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Die Wahrheit · 1927-05-13 · Heft 20 (13.5.1927) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 20 (13.5.1927)
Date
1927-05-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE 'WAHRHEIT tilliiiiliM Seit* 3 Eine Parallele bietet die ägyptische Geschichte. In Anu, dem heutigen Heliopolis, dem On der Bibel, zu dessen Priestern Josefs Schwiegervater gehörte, wurde die Sonne allein verehrt und jede bildliche Darstellung vom Kultus ausgeschlossen. Sonst herrschte aber in Aegypten Tieranbetung. Jeder Gau hatte seine besondere Gottheit, die man in Tiergestalt verehrte, so als Löwen, Schakal, Hund, Kuh, Ibis, Falke, Krokodil oder sonst dgl. Amenophis IV. (1385 bis 1469) — bekannter ist seine Gemahlin Nofretete — räumte mit diesem Tierkult auf. Die Verehrung der Sonne als Weltgottheit wurde Staatsreligion. Nach seinem Tode brach die Reaktion herein. Die Gaugötter in Tierform traten in ihr altes Recht ein. Ein gefügiges Werkzeug in der Hand ihrer Priester war Amenophis1 Schwiegersohn. Tutankhamen. Aehnliches berichtet die Geschichte des goldenen Kalbes. Mose vertrat den bilderlosen Gottesdienst. Wenige Wochen seiner Abwesenheit, und das Volk kehrte zu dem Gaugötzen Gosens, zum Kalbe, zurück. Das typisch Menschliche darin? Die Menschheit ist gau- und gruppenmäßig zerklüftet. Die Eigenliebe fordert Gruppenbildung, Scheidewände. Die eigene Gruppe, wie sie z. B. von Natur in der Familie gegeben ist, bedeutet eine Erweiterung des eigenen Ich, der einzelne Organismus dehnt sich zur Organisation. Dem Bedürfnis zu hassen, die Verantwortung für die eigenen Fehler anderen aufzubürden, für die eigenen Schmerzen die Ursache in anderen zu suchen, dazu dient die fremde Gruppe. Die eigene Gruppe ist das Ideale, die Zugehörigkeit zu ihr adelt, erhebt jeden über jedes Mitglied der anderen Gruppe, die der eigenen als Folie dient. Innerhalb der eigenen Gruppe ist unmotivierter Feindschaft ein Damm gezogen. Gegen die andere ist blinder Haß die naturgemäße Einstellung; sie stellt unterschiedslos die Gesamtheit aller Zugehörigen dar, jeder einzelne Zugehörige die Gesamtheit aller ihr vom Hasse angedichteten Fehler. Vorzüge des Individuums verschwinden im fremden Kollektivum, Fehler im eigenen. Nicht schlechte tarn hat für solche Naturen den Ausdruck „ketane emuna. Kleingläubige" geprägt und meint damit diejenigen, die kleinlich im Glauben an sich und klein in Glauben und Vertrauen auf die göttliche Hilfe sind. Gerade diese Einrichtung des Erlaßjahres, bei dem es heißt, zehren von dem, was man hat. ohne Aussicht, die Ausgaben durch Einnahme zu beheben, leuchtet in die kleingläubigen Herzen hinein, weil es ihnen zu glauben befiehlt: „Gott wird seinen Segen über euch bestellen." Da zeigt es sich leicht, wie die meisten Menschen nur als Segen auffassen, was irdischer Ertrag ist, was Arbeit und Geschäft als Gewinn abwirft — mit einem Worte: den Segen von Geld und Geldeswert! Daß es aber noch einen anderen Segen gibt, nämlich die Behaglichkeit. Zufriedenheit und Ruhe, die aus richtiger und zeitgemäßer Arbeit uns zuströmt, wollen wenige glauben. Der erstere macht uns äußerlich reich, der letztere aber auch innerlich, und macht das Geld zum Glück und den Reichtum zum Segen. Dieser ist dem Worte Salomos gemäß: Der Fleiß zur rechten Zeit und die Ruhe und das Genießen zur rechten Zeit. Man kann es von der Ameise, vom Erdboden, von der Natur lernen. Darum sagte einst mit feinem Witze ein Talmudlehrer: „Ich sehe niev daß ein Reh seine Nahrung aufhäuft oder ein Löwe Lastträger oder ein Fuchs Verkäufer wird, und doch sind sie alle um des Menschen willen erschaffen, aber sie leben ohne Sorgen — wie sollte nicht auch der Mensch sorgenlos leben können; sein Lebenswandel schadet ihm." Daran ist etwas Wahres. Die Menschen könnten ein zufriedeneres, ruhigeres Leben führen, wenn sie sich bescheiden-wollten, einfacher, weniger bequem in einer Hinsicht, weniger überlastet in anderer sein wollten. Sie müßten Erlaßu$d Job^l&abre;balten und Segen käme ins Haus. Sie sind aber Eigenschaften des Fremden erregen Haß, sondern der Kollektivhaß,.der ihn jenseits der Gruppengrenze erwartet, erdichtet Fehler, die ihm vorangehen.*) Ein Beispiel. Die kauiiust der aiten Deutscher» wird in der deutschnationalen Ideologie zum Beweise der Tapferkeit, ihre Trunksucht und Arbeitsscheu zur Lebensfreude, ihre Spieisucht, die selbst das eigene Weib zum Einsatz erniedrigte, zur „Neigung, sich auch den sittlichen Gefahren auszusetzen, um sich zur Stärke gegen die Wechselfälle des Geschickes zu erziehen". Wie anderseits die Deutschen in der Phantasie der Feindesgruppen zu „Hunnen" wurden, hat der Weltkrieg gezeigt. Jede Gruppe hat ihren Gau- und Gruppengötzen. Und wer etwa auf das Rind schwört, haßt und verachtet im anderen die „Köterrasse". Diese Gruppengegensätze verschärfen sich zum und im Kriege..Hat er sich aber ausgetobt, mildern sie sich. Feinde von einst schließen sich oft zur Gruppe zusammen. Nur einer Gruppe ist der Krieg in Permanenz erklärt, ihr gilt die Feindschaft nahezu alier anderen Gruppen. Es sind die Juden. Sie sind es, weil sie anders sind, wie der Fremde von der Tiroler Gassenjugend verhöhnt wird, weil er — keinen Kropf hat. Sie bleiben es, weil sie als Minderheit ungestraft als minderwertig gelten dürfen, solange, als die Eigenliebe das Gesetz der Gruppe und den Kultus der Gaugötzen, des goldenen Kalbes, in Kraft erhält, während die Nächstenliebe, das Gesetz des alten Judenbuches, der Bibel, frommer Wunsch bleibt. Der Judenhaß wechselt Form und Namen. Vorwände, die nur den Haß bemänteln, der mit den Scheidewänden der Gruppen gegeben ist. Den religiösen Haß löste, wo die Bande der Religion sich lösten oder lockerten, der Antisemitismus ab, der weder allen Semiten gilt, noch die Juden, die allein damit gemeint *) In meisterhafter Analyse des Näheren ausgeführt von F. Bernstein, Der Antisemitismus als Gruppenerscheinung, Berlin 1926, Jüd. Verlag. weitaus überängstliche „Zeitknicker", die auf der einen Seite knickerig, geizig und überkarg jede Alinute ihrer Tage für materiellen Gewinn ausbeuten zu müssen glauben, auf der anderen Seite den ganzen Ertrag ihrer Arbeit als Mittel zum Zwecke irdischen Genießens erachten. Sie sind die Ueberfleißigen, denen man zurufen möchte: „Eile mit Weile", deren Wesen und Tun die große Nervosität, Hast und Unruhe anhaftet, die sie selbst und andere um den richtigen Genuß ihrer Lebensarbeit bringt. Sie haben nur halb gelernt und wissen nicht, daß es eine Zeit der Arbeit und eine der Ruhe gibt. Das Uebel aber, an dem sie kranken, heißt: „Kleingläubigkeit." Wie manche dem Fehler verfallen, alles dem lieben Gott zu überlassen und, selbst untätig, ihr Heil und Wohl nur von oben erwarten und darin nicht recht tun, so irren diese, weil sie nichts von Gottes Hilfe erhoffen und alles von ihrer Arbeit erwarten. Beide können ob ihrer fehlerhaften Rechnung das rechte Glück nicht finden und richten sich durch ihr Zuwenig oder Zuviel selbst zugrunde. Nur ein richtiges Verständnis dessen, was die Thora mit Jobel- und Erlaßjahr für Land und Leute bezwecken wollte, könnte auch ihnen den Ausweg aus der Unstimmigkeit ihrer Auffassung von innerem und äußerem Glück zeigen. „Weniger wäre mehr" könnte man ihnen sagen, denn oft ist weniger Arbeit und Gewinn ein Posten auf der Habenseite und die große Zahlenreihe mit den vierteiligen Ziffern ein Verlustkonto, wenn man auch Lebenskraft, Seelenruhe und Berufsfreudigkeit in die Bilanz des Lebensgeschäftes einzustellen sich verpflichtet fühlt. Darum ist der Kaufmann nicht töricht, der auf die erste Seite seines Buches „Mit Gott" schreibt, nur muß er auch wirklich Gott zum Kompagnon machen und an seine Mitarbeit ernstlich glauben.

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