Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 39-40 (26.9.1927)
- Date
- 1927-09-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 MM Rate, so kommt die Hilfe zu spät. Graut der Morgen und habt Ihr nichts getan, so kommt das Volk und mordet den Säugling und den Greis, ermordet alles, alles!" „So wahr Gott lebt," sprach der Korporal bewegt, „so Heb mir mein Seelenheal ist, so gerne will ich raten, gönnt mir nur einen Augenblick Zeit, nachzudenken. — Wieviel ist 's an der Zeit?" frug er plötzlich. „Vor Mitternacht." „Gut, dann ist 's gut," sprach der Korporal; „Gott sei gelobt! Er will nicht, daß unschuldig Blut vergossen werde. Eilet und tuet, was ich Euch sagiei Ihr steckt dem Toten eine Flasche in die Tasche, dann laßt Ihr Euch das Pförtchen am Dreibrunnenplatze Öffnen, tragt ihn schnell und behutsam in die Karpfengasse und) legt ihn vor eines der Wirtshäuser; für das Uebrige werde ich dann Sorge tragen. Ich werde darüber Eurem Oberrabbiner Bericht erstatten. Nun seht und eilt." Rabbi Mordechai und der Arzt befolgten den Rat des wackeren Soldaten pünktlich, und sie waren so glücklich, auf diesem furchtbaren Wege niemand zu begegnen. Am folgendien Tag, Samstag, war das Vorsteherkollegium, aus fünf Männern bestehend, beim Oberrabbiner versammelt. Der Parneß hatte sie berufen, um Rates zu pflegen im dieser hochwichtigen Angelegenheit. Er erzählte den entsetzten Männern die Begebenheit dieser schaudervollen Nacht. Als er geendigt, sprach er: „Noch dürfen wir uns keiner süßen Hoffnung hingeben; so iange der Korporal nicht beim Rabbi war und ihm berichtet hat, so lange schwebt noch das blinkende Schwert über unseren Häuptern. Jedenfalls aber bleibe die Sache ein Geheimnis, und niemand von uns möge es einem anderen mitteilen, denn Leben und Tod liegt auf der Zunge." „Man hole Rabbi Mordechai", sprach der greise Raf, indem er nachdenkend den silberweißen Bart durchfuhr. Rabbi Mordechai, von der schrecklich durchwachten Nacht ganz erschöpft, erzählte den Hergang umständlich noch einmal. Als er geendet hatte, sprach der Raf erzürnt: „Ihr wollt ein Lamden sein? Ein Am horez seid Ihr. Wißt Ihr denn nicht, daß man bei Lebensgefahr am Samstag arbeiten muß?" „Wohl weiß ich es, Rabbi!" entgegnete Rabbi Mordechai; „aber hätte ich nicht erst versuchen sollen, einen Nichtjuden zu finden? Mean Vater, Secher Zadik liwrocho!, hat mir oft eingeschärft, nicht leichtsinnig Schabbes mechalel zu sein, zuerst muß man alle erlaubten Mittel aufbieten." „Ich sage Euch, Ihr hättet Feuer machen sollen, ich, Euer Raf; und weil Ihr's nicht getan habt, habt Ihr Unheil über eine ganze Gemeinde in Israel gebracht. Der Herr, gelobt sei Er, wird es, so hoffe ich, in gewohnter Huld und Gnade von uns abwenden. Euch aber, Rabbi Mordechai, lege ich im kleinen Cherem so lange, als der Ausgang der Sache noch unentschieden ist." DemutsvoH küßte Rabbi Mordechai die Hand des strengen Lehrers und ging. (Fortsetzung folgt.) Rabbi Jakob b. Mosdie Möllin (Maharil) und die „ Weisen Oesterreichs". (Anläßlich seines 500. Sterbetages.) Von Dr. S. F u n k. R. Jakob Möllin, dessen Andenken in diesen Tagen anläßlich seines 500. Sterbetages gefeiert werden wird, kann trotz seiner süddeutschen Abstammung — er wurde 1356 in Köln geboren — als Träger österreichischer Lehren und Traditionen in Süddeutschland, kann zu den „Weisen Oesterreichs" gezählt werden. Nicht nur, weil er gleich seinen österreichischen Lehrern und Zeitgenossen, die Sitten und Bräuche im religiösen Leben, die Minhagim zum Mittelpunkte seiner Studien gemacht, sondern weil er seine Jugend, seine Lehrjahre in Oesterreich verlebt und in seiner süddeutschen Heimat österreichische Sitten und österreichische Bräuche eingeführt und verbreitet hat. Sein Schüler R. Salin an aus St. Goar, der Sammler und Verfasser der „Minhage Maharil" sagt ausdrücklich: ,',Der hervorragendste Lehrer R. Jakobs war R. Schalom in Wiener-Neustadt und diesem Meister folgte er in den meisten Sitten und Bräuchen." Oesterreich war dazumal ein Mittelpunkt der jüdischen Lehre und Wissenschaft und die Wiener und Wiener- Neustädter Talmudschulen waren die hervorragendsten DIE WAHRHEIT Pflegestätten des rituellen Brauches, des Minbag. Als Oberrabbiner der Wiener Gemeinde wirkte am Ende des 14. Jahrhunderts der hochangesehene Talmudist R. Meirb. Baruch halewi, dessen Entscheidung auch in einem bekannten Rabbinerstreite in Paris den Ausschlag gegeben hat. Seine Schüler und Zeitgenossen, Rabbi Abraham Klausner und R. Schalom in Wiener-Neustadt und der jüngere R. Eisik Tyrnau, haben sich auf dem Gebiete des Minhag einen Namen gemacht. Zu den hervorragendsten Gelehrten dieses Kreises und der österreichischen Schule gehörte auch der gefeierte Gelehrte Rabbi Jakob Halewi, der wegen seiner Gelehrsamkeit und seiner tiefinnigen Frömmigkeit von der Mit- und Nachwelt als Heiliger verehrt, den österreichischen Bräuchen, den alten Minhagim Eingang in weite Kreise Deutschlands verschafft hat. In früher Jugend nach Wien gekommen, erfreute er sich schon als Hörer der Wiener-Neustädter Schule eines gewissen Ansehens. „Jung und weise", wie sein Lehrer R. Schalom ihn zu bezeichnen pflegte, hatte er den Mut, auch dem gefeierten Meister auf seinem ureigenen Gebiete entgegenzutreten. Als der Letztere den Trauernden im Vorhofe der Synagoge die Worte zurief: „Wer seinen Namen auf diesem Hause ruhen läßt, tröste euch unter den Trauernden Zions und Jeruschulajims", bemerkte R. Jakob, daß die einleitenden Worte, die nach talmudischer Ueberlieferung die abtretende Priesterwache der eintretenden Priesterwache im Heiligtume zuzurufen pflegte, nur im nationalen Heiligtume auf dem Zionsberge gebraucht werden sollten und obgleich der Lehrer auf den hohen Grad der Heiligkeit verwies, der auch unseren Synagogen zuerkannt werden muß. entschied der junge Gelehrte, daß man die Formel gebrauche, die er im Elternhause gehört hatte: „Haschern tröste dich" usw., welcher auch die in unseren Gotteshäusern gebräuchliche Formel: „Hamukaum" usw. ihren Ursprung verdankt. Es war dies aber eine der wenigen Ausnahmen. In der Regel war die Entscheidung seines Meisters für ihn maßgebend, und wenn er das Wiener-Neustädter Rabbinat um ein rabbinisches Gutachten ersuchte, tat er es in tiefer Demut und Ehrfurcht. . So leitete er eine Anfrage an dasselbe, in welcher er um eine Entscheidung über die Gültigkeit. einer Ehe bat, mit folgenden Worten ein: „Ich will an die großen Lichter herantreten, die Tag und Nacht herrschen . . ., von dort werden die Herden getränkt und die Lehrer belehrt: sind es doch die Richter des Exils, die auf der Straße wandeln, welche nach Beth-El führt, die Häupter der Tausende Israels . . ., die Meister und Lehrer, die Säulen der Lehre, die hochragenden Bäume, die Größen Oesterreichs, Rabbi Schalom, Rabbi J e k e 1 und Rabbi A r o n. Als Euer Diener und junger Schüler, der über die nachfolgende Frage der Belehrung Eueres Rabbinates bedarf, unterbreite ich Euch den Fall, der sich hier in meiner Gemeinde Mainz ereignet hat, über welchen Ihr Licht und Wahrheit bringen möget und welcher nach der von Euch gefällten Entscheidung für Israel erledigt werden soll." Wir sehen, daß die Entscheidung der Weisen 0 e s t e rr e i c h s für den Maharil auch auf anderem Gebiete, als auf dem des Minhag maßgebend gewesen. Aber in erster Reihe war es allerdings der Minhag, der religiöse Brauch im Gottesdienste, den der fromme Gelehrte in Oesterreich studiert und welchen er durch Uebung In den süddeutschen Gemeinden, namentlich an den hohen, ehrfurchtgebieteriden Feiertagen, an welchen er als Schliach Zibbur den Gottesdienst verrichtete, die weiteste Verbreitung gegeben hat. Durch die „Bräuche des Maharil", welche sein Schüler R. Sa 1 man aus St. Goar herausgegeben und durch Minhagim des R. Schalom aus Wiener-Neustadt und Rabbi Abraham Klausner ergänzt hat, wurden österreichische Traditionen in weite Kreise getragen. Und wenn der große Meister des Minhag an seinem 500. Sterbetage von der dankbaren Nachwelt gefeiert werden wird, muß auch der „Weisen Oesterreichs" und ihrer Schulen gedacht werden, der Quellen, an denen der gefeierte Lehrer sein Wissen geschöpft hat. Wie einst in einem Grabliede über einen Schriftgelehrten in Palästina könnte von ihm gesagt werden: „Oesterreich hat veredelt, was das Rheinland geboren." In Süddeutschland hat R. Jakob Möllin das Licht der Welt erblickt und in Süddeutschland wurde er zu Grabe getragen, was ihn aber unsterblich gemacht, hat er sich in Oesterreich angeeignet. Die nächste Nummer unseres Blattes erscheint wegen der Feiertage Freitag, den 7. Oktober, nachmittags. Die vorliegende Doppelnummer ist 32 Selten stark.