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Die Wahrheit · 1927-04-29 · Heft 18 (29.4.1927) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 18 (29.4.1927)
Date
1927-04-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite * IllliiiliilliliiiHllllllMli'Wli^ illi'li'lillilllSlllllMil!!!!!!!!!!!^ DDE WÄHRHEIf nebenbei Unterricht in modernen Sprachen, ohne darüber das Studium der Bibel und des Talmud zu vernachlässigen. So erwarb er sich eine vielseitige und gediegene Bildung, ohne von jenem unheilvollen Zwiespalt zwischen Ueberlieferung und Zeitgeist beunruhigt zu werden, der so vielen Größeren die Harmonie der Seele zerstörte. Seine Eltern hatten ihn für den Kaufmannsstand bestimmt. Der Berliner Bankier Ephraim Veitel übertrug ihm die Leitung seines Geschäftshauses in Amsterdam, und Wessely bewährte sich trefflich in dieser Stellung. Alle freien Stunden widmete er jedoch seinen Lieblingsstudien, besonders der Ergründung der Eigenheiten der hebräischen Sprache, namentlich der Synonymen. Die Frucht dieser Arbeiten war sein erstes Werk Gan Naül (Amsterdam 1765, zweiter Teil, daselbst 1766), welches geradezu Aufsehen erregte und den Ruhm des Verfassers bis nach Italien und Polen trug. Nicht lange darauf verlor er jedoch sein Vermögen und sah sich gezwungen, in Berlin 1774 bei Josef Veitel eine Stellung anzunehmen. Hier trat er in den Kreis ein, der sich um Moses Mendelsohn scharte. Mit Mendelsohn verband Wessely innige Freundschaft. Trotz der großen Verschiedenheit dieser beiden Persönlichkeiten an Höhe und Richtung hatten sie doch vieles gemeinsam, namentlich die innige Liebe zu den idealen Gütern des Judentums, die aufrichtige, geläuterte Religiosität und jene Milde des Wesens, die ein gegenseitiges Verstehen bedingt. Im Jahre 1781 trat Wessely als Kämpfer in die Arena. Josef IL, Kaiser von Oesterreich, hatte das sogenannte „Toleranzedikt" erlassen. Darin sahen die Juden die Morgenröte einer neuen Epoche voll Licht, Aufklärung und Freiheit, die über sie heraufzog. Wessely, dem das Schicksal seiner ferneren Brüder und ihrer geistigen Kultur am Herzen lag, erließ nun an die Gemeinden Oesterreichs ein ausführliches Sendschreiben „Worte des Friedens und der Wahrheit", in welchem er sie ermahnte, sich der heranbrechenden neuen Zeit entgegenzurüsten und sich der Freiheit würdig zu zeigen. Er forderte sie auf, die im Argen liegende Erziehung der Jugend zu heben, den Unterricht zu verbessern, die Kinder stufenweise und nach rationeller pädagogischer Methode in der hebräischen Sprache zu unterrichten, in ihnen den Sinn für die Schönheiten der biblischen Poesie zu wecken, um sie dann erst in Mischnah und Talmud einzuführen, aber auch die Landessprachen und die Kenntnisse der weltlichen Wissenschaften eifrig zu pflegen und für die Verbreitung des Handwerks und des Ackerbaues unter der heranwachsenden Generation zu sorgen. Nun trat etwas ein, worauf Wessely wohl am wenigsten gefaßt war. Die Koryphäen der unentwegten Orthodoxie, namentlich in Deutschland und in Polen, denen der alte Schlendrian ein Heiligtum war, zogen mit schwerem Rüstzeug gegen ihn zu Felde, brandmarkten ihn unter heftigen Schmähungen und Zornausbrüchen als Ketzer, der das Volk zum Abfall verleiten wolle. In den italienischen Provinzen Oesterreichs jedoch fanden seine Anregungen lebhaften Beifall und Anerkennung. Die Rabbiner von Triest, Venedig, Reggio, Görz und Ancona traten eifrig für ihn ein. Diesem Streit, der sich beinahe fünf Jahre hinzog, verdanken wir zwei weitere Sendschreiben Wesselys, von der gleichen Eleganz des Stils, Vornehmheit der Gesinnung, Weite des Blicks und Tiefe der Anschauungen, wie das erste. Allein nicht nur auf der rechten, sondern auch auf der linken Seite hatte er manchen Strauß zu pflücken; so namentlich mit den jugendlichen Stürmern und Drängern, die sich um die Zeitschrift „Hammeasseph" gruppierten, und deren seichter Rationalismus, besonders, wenn er sich an religiöse Stoffe heranwagte, oft verletzend wirkte. Doch blieb er mit dieser Zeitschrift in steter Verbindung. Hier veröffentlichte er auch seine Poesien, namentlich die Elegie auf den tragischen Heldentod des Prinzen von Braunschweig und das ergreifende und tief empfundene Klagelied auf den Tod Mendelssohns. Im vorgerückten Alter stand er schon, als seine „Mosaide" erschien. Ihr ging sein schönes Sittenbüchlein „Sepher hammidooth" (Berlin 1788) voran. Trotz seiner großen Verdienste und seiner wohlverdienten Berühmtheit konnte diese seine große Dichtung nur bruchstückweise in langen Zeiträumen erscheinen. Die ersten fünfzehn Gesänge erschienen in fünf Heften zu Berlin im Jahre 1789 bis 1802, die letzten drei Gesänge wurden gar erst im Jahre 1829 in Prag veröffentlicht. In Deutschland war das Interesse für die hebräische Sprache und Dichtung rasch erloschen, in Polen jedoch noch nicht erwacht. Dagegen hatte Wessely die Genugtuung, die ersten vier Gesänge von christlichen Hebräisten ins Deutsche übersetzt und im Jahre 1795 veröffentlicht zu sehen. Es war ein verwegenes Unterfangen, eine Mosaide nach Moses zu dichten, zumal in hebräischer Sprache, wo der Vergleich mit dem unsterblichen Heldengedichte, das wir im Buche Exodus besitzen, jedesmal herausgefordert werden mußte — ein Unterfangen, an dem auch eine höhere poetische Begabung als die Wesselys hätte scheitern müssen. Wenn Wessely nicht scheiterte, so geschah dies nur' darum, weil er in weiser Abschätzung seiner Kräfte sich keine andere Aufgabe stellte, als eine solche, der er gewachsen war. Wenn also seiner Dichtung auch der große und kühne epische Zug mangelt, so behält sie doch heute noch ihren nicht zu unterschätzenden Wert, und sei es auch nur als versifizierter Kommentar zur biblischen Schilderung des Exodus, der in schönen, klangvollen, inhaltsreichen Versen die Geschichte Israels in Aegypten und bis zur Offenbarung am Sinai ausführlich und breit erzählt, das in der Bibel nur Angedeutete sinnvoll erweitert, eine Menge weiser, bisweilen sogar tiefer Gedanken enthält, in prächtigen Dialogen die handelnden Personen charakterisiert, die Situationen treffend schildert und manches Dunkel des Textes aufhellt. Oft sagt er weniges mit vielen Worten. Aber die Worte sind schön, geschmackvoll gewählt, klangvoll und melodisch. Die ganze Stilart der Dichtungen Wesselys, die man zuweilen die „klassische" zu nennen liebt, ist ja dazu angetan, einen, wenn auch manchmal dürftigen, Inhalt in dns wallende, faltenreiche Gewand der Rhetorik zu hüllen. Sehr schön gelungen sind die gereimten lyrischen Präludien zu jedem Gesänge. Unter diesen verdient das zum 17. Gesang eine besondere Hervorhebung, weil hier der universelle und ewig menschliche Gehalt der mosaischen Lehre eine wahrhaft großartige poetische Ausprägung gefunden hat. Sprachlich war die Mosaide förmlich von epochemachender und grundlegender Bedeutung. Der ganze Spachschatz der Bibel erfuhr hier eine Erneuerung und Verjüngung, trat lebendig, des Rätselhaften und Unerklärlichen entkleidet, vor die Seele des jüdischen Volkes. So wurde denn die Mosaide seit den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts unter den osteuropäischen Juden zu einem wahrhaften Volksbuch, an dem sich drei Generationen belehrt und erbaut haben. Es entstanden nachher einige ähnliche Dichtungen von geringerer Bedeutung. Aber auch die nachmalige, so herrliche Entwicklung der modernen hebräischen Poesie, die ihre Gipfel in Lebensohn dem Aelteren und dem Jüngeren und in Gordon hat, knüpft an Wessely an. Wohl hat die neue hebräische Poesie seither gewaltige Fortschritte gemacht und ist andere Wege gewandelt. Der Kreis ihrer Darstellung hat sich ungeheuer erweitert, die Skala ihrer Empfindungen ist ungleich reicher geworden, ihre Ausdrucksmittel unvergleichlich kräftiger und tiefer und ihre Ziele höher. Aber sie hat auch dann nicht aufgehört, in Wessely ihren Urahn dankbar zu verehren. In Deutschland hat er geistig keine Nachkommen hinterlassen. Wessely überlebte seinen Freund Mendelssohn beinahe um 20 Jahre. Er sah noch den Bankerott der Berliner Aufklärung und den schmählichen Abfall der Nachfahren Mendelssohns. Was wertvoll und gesund an dieser Aufklärung war, stammte mit aus seinem Geiste, doch weder er noch Mendelssohn waren stark genug, sie vor Entartung zu bewahren. Die nachher besonders in Berlin wütende Taufseuche erlebte er nicht mehr, aber auch nicht die Regeneration der jüdischen Wissenschaft durch Z u n z und seine Freunde. Im Herbst 1804 reiste er nach seiner Geburtsstadt Hamburg zur Vermählung seiner Tochter. Hier hielt er öffentliche Vorträge, bis er krank wurde. Er behielt die Geistesfrische bis zur letzten Stunde. Eines Tages unterhielt er sich mit seinem Schüler Abraham Meldola (dieser schrieb nachher Wesselys Biographie) über den wundervollen Psalm 130, wo von Hoffnung und Zuversicht und Gnade und Erlösungdie Rede ist. „Auch ich hoffe zuversichtlich, daß mir bald die Morgenröte der Erlöung aufgehen wird", schloß er. Dann hauchte er seine Seele aus. Am zweiten Adar scheni 1805 wurde er auf dem sephardischen Friedhof in Altona zu Grabe getragen. Mit ihm starb der erste und der letzte wahrhaft große hebräische Schriftsteller und Dichter der neueren Zeit in Deutschland. Sigma. Bezugsbedingungen: Halbjährig: für Oesterreich S 8.50. Ungarn Pengö 8-50, Deutschland Goldm. 7.—, Tschechoslowakei CK60—, Polen ZI. 11—, Schweiz Fr. 7:—, Amerikal Vi Doli., Italien Lire 40.—,EnglandSchilling — 15.—.Rumänien Lei 300.—, Jugoslawien Dinar 100.— ■

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