberalen Wiener Juden darstellt. Bloch, der berufene Streiter gegen die Hydra des Judenhasses, widmete der Bekämpfung des Antisemitismus die Arbeit seines Lebens und begründete unter gespanntem Aufmerken der Welt praktisch und theoretisch die jüdische Apologetik. Aus diesen Kämpfen heraus wurde H e r z 1 s Zionismus geboren. Nahrung fand er in einer jüdischen Kulturbewegung, die als Herold Smolensky eingeleitet hatte. Hier in Wien, entstand die älteste jüdische Stiftung für Palästina: die der Familie Wertheimer. Von hier aus wurde die erste moderne Lehranstalt Jerusalems, dieLämelschule, ins Leben gerufen. So haben wir denn auf unserer Streifung durch die Jahrhunderte Wiener Judengeschichte nicht nur Gräber besucht. Und-auch die in ihnen ruhen, streuten eine Saat aus, die ihre Zeit überdauert hat und vielfach zur vollen Ernte erst reifen wird in der Zukunft Tagen. Der Jude Sonnen thal. Was Adolf von S o n n e n t h a 1 für ein hervorragender Künstler und prachtvoller Mensch war, das braucht wohl nicht gesagt zu werden; mit goldenen unvergänglichen Lettern steht sein Name in den Annalen des Wiener Burgtheaters verzeichnet. Auch daß Sonnenthal stets ein aufrechter und gottesfürchtiger Jude gewesen ist, dürfte allgemein bekannt sein. Dennoch aber kann dieser Umstand nicht oft genug betont werden, in einer Zeit, wo trotz angeblichen Fortschrittes in Kunstdin^en die Religion oder, wie man hierorts lieber sagt, die „Rasse" auch bei der Beurteilung künstlerischer Leistungen eine entscheidende, ja, wie wir leider wissen, sogar d i e entscheidende Rolle spielt. Manche hervorragende Künstler haben sich daher veranlaßt gesehen, ihrer Karriere auf eine Weise nachzuhelfen, welche sie als Juden bedauern müssen und die ein Sonnenthal trotz aller Verlockungen und Beeinflussungsversuche weit von sich gewiesen hat, andere wieder können trotz ihres ausgezeichneten Talentes nicht jene Stufe der künstlerischen Laufbahn erreichen, welche andere, weniger begabte Kollegen unschwer erklimmen konnten. Aus diesen, aber auch aus vielen anderen Gründen haben wir immer wieder Episoden aus dem Leben Sonnenthals berichtet und unbekannte Daten über ihn veröffentlicht, aus welchen das innige Verhältnis Sonnenthals zum Judentum hervorgeht, und sind auch weiterhin bemüht, alles zusammenzutragen, was uns zur Abrundung des Charakterbildes und zum tieferen Verständnis dieses idealen jüdischen Künstlers dienlich erscheint. Wir freuen uns daher, unseren Lesern in dieser Nummer einen bisher unveröffentlichten Brief Adolf von Sonnenthals zur Kenntnis zu bringen, den dieser an den vor drei Jahren verschiedenen Prediger am israelitischen Tempel in Hamburg D. D. L e i m d ö r f e r S. A. gerichtet hat und der uns einen tiefen Blick in die Seele des großen Künstlers zu werfen gestattet. (Das Schreiben verdient leider auch dadurch besondere Aktualität, daß die Enkelin dieses Mannes vor kurzem aus dem Judentum ausgetreten ist, während seine Tochter bereits vor längerer Zeit die Ideale ihres Vaters verleugnet hat.) Sr. Hochwürden Herrn Dr. D. Leimdörfer, Prediger am Isr. Tempel Hamburg. ."!«* Euer Hochwürden haben mir durch Uebersendung Ihrer höchst geist- und inhaltreichen Predigt eine anregende, ja andachtsvolle Stunde bereitet. Ihr Thema, der einalleinige Gottesgedanke ist er es ja, was uns Juden zu Juden macht, und er allein ist der feste Kitt, nicht, wie Sie

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