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Die Wahrheit · 1927-05-13 · Heft 20 (13.5.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 20 (13.5.1927)
Date
1927-05-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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£v9tfkeint jeden 3reita$ (Preis dieser Jlrnnmetr: 30 fiteoscfkeii WAHRHEIT Cestemeiiikisdke Wodicns&rift für jiidis&e Jniexessen Vttöffcntticfhnm&en der „1£nion deuiscnösferr. Juden" Redaktion und Administration: Wien II., JVeinesnfOiie JVff. 13 Fernruf 42*2*16 XLIII. Jahrgang Wien, 13. Mai 1927 Nummer 20 Ein Tag der Liebe und ein Tag des Hasses. Während in fast allen Ländlern Europas und auch jenseits des Ozeans derTagderMutter festlich begangen wurde und der Gedanke an die mütterliche Liebe alle Menschen einte, stand Berlin im Zeichen des Hasses. Allüberall war Muttertag, die Hauptstadt des Deutschen Reiches bot der Welt das abstoßende Schauspiel der Zusammenrottung aller derjenigen, denen vier Jahre eines entsetzlichen Krieges, denen ein Meer von Blut und Tränen, denen Millionen Gefallener, Millionen verkrüppelter, verwaister und verwitweter Menschen noch zu wenig ist: Stahlhelm tag! Machen wir uns einmal klar, was „Stahlh e 1 m" bedeutet. Zunächst ist er das äußere Zeichen des modernen Kampfes, des Kriegs, der zu Wasser, zu Land und in der Luft geführt, kein Mittel der Vernichtung als zu grausam ansieht, wofern es dem Kriegszwecke förderlich erscheint. „Stahlhelm" ist jedoch mehr als ein bloßes Symbol des Kampfes, er ist auch ein Ausdruck jenes Geistes, aus dem heraus immer wieder aufs neue Krieg ersteht, des Geistes, der die Völker in den großen Krieg gestürzt hat und heute bereits an der Entfachung des nächsten Völkermordens tätig ist. „Stahlhelm" bedeutet aber nicht nur Kampf gegen den „äußeren Feind", sondern auch gegen den „Feind im Inneren". Unter diesem „Inneren Feind" ist natürlich alles gemeint, das sich nicht dem Terror der Kriegshetzer beugen will. „Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag' ich dir den Schädel ein!" Der Kampf der Stahlhelmleute richtet sich natürlich in erster Linie gegen die Juden, die als Freunde des Friedens und als Mahner der Menschlichkeit den Stahlhelmleuten ein Dorn im Auge sind, der Kampf richtet sich aber weiters auch gegen die Republik und alle, welche getreu zur Republik stehen. Die Verfassung, die dem deutschen Volke die Freiheit gegeben und es aus den Ketten der preußischen Willkürherrschaft befreit hat, deren geschworene Feinde müssen natürlich diejenigen sein, welche den Militarismus und Imperialismus wieder aufrichten möchten. Sie sprechen von „Schmach" und sehen nicht, daß es die größte Schmach ist, wen;: Panzerwagen durch d?e Straßen einer friedlichen Stadt rattern und Maschinengewehre an allen Ecken aufgestellt werden müssen, um blutige Ausschreitungen zu verhindern. Sie führen „das deutsche Volk" fortwährend im Munde und sind bereit, lieber heute als morgen eben dieses Volk, das sich nach friedlicher Entwicklung sehnt damit die schweren Wunden, die ihm der Krieg geschlagen hat, Heilung finden können, in einen furchtbaren Bürgerkrieg zu stürzen, um die Herrschaft der Gewalt wieder aufrichten zu können. Doch das deutsche Volk in seiner überwältigenden Mehrheit, es hat den „Stahlhelm" weit von sich gewiesen und sich nicht durch Trommelwirbel und Trompetenschmettern verwirren oder herausfordern lassen. Der Schwarz-weiß-roten Fahne haben kaum die Hälfte derjenigen Gefolgschaft geleistet, die man erwartet hatte, und der Stahlhelmtag, an den so viele Befürchtungen geknüpft worden sind, ist wie ein böser Traum vorübergegangen. Dünkt uns nicht auch der Krieg als wie ein böser Traum? Das Schreckliche, das wir erlebt, die langen Züge der Opfer, oft kaum den Kinderschuhen entwachsen, die zur Schlachtbank geführt wurden, das Feld mit all seinen Grauen, die langen Züge der Verwundeten, die schwerverletzt und zu Krüppeln geschossen wieder zurückkehrten, die langen Reihen der Hungernden, die sich Nacht für Nacht um einen Laib Brot vor dem Bäckerladen anstellen mußten — wird das nicht mit den Jahren so unwirklich und traumhaft, daß wir es gar nicht mehr für wahr haben wollen? Und doch dürfen wir niemals daran vergessen, wir müssen die Erinnerung daran wachhalten und unseren Kindern und Kindeskindern tief in ihre Seelen einprägen, was wir in jener furchtbaren Zeit erlebten und erlitten, um in ihnen den Abscheu vor Krieg und Menschenmord zu erwecken. Und wenn wir auch daran vergäßen und die Jahre unsere Erinnerung trüben sollten, in weiter Ferne steht ein einsames, verlassenes Kriegergrab und in ihrem Kämmerlein weint eine alte, kranke Mutter um ihr Kind .... Es ist Muttertag! Doch sie hat niemanden, der ihr Blumen brächte. Von Tür zu Tür pflanzt sich der Freudenruf fort: Heil der Mutter! Doch in ihr Herz kann die Freude nicht einziehen; man hat ihr das Liebste geraubt, das sie auf Erden besessen hat. Der Tag der Mutter ist auch ein Tag der Liebe, ein Tag, der jeden Menschen mit seinem Nebenmenschen, der auch einer Mutter Kind ist, verbinden sollte. Der Gedanke an die unendliche Liebe der Mutter sollte endlich auch den Haß tilgen aus dem Herzen der Menschen: das ist der wahre Sinn des Muttertages.

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