Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1927-05-13 · Heft 20 (13.5.1927) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 20 (13.5.1927)
Date
1927-05-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064299-3064319--15399-3088182
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 iiiilM Und wenn keiner Mutter Kind mehr von einer Kugel durchbohrt, von einer Granate zerrissen oder von tödlichen Gasen vergiftet sein Leben hingeben wird müssen, wenn keine Familie ihren Ernährer und keine Eltern ihren Sohn, der ihnen hätte Stütze im Alter sein sollen, werden beweinen müssen, dann wird ein ewiger Muttertag angebrochen sein auf Erden, jener Tag, den unser großer Prophet Jesaja im zweiten Kapitel seiner Reden uns gekündet hat: JDann wird er zwischen den Nationen richten und mächtige Völker zurechtweisen, dann werden sie ihre Schwerter zu Sensen schmieden und ihre Speere zu Winzermessern; nicht wird fernerhin ein Volk gegen das andere ein Schwert erheben und nicht werden sie fernerhin die Kriegskunst lernen." Nun aber sind wir leider noch weit von der Erfüllung dieser herrlichen Prophezeiung entfernt. Die Kriegskunst, von der der Prophet spricht, wird allenthalben gelehrt, ja die Völker, weit davon entfernt, ihre Schwerter zu Sensen umzuschmieden, suchen sich gegenseitig in der militärischen Ausbildung der heranwachsenden Generation zu übertreffen. Die Siegerstaaten unterhalten mächtige stehende Heere und gewaltige Flotten und das besiegte Deutschland, dem durch das Friedensdiktat die Erhaltung eines großen Heeres verboten wurde, überläßt es pseudomilitärischen Verbänden und Organisationen, den Kriegsgeist wachzuhalten und die Jugend im Gebrauche der Waffen und anderen Mordwerkzeuge zu unterweisen. Der Stahlhelmtag war eine Heerschau über diese kriegsmäßig ausgerüsteten Verbände und es ist daher sehr begreiflich, daß das Ausland allen Friedensbeteuerungen seitens der verantwortlichen deutschen Minister, mögen dieselben auch noch so aufrichtig gemeint sein, mit Mißtrauen gegenübersteht, solange der Geist des Hasses in einem Teil der deutschen Jugend durch verantwortungslose, aber leider nicht einflußlose Politiker gezüchtet wird. Ja selbst in unserem kleinen Oesterreich, das glücklicherweise von der Mentalität des „Stahlhelms" recht MMmmMMWMMm DIE WAHRHEIT weit entfernt ist, müßten wir es erleben, daß 'die Stätte der höchsten Bildung, die Wiener. Universität, durch die Errichtung einer Schießstätte entwürdigt, ja geradezu geschändet wurde! Stahlhelmtag und Muttertag! Ein krasserer, unüberbrückbarer Gegensatz läßt sich kaum denken. In ihm manifestiert sich so recht die Zwiespältigkeit unserer Zeit, wo angesichts der schußbereiten Kanonen Humanität und Völkerfrieden, Mutterliebe und Menschenliebe gepredigt wird* wo angesichts eines wütenden Rassen- und Klassenkampfes von Gerechtigkeit und Demokratie gesprochen wird, wo angesichts unübersteiglicher Zollmauern und eines Zollkrieges von noch nicht dagewesener Schärfe die Vertreter der Nationen bei langen Konferenzen von Freihandel schwärmen. In dieser Unklarheit, Unausgeglichenheit und allgemeinen Verworrenheit müssen wir Juden uns die Klarheit unseres Geistes bewahren und dürfen uns nicht durch Phrasen oder Schlagworte beirren lassen. Wir müssen den Dingen furchtlos ins Auge sehen und den Weg richtig erkennen, den wir zu gehen haben. Dieser Weg ist uns vorgezeichnet durch das göttliche Gesetz, das wir der Menschheit übermittelt haben, und die heilige Mission, die wir der Menschheit gegenüber zu erfüllen haben; es ist der Weg der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Friedens. Der Antisemitismus als Gruppenerscheinung. Aus einer Kanzelrede. Von Dr. Max Grunwald. „Alles Unheil, das über die Welt kommt", so lehrt der Talmud (Sanh. 102 a), „ist zum Teil durch das goldene Kalb verschuldet." Dieser Rückfall in den Götzendienst hat typische Bedeutung und findet seine Erklärung in einem Grundlzuge unseres Seelenlebens. ^••A, ^•••••«••••••••••»«••«•••♦••••••♦•••••••«♦••••••»«••«••••••••♦••»••»♦•••••••♦••••t***»»«»««^»«««^ ________Feuilleton__________________ Die Kleingläubigen. Von Dr. V. Kuttein. «Rede zu den Israeliten und sage ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch gebe, so halte das Land eine Ruhe für Gott." III, 25, 2 Ein Greis stand einst in der Sonnenglut des Tages auf seinem Felde und bearbeitete es im Schweiße seines Angesichtes. Plötzlich erschien ihm eine wunderbare Gestalt und sprach: „Ich bin Salomo. Was machst du hier?" „Wenn du Salomo bist," versetzte der Greis, „wie kannst du fragen: schicktest du mich doch in meiner Jugend zur Ameise. Geh' zur Ameise, Fauler, und sieh ihren Wandel und werde weise! Ich lernte von ihr fleißig sein und was ich lernte, tue ich noch jetzt" „Du hast nur halb gelernt," versetzte Salomo, „sie sammelt im Sommer und hat dann im Winter zu essen!" Mit diesen Worten entschwand die Gestalt und der Greis erkannte die größte Weisheit des Menschenlebens, daß es eine Zeit für Arbeit und eine für Ruhe gibt. Tatsächlich liegt in der Beobachtung dessen gar oft das Geheimnis von Erfolg und Zufriedenheit, aber nur wenige wissen diese Lehre zu beherzigen und ihr Leben und Wirken in diesem Sinne richtig einzuteilen. Viele versäumen die richtige Zeit zur Arbeit und können trotz aller Mühe das Versäumte nicht mehr einbringen, während andere nie die richtige Zeit zur Ruhe finden, sich dadurch verbrauchen und am Schlüsse keinen Genuß von aller Plage ernten. Im alten Palästina durfte nach göttlicher Bestimmung Land und Boden nur je sechs Jahre bestellt werden; das siebente Jahr war aber stets ein Brachjahr, in dem keine Aussaat. Pflanzung und Ernte stattfand. Nach sieben solchen Jahreswochen, also nach 49 Jahren, wurde das fünfzigste als Jobeljahr gehalten, für das nicht nur die Bestimmungen des Erlaßjahres galten, sondern eine durchgreifende Rückordnung der bürgerlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse auf ihren Ursprungsstandpunkt erfolgte. Diese altisraelitischen Bestimmungen vom Erlaß- und Jobeljahr sind schon oft in den Wirtschaftslehren behandelt worden. Man braucht nicht mehr über ihre Nützlichkeit zu sprechen. Aber in der Art, wie das Gottesgebot die Gedankengänge der Menschen aufnimmt, oder noch deutlicher gesagt, wie die Thora die geistige und seelische Einstellung einer Mehrzahl von Menschen dem Gebote gegenüber herausfühlt, liegt ein großes Stück Weisheit und Menschenkenntnis. „Wenn ihr dann sprechet, was sollen wir denn im siebenten Jahre essen? Siehe, wir sollen nicht säen und nicht einsammeln unseren Ertrag . . .", sagt die Thora und verleiht der ängstlichen Vorsicht und besorgten Weisheit der kleingläubigen Menschen Worte. Sie kennzeichnet die Aengstlichkeit jener, die da wähnen, sogleich verhungern zu müssen, wenn sie im Erwerbe einen Augenblick stille halten sollen. Sie glauben, sich keinen Gewinn, keine Einnahmen und kein Geschäft entgehen lassen zu dürfen und das vollends dann, wenn eine Forderung der Religion mit einer des erwerbstätigen Lebens zusammenstößt. „Herrendienst geht vor Gottesdienst" sagen sie und die Forderung des Tages bleibt siegreich. Das Juden-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.